Gerettet, in letzter Sekunde

Zu den zahlreichen Orten, die ich seit Jahren beobachte gehörte auch das Grundstück Grumbkowstraße Ecke Wackenbergstraße.

Einst befand sich hier das alte Betonwerk. Jetzt wird hier Platz gemacht für eine Reihenhaussiedlung.  Der Grund für mein Interesse waren etwa 80 unscheinbare Betonsegmente, die hier seit den 1990er Jahren als Sichtschutz standen.

Grumbkowstraße April 2017

Als ich am 2. April 2017 auf dem Heimweg am Grundstück vorbei fuhr, staunte ich nicht schlecht. Das gesamte Gelände war abgetragen. Drei Bagger und ein riesiger Schlagwalzenbrecher hatten in wenigen Tagen alles zu Staub gebrochen.

Schlagwalzenbrecher Wackenbergstraße

Es war Sonntag und niemand war auf der Baustelle. Die Mauersegmente waren gekippt und lagen auf der Seite. Offenbar hatte die Hamburger Firma keine Ahnung, dass es sich bei den Betonsegmenten um Originalteile der Innerdeutschen Staatsgrenze handelt.

Mauerfriedhof Brehmestraße 1991

Die Teile stammten höchstwahrscheinlich vom Mauerfriedhof in der Brehmestraße. Als Kinder haben wir gern auf dem Mauerfriedhof zwischen den zerlegten Wachtürmen gespielt.

Abbruchbagger Grumkowstraße

Am nächsten Tag bin ich wieder in die Wackenbergstraße gefahren. Eilig bin ich auf die Baustelle und habe mich bis zum Verantwortlichen durchgefragt.

Mauersigmente der Staatsgrenze 2017

Ich habe mich kurz vorgestellt und traf auf offene Ohren. Tatsächlich  wusste das Hamburger Abrissunternehmen nichts von der prominenten Herkunft der Betonteile.  Drei Teile hatte es schon erwischt.

Teile der DDR Staatsgrenze vor dem Schlagwalzenbrecher

Mir wurde zugesagt, dass die Teile nicht zerstört sondern abgefahren werden. Bei meinem erneuten Besuch vor zwei Tagen konnte ich mich überzeugen, dass der Schlagwazenbrecher und die Baufahrzeuge abgerückt waren und die historischen Mauerteile auf ihre Abholung warten.

Mauersegment als Model für Touristen

Es war der letzte mir bekannte Ort, an dem Originalteile der Innerdeutschen Staatsgrenze in dieser Menge ungeschützt standen. Letztlich zählt, dass die Teile nicht zerstört wurden.

Nachtrag zum Artikel:

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Ausschnitt Tagesspiegel / Ulrike Scheffer

Ich habe mich sehr über den Bericht im Tagesspiegel gefreut. In der Rubrik „Leute“ habe ich mich und diese kleine Geschichte über die Mauerteile unter „Macher“ wiedergefunden.

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Ausschnitt Tagesspiegel / Ulrike Scheffer

Vielen Dank an Ulrike Scheffer  für dieses Kompliment.

 

Autor: Christian Bormann

Textausschnitte/Screenshot: Tagesspiegel, Ulrike Scheffer

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 12.04.2017

Bilder: Christian Bormann

Der Brennerberg

Anlass für diese kleine Geschichte war ein Foto von einem alten Schild im Tiroler Viertel. Das gute Stück hat versteckt in einem Gebüsch der Zeit getrotzt. Es steht hier seit Ende des 2. Weltkrieges und wurde einfach vergessen.

Schild aus den Nachkriegsjahren
Vermutlich warnte es vor dem Betreten der Trümmer und Munitionsgefahr. Die Anwohner vom Andreas-Hofer-Platz in Pankow – einfach Brenner genannt – wissen, dass es sich um einen Trümmerberg handelt.

Bombentreffer Dolomitenstraße 24.12.1943
Benannt ist der Brennerberg nach dem am 22.11.1767 im Östereichischen Tirol geborenen Andreas Hofer. Hofer war Gastwirt, Pferde- und Weinhändler. Historisch gesehen war Hofer Anführer der Tiroler Aufstandsbewegung von 1809.

Andreas Hofer, Kreidezeichnung Placidus Altmutter
Er gilt als Freiheitskämpfer gegen die französische und bayerische Besetzung. Andreas Hofer starb als Volksheld am 20.02.1810. Der Namensbezug ergibt sich aus dem im Jahre 1905 durch die Deutsche Bodengesellschaft m.b.H. angelegten Straßennetz des Tiroler Viertels.

Straßenschild am Platz
Innerhalb dieses Areals haben die Straßen alle einen Bezug zu Tirol. Daher und weil er in der gleichnamigen Straße liegt, wird er auch in der Pankower Sprache einfach Brenner genannt. Ich erinnere mich gut an die Sportstunden, in denen es bei Lehrer Schwierz hieß: „ab zum Ausdauerlauf auf den Brenner“! Das war übel.

Luftaufnahme Brenner 2017
In meiner Jugend hieß es dann, im Sommer feiern auf dem Brenner und im Winter rodeln. Der Park ist etwa 150 mal 180 Meter groß.

Fußball und Basketballplatz 2017
Auf dem Trümmerberg ist ein Spielplatz und an den Außenkanten gibt es mehrere Sitzgelegenheiten mit Tischen als gemauerte Steinpartie.

Steinpartie Sitzgruppen mit Tisch
Östlich befindet sich ein Treppenaufgang. Der erhöhte Platz ist durch ansteigende Gehwege aus allen Richtungen zu betreten. Am Fuße liegt ein Basketballplatz.

Nordaufgang
An der Nordseite befindet sich die 2005 renovierte Klecks Schule. Südlich liegt die ursprünglich von Bewohnern des Prenzlauer Berg gegründete Kleingartenanlage Bornholm 2.

Spielplatz
Der Andreas-Hofer-Platz erfreut sich heute größter Beliebtheit bei Familien, Anwohnern und wie eh und je Jugendlichen. Abgesehen von der ursprünglichen DDR-Gestaltung, deren Reste verfallen sind, befinden sich Basketball- und Spielplatz in einem bemerkenswert guten Zustand.

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Osttreppe 2017
Der Platz ist groß genug für Familien und Individualisten. Es weisst nichts mehr darauf hin, dass der Platz aus den Trümmern der 1944 im Tiroler Viertel zerbombten Wohnhäuser besteht.

Das Video zeigt den Andreas Hofer Platz und die Klecks Schule im April 2017.
Autor: Christian Bormann, 12.04.2017

red Bearbeitung: Martina Krüger, 12.04.2017

Bilder: Christian Bormann

Luftbilder: Guido Kunze

Der Pariser Wehrmachts-Cognac aus Blankenfelde

In den letzten Wochen habe ich viele Zuschriften von Lesern erhalten, die mir Zugang in ihre privaten Bunker, Scheunen und Kellergewölbe ermöglichten. So auch vor einigen Wochen in Pankow Blankenfelde. Bei der Begehung einer Scheune konnte ich gleich mehrere Ölgemälde begutachten. Die Bilder stammten aus einer Beräumung in Blankenfelde und standen hier schon einige Jahre. Nach kurzer Recherche konnte ich dem Eigentümer sagen, worum es sich bei den Bildern handelte. Ich war seitdem mehrmals auf dem Hof und das Vertrauen wuchs. Eines Abends wurde mir die Geschichte einer riesigen Weinsammlung erzählt.

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Wehrmachtbeute WK.II Cognac aus Paris

Es sollten noch viele unbestimmte Flaschen erhalten sein. Also bot ich mich zum Taxieren der Flaschen an. Gespannt stieg ich die Kellertreppe hinab. Als ich die erste Flasche in der Hand hielt, verschlug es mir die Sprache. Es war kein Wein. Cognac, und nicht irgendeiner. Gleich die erste Flasche entpuppte sich als Beutegut der Wehrmacht. Das Kontingent wurde in den 1940er Jahren in Paris geraubt. Es war durchaus üblich, Spirituosenlager des Kriegsgegners mit Weinen, Whiskys und Cognac zu beschlagnahmen und die Chargen in deutsche Flaschen umzufüllen. Als Whiskygenießer habe ich schon einige solcher Sammlerstücke gesehen.

Eiskellerfund in Blankenfelde

Frau Krüger hat sofort Kontakt mit dem heute noch existierenden Hersteller aufgenommen. Bei den Cognacflaschen aus Blankenfelde handelt es sich um eine Charge, die von der Generalität der Wehrmacht in Paris unterschlagen wurde. Der Cognac war aber nur ein Teil der fast 2000 Flaschen umfassenden Sammlung. In den 1990er Jahren hatte der Dachdeckermeister Harald Klein seine Weinsammlung in einer Scheune in der Berliner Straße am Stadtgut Blankenfelde untergebracht.

Scheune Berliner Straße am Stadtgut Blankenfelde 2017

Aufgrund des hohen Wertes gab es nur wenige Eingeweihte. Ende der 1990er Jahre verschwand die Sammlung spurlos. Nur wenig später starb Herr Klein an einem schweren Krebsleiden. Familie Klein wohnte auf dem Grundstück Hauptstraße, Ecke Mönchmühler Straße. Dieses Haus wurde im Auftrag der Witwe beräumt. Hierbei entdeckte die mit der Beräumung beauftragte Firma eine Bodenklappe in der Küche. Zunächst war nicht viel zu sehen. Offensichtlich befand sich unter der Küche ein kleiner, unter Wasser stehender Kühlkeller aus dem 19. Jahrhundert.

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Fund-Haus Hauptstraße Ecke Mönchmühler Straße 2017

Soweit noch nicht besonders. Als die Firma mit dem Abpumpen des ca. 20 cm hoch stehenden Wassers begann, war das Erstaunen groß. Ganze 2000 Flaschen an Jahrgangsweinen ab 1940 bis 1980 und Cognac aus Paris. Gut die Hälfte der Flaschen war beschädigt. Die verbliebenen fast 1000 Flaschen wurden, nachdem der Fund der Eigentümerin Frau Klein gemeldet wurde, abgefahren.

Auszug der verbliebenen Weinsammlung in Blankenfelde 2017

Frau Klein erhob keinen Anspruch und so lagern die verbliebenen Jahrgangsweine und der Cognac heute wieder in Blankenfelde. Ein großer Teil der Weine wurde schon taxiert und bewegt sich zwischen 40 und 120 € je Flasche. Der Pariser Cognac aus dem 2. Weltkrieg ist noch nicht bewertet, vermutlich liegt der Wert der Flaschen im vierstelligen Bereich.

Autor: Christian Bormann, 06.04.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 06.04.2017

Bilder: Christian Bormann

Der Tröpfelbrunnen „Kletternde Kinder“

Schon als Kind bin ich selbst am Tröpfelbrunnen Berliner-/Ecke Breite Straße herumgeklettert. Prof. Gerhard Thieme schuf 1970 den Brunnen mit dem Namen „Kletternde Kinder“.

Tröpfelbrunnen „Kletternde Kinder“ von Prof. Gerhard Thieme 1970

Aufnahmen von 1959 zeigen den Platz beim Aufmarsch der dienstfreien Volkspolizei zur Aufbauschicht im Freibad Pankow. Es gibt noch keinen Brunnen und die Hausfassade im Hintergrund trägt die Werbung der „Zeitung für Politik und Wirtschaft“.

Mai 1959 Volkspolizei Berliner-/Ecke Johannes R. Becher Straße

Ab 1970 empfingen die „Kletternden Kinder“ die kleinen und großen Pankower Freibadgäste, die mit Bus und Bahn hier ankamen. Auf einem Betonsockel liegt ein flaches rundes Brunnenbecken. Thieme setzte ein schnörkeloses Metallgerüst, ähnlich einem Klettergerüst für Kinder auf die Beckenkante.

Hintergrund „Pankower Marktleben“ von Dieter Ganz

Am Gerüst klettern und turnen 5 kleine Bronzeplastiken. Es sind zwei Mädchen und drei Knaben. Aus dem oberen Ring im Gerüst tröpfelt das Wasser in die flache Schale.

Bronzeplastiken 2017

Die heutige Fassadengestaltung im Hintergrund geht auf die 750 Jahrfeier Berlins 1987 zurück. Sie heißt „Pankower Marktleben“ und stammt von Dieter Ganz.

Berliner Straße Breite Straße 2017

Der Tröpfelbrunnen ist auch heute, nach fast 50 Jahren noch Magnet für Groß und Klein. Historisch mag er als „Hinweis auf das Freibad“ nicht gerade bedeutend sein. Es ist aber der erste Brunnen, an den ich mich als Kind erinnere und damit auf ewig mein ganz persönlicher Lieblingsbrunnen.

Autor: Christian Bormann, 13.03.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 13.03.2017

Bilder: Christian Bormann

Das vergessene Dorf zwischen Rosenthal und Blankenfelde

Viele Pankower kennen den Botanischen Volkspark Blankenfelde und nutzen ihn genauso gern wie ich. Ich bin hier seit Jahren regelmäßig mit meiner Hündin unterwegs und beobachte die Niederung an den Zingerteichen.

Eingang zum Volkspark und zur Wüsten Dorfstelle

Weniger bekannt ist, dass der Eingang zum Volkspark auch der Eingang zu einer wüsten Dorfstelle ist.

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Blankenfelder- und Rosendahlsche Feldmark um 1707

Jahr für Jahr schreite ich die Äcker ab und schaue, was beispielsweise Frost oder Starkregen an die Oberfläche gebracht haben.

Frühmittelalterliche Wüstung im Botanischen Volkspark

Das Dorf befand sich im Frühmittelalter zwischen Rosenthal und Blankenfelde. Vom Hauptweg in den Park aus sind es wenige hundert Meter, bis sich dem Besucher auf der rechten Seite des Weges eine Niederung erschließt.

Wüstung zwischen Rosenthal und Blankenfelde 2017

Am tiefsten Punkt der Niederung liegen die Zingerteiche. Sie waren ideal für die Ansiedlung von Menschen in einer Dorfgemeinschaft. Heute sind diese Teiche mit viel Aufwand wieder renaturiert worden.

Teil der Zingerteiche an der Wüstung

Der Teil des Volksparks auf dem die wüste Dorfstelle liegt, ist geologisch weitgehend im historischen Urzustand erhalten worden. Das Märkische Museum ist im Besitz von Funden aus dieser Wüstung.

Fundverzeichniskarte Märkisches Museum 1962

Auf der betreffenden Fundverzeichniskarte mit dem Namen: „Mittelalterliche Städte, Dörfer und Wüstungen und ihre Ersterwähnungen.“ ist die Fundstelle mit Nr.3 „Dorfstelle in der Niederung zwischen Blankenfelde und Rosenthal“ verzeichnet.

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Botanischer Volkspark Blankenfelde März 2017

Die Wüstung wurde um 1140 vermutlich zu Gunsten von Rosenthal und Blankenfelde aufgegeben. Die Luftaufnahme zeigt ein Teil der wüsten Dorfstelle im Volkspark Blankenfelde.

Autor: Christian Bormann, 05.03.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 05.03.2017

Bilder: Christian Bormann, Märkisches Museum

Luftbild: Guido Kunze

Der Ritter von Rosenthal

Im Jahr 2008 habe ich mich schwerpunktmäßig mit Rosenthal beschäftigt. In diesem Jahr kam ich an die Kopien von einem guten Dutzend historischer Karten der Feldmark Rosenthal.

Feldmark „Rosendahl“ um 1700
Das alte Rittergut, auch bekannt als Gutshof an der Hauptstraße, hatte es mir angetan. In einem Zeitungsartikel las ich, dass Archäologen das Erdreich auf historisch bedeutende Artefakte untersucht hatten und ohne nennenswerte Erkenntnisse wieder abgerückt waren.

Alter Gutshof Hauptstraße
Das widersprach ganz und gar meinen Erkenntnissen. Mit einem alten Plan der Gartenanlage vom Gut suchte ich nach dem schon seit 2 Jahrhunderten verlandeten Teich. Um den Teich herum standen kleine Putten.

Hofseite des Gutes 2017
Nach meinen Recherchen bestand die Möglichkeit, Stücke der Putten im Erdreich des ehemaligen Teiches zu finden. Ich wollte es wissen. Ich schnappte mir meine Hündin und rüber ging es nach Rosenthal.

Fundstelle der Gebeine 8 Jahre später
Auf dem Hof des alten Gutes verlief damals noch ein historischer Graben. Wir waren keine 15 Minuten zugange, da schabte meine Hündin an etwas Holzartigem. Behutsam wollte ich das vermeintliche Stück Holz aus dem Boden ziehen.

Gutshof Hauptstraße 2017
Ein Stück der vertrockneten Lehmkante brach, als mir der Rest der Gebeine entgegen purzelte. Jetzt waren Becken- und Beinknochen ans  Tageslicht gekommen. Ich tütete den Fund ein und fuhr zur nächsten Allgemeinmedizinerin.

Gebäuderückseite 2017
Es war mir schon klar, um welche menschlichen Knochen es sich handelt, aber in solchen Fällen hole ich mir immer Rat vom Fachmann. Als ich Frau Dr.med. Cornelia Hallmeyer die Gebeine zeigte, bestätigte Sie mir die Abstammung und schickte mich zur Polizei.

Ehemaliger Polizeiabschnitt 18, Idastraße
In der Idastraße saß damals der Polizeiabschnitt 18. Auf dem Abschnitt angekommen dauerte es nicht lange, bis ich an Beamte des Landeskriminalamtes weitergeleitet wurde. Eine knappe halbe Stunde später fuhr ich mit dem LKA im Schlepptau zurück nach Rosenthal. Der Fundort wurde genau untersucht und vermessen. Einige Wochen später schrieb der Kurier: „Hobbyforscher findet Ritter in Rosenthal“.

Autor: Christian Bormann, 05.03.2017

red. Bearbeitung: Martina Krüger, 05.03.2017

Bilder: Christian Bormann

Auf den Spuren von Schloss Schönholz 

In Pankow wird das Schützenhaus Schönholz schon gern einmal Schloss Schönholz genannt. Mit dem historischen „Schloss Schönholz“ hat es aber nur eine Gemeinsamkeit. Es wurde von der Berliner Schützengilde genutzt.

Schloß Schönholz um 1885

Aus einem um 1800 erbauten prächtigen Gutshaus, das einst der Königinplantage angehörte, wurde 1872 bis 1884 Henriette Jenrich’s Höhere Mädchenschule.

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Kartenmaterial Schönholz

Das Innere des Hauses war als Teil der Königinplantage von je her so pompös ausgestattet, dass die Bürger über die Grenzen Pankows hinaus von Schloss Schönholz sprachen.

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Eckpfosten des Ur-Schlosses 2017

Die Berliner Schützengilde kaufte vor 1900 das schon stark verwitterte alte Schloss und ließ An- und Abbauten vornehmen. Der Mittelteil blieb aber erhalten.

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Autor Christian Bormann am Pokalsockel

In den meisten Publikationen ist zu lesen, dass die Berliner Schützengilde, nachdem sie das Schützenhaus gebaut hatten, das Schloss abreissen ließen. Das stimmt so schnell nicht. Der Mittelteil der einstigen Mädchenschule blieb immer erhalten.

Der Autor beim einmessen des Schlosses

Die Schönholzer Heide war seit der Jahrhundertwende eine stark frequentierte Feiermeile, durch Nordbahn und Vorstadtwagen gut zu erreichen. Das Schloss Schönholz lag damals am Kreuzungspunkt verlängerte Heinrich-Mann-Straße Ecke verlängerte Tschaikowskistraße.

Abgleich der Karten Vergnügungspark Lunalager

Verlängert man beide Straßen auf der Karte bis in die Heide, so erhält man die alte Wegkreuzung. Rechts der Kreuzung ist der wahre Standort des damaligen Schlosses Schönholz und der damit verbundenen Restaurationen Schloss Schönholz.

Kreuzung am Schloss Kaiserin Augusta Ecke Straße nach Schönholz

Eine Zeichnung in einem Zeitungsartikel zeigt das alte Schloss Schönholz mit Pokalschale. Die Zeitung wurde von einem Historiker auf 1943 datiert. Das kann nicht richtig sein, denn 1943 waren im Schloss bereits Zwangsarbeiter untergebracht. Im Zeitungsartikel ging es um die 500-Jahr-Feier der Schützengilde. So konnte ich die Zeitung auf 1933 datieren.

500 Jahrfeier und Schützenpokal im Hof des alten Schlosses 1933

Neben dem damals noch neuen Schützenhaus am Westende der Colonie Schönholz bestand auch das alte Schloss Schönholz noch bis 1945. Auf Messplänen des Areals des Vergnügungsparks und des Lunalagers ist das Schloss noch verzeichnet.

Lagekarte Traumland Schönholz

Zusätzlich gibt es noch 2 Luftbilder der Kolonie Schönholz. Die Aufnahme von 1943 zeigt die Heide, das Zwangsarbeiterlager und das alte Schloss Schönholz.

Lagekarte Luna Lager

Auf der Luftaufnahme von 1945 ist die Zerstörung durch Fliegerbomben deutlich zu sehen. Die hier im Lager untergebrachten Zwangsarbeiter, die meisten davon Frauen, arbeiteten in der Rüstung, waren also Opfer und Ziel.

Luftbild Schönholz 1943

Die Schönholzer Heide war am Ende des Krieges ein riesiges Schlachtfeld, Gräber soweit das Auge reichte. Hiervon zeugt heute noch der kleine Ehrenhain kurz hinter dem Luna Lager.

Luftbild Schönholz 1945

Die Sowjets unterteilten die Schönholzer Heide in 3 Areale. Großflächig kamen nach dem Krieg jahrelang immer wieder Plannierraupen zum Einsatz. Vom Schloss Schönholz blieb nur ein kleiner Sockel übrig.

Letzter Baukörper vom Schloss, Sockel vom Schützenpokal um 1900

Auf den Resten des rückwärtigen Gartens des Saalbaus „Restauration Schloss Schönholz“ wurde das Heide Theater errichtet. Der Sockel, auf dem bis 1933 ein in Stein gehauener Pokal stand, ist das letzte Originalteil des Ur-Baukörpers des alten Gutshauses.

Schönholz Schützenhaus, heute fälschlicherweise auch Schloss genannt

Zur Absicherung meiner bauzeitlichen Einordnung habe ich mir Stuckateurmeister Jürgen Liebe zur Seite geholt. Er konnte mir die zeitliche Einordnung der Reichsformatziegel und des Betonputzes bestätigen.

Reste der Barock- und Reichsformatziegel

Der zweite und größere Sockel, auf dem einst die Kopie einer Carl Maria von Weber Plastik stand konnte ich nicht sicher datieren, da der Sockel komplett vom Putz umhüllt ist und die Art des Putzes zwar sehr alt aber nach dem Krieg noch gängig war.

Sockel 2. C.M. Weber Denkmal

Festzuhalten bleibt, dass trotz aller An- und Abbauten, die das Schloss in fast 50 Jahren nach Kauf durch die Berliner Schützengilde erfuhr, der Urbaukörper im Teil des Ensembles waren bis zu ihrer Zerstörung beim Fliegerangriff auf Schönholz.

Autor: Christian Bormann, 27.02.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 27.02.2017

Bilder: Christian Bormann, MVP, Bundesarchiv, historische Postkarten

 

Private Bunker in Pankow

In Pankow gibt es heute nach einige Dutzend Bunker viele sind zugeschüttet oder wurden umgenutzt.

Luna Bunker Schönholz
Am bekanntesten ist der Luna Bunker in Schönholz. Ein gutes Beispiel ist der Zivilschutzbunker am Zeiler Weg. Bis vor einigen Jahren wurde er noch als Kinderdisco genutzt.

Zivilschutzbunker Zeiler Weg 2017
Verschüttete Bunker befinden sich in allen Teilen Pankows. Mit zunehmenden Luftangriffen auf Berlin wurden eiligst die Kellerräume der sogenannten Mietskasenen zu Luftschutzräumen umgebaut.

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Luftschutzraum für 22 Personrn
Die Zwischenwände der Mietshäuser wurden durchbrochen. Damit bestand die Möglichkeit, auch unter einem zerbombten Wohnblock noch herauszukommen.

Luftangriff auf Berlin 3. Februar 1945
Auch unter meiner Wohnung waren Luftschutzräume für mehrere hundert Menschen. Sie waren unterteilt in Bunkerzellen zu je 22 Personen. Wesentlich seltener sind private Bunker in Pankow.

privater Bunker Buchholz
Als ich am Wochenende unterwegs war, bekam ich von Bekannten ein Tipp. In Buchholz sollte es noch ein privaten Bunker aus dem 2. Weltkrieg geben. Den musste ich doch wenigstens mal in Augenschein nehmen.

Bunker in Buchholz 2017
Erwartet hatte ich eine behelfsmäßige Betongrube. Was ich sah, konnte ich kaum glauben. Tatsächlich ein privater Bunker, der aber von seiner Qualität dem Luna Bunker in Schönholz in nichts nachsteht.

Eingang zum Bunker
Mit der Zusage, die Örtlichkeit nicht genauer zu benennen, durfte ich rein, um meine Geschichte daraus zu machen. Der Grundstücksbesitzer, der den Bunker bauen ließ war nicht irgendwer.

Rohre und Teile der Luftaufbereitung
Der Bauherr des Bunkers muss außerordentlich gute Beziehungen gehabt haben. Im Bunker befindet sich heute immer noch die Luftaufbereitungsanlage. Am Ende des 2. Weltkrieges, in der heißen Rüstungsphase, hatte selbst das Militär solche Mittel nicht mehr über.

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Luftaufbereitungsanlage
Das Grundstück wurde nach dem Krieg enteignet. Was mit dem Besitzer passierte, ist mir nicht bekannt. Der noch erhaltene Bunker ist in seiner Art für Pankow einzigartig. Die Panzertür hat tatsächlich Kassetten und einen Spion, wie man es von einer Altbautür erwarten würde.

Panzertür mit Spion
Der hintere Bunkerteil steht etwa 20 cm unter Wasser. Von der Decke hängt noch die alte Holzverschalung. Im Wasser liegen Rohre und andere Teile der Luftauftaufbereitungsanlage.

Ausgang
Nach 5 Minuten war der Spuk schon vorbei und die Bilder im Kasten. Bei meinen Recherchen bin ich schon in Dutzenden solcher Bauwerke gewesen. Dieser kleine private Bunker war mit seiner Bauart besonders beeindruckend.

Autor: Christian Bormann, 26.02.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 26.02.2017

Das Fischer Haus 

Zur Jahrhundertwende hieß es unter Berlinern im Streit gern mal: „Sie müssen wohl mal nach Pankow.“ Übersetzt: „Sie sollten mal zum Psychiater.“ Pankow war schließlich Ausflugs- und Erholungsort.

Fischer Haus 1905

So gab es gleich mehrere Nervenheilanstalten. Neben Prof. Emanuel Mendel praktizierte auch der jüdische Allgemeinmediziner Julius Fischer. Fischer der selbst erst in der Breite Straße 4 wohnte ließ 1902 das Haus Breite Straße 8 bis 9 bauen.

Kreuzung mit Fischer Haus 1906

Auf zwei gemauerte Geschosse wurde eine Fachwerketage mit Spitzsatteldach gesetzt. Gekrönt war das Gesamtensemble mit einem auf einer an der Giebelecke ausgeklinkten Konsole sitzenden Fachwerktürmchen. Zur Blütezeit Pankows in den 20er Jahren prägte der Fachwerkturm das gesamte Straßenbild der Kreuzung Breite und Berliner Straße.

Fischer Haus am Pankower Renner 1965

Der Name Fischer Haus geht im wesentlichen auf Frieda Fischer und ihre beiden erwachsenen Söhne zurück. Sie wurden als Juden unter den Nationalsozialisten bereits mit dem zweiten Transport aus Berlin deportiert.

Stolperstein Frida Fischer 2015

Im Jahr 2015 wurde vor dem Haus Breite Straße 8 ein Stolperstein für Frida Fischer verlegt. Zu DDR Zeiten gehörte die Breite Straße zur Protokollstrecke für Staatsgäste. Ende der 60er Jahre wurde der Turm abgebaut und das Fachwerk überputzt.

Fischer Haus u. Protokollstrecke ca.1958

Das Haus sah schon Staastsgäste wie Tito, Ghandi, Fidel Castro, Crustschow und und und. Seit 1968 residierte in der ersten Etage das Militärpolitische Kabinett Pankow mit einem Rekrutierungsbüro der Nationalen Volksarmee.

Haus Fischer Umbau 2016 bis 2017

Heute sitzt die Galerie Pankow im ersten Obergeschoss. Seit 2016 wird das Haus erneut umgebaut. Das Spitzdach wurde entfernt, um noch zwei Etagen aufstocken zu können.

Autor: Christian Bormann, 24.02.2017
red. Bearbeitung: Martina Krüger, 24.02.2017

Bilder: Christian Bormann, historische Postkartenmotive

Hundert mal Geschichte an Ort und Stelle

Hundert mal Geschichte an Ort und Stelle. So heißt unser Pilotprojekt für 2017. An 100 öffentlichen Orten werden wir 3000 QR-Spots anbringen. QR steht für Quick Response und heißt übersetzt schnelle Antwort.

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QR-Spot Bürgerpark 2017
Smartphone Besitzer können sich kostenlos den QR-Codeleser ihrer Wahl im AppStore herunterladen. An Ort und Stelle wird der Interessierte dann durch scannen des Code mit der Handykamera mit der entsprechenden Kurzgeschichte auf pankowerchronik.de verbunden.

Frau Krüger setzte den erste Spot 22.02.2017
Während der Pilotphase werden die QR-Spots regelmäsig überprüft und erneuert. Nach sechs Monaten werden wir die Statistiken auswerten und sehen ob es lohnt, die Spots weiter zu pflegen und neue hinzuzufügen. Am 22. Februar haben wir die ersten QR-Codes gesetzt.

Infopost Pilotprojekt 100×Geschichte
Das Foto zeigt Frau Krüger beim Befestigen eines QR-Codes vor dem Bethanienturm auf dem Mirbachplatz. Zwischenziel ist es, bis zum 1. April 100 Orte mit 3000 QR-Spots ausgestattet zu haben. In der Materialschlacht steht uns das Pankower Unternehmen BIP GmbH zur Seite.

Autor: Christian Bormann, 23.02.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 24.02.2017

Bilder: Christian Bormann

Bormann's Pankower Chronik. Sagen, Mythen und Legenden aus Pankow. Autor Christian Bormann.