Archiv der Kategorie: Berliner Mauer

Kleine Sensation, 80 Meter innerdeutsche Staatsgrenze im Urzustand in Pankow entdeckt

Die Entdeckung gelang mir bereits 1999, bis heute habe ich sie jedoch geheim gehalten. Es geht um etwa 80 laufende Meter innerdeutsche Staatsgrenze vom 13. August 1961 im Urzustand. Das letzte noch existierende Stück Berliner Mauer 1 im Originalzustand.

Autor-, und Heimatforscher Bormann auf der Berliner Mauer vom 13. August 1961

Im Urzustand heißt: die erste Generation der Behelfsmauer mit kompletten Antipersonenaufbau. Der auf der ganzen Welt bekannte Stacheldraht, ergänzt durch Strom und Alarmdrähte.

Erhaltene Aufbauten innerdeutsche Staatsgrenze Pankow-Schönholz

Selbst die Verteileranschlüsse der Alarmdrähte sind noch vorhanden. Es handelt sich nicht um einen extra errichteten Mauerstreifen. Wie am 13. August 1961 beim hastigen Mauerbau üblich, wurden bestehende Bauwerke mit einbezogen.

Verteiler mit Meldedrähten der Alarmanlage 1961, 2018 Pankow-Schönholz

Die 80 Meter Staatsgrenze wurden auf der Außenwand mehrerer zerbombter Mietshäuser in der Schützenstraße Schönholz errichtet.

Bahnhof Schönholz, links Sperrgebiet der DDR Staatsgrenze, rechts Reinickendorf

Die zerstörten Mauerteile wurden mit weißen Steinen wieder aufgemauert und Lücken geschlossen. Die Kellerzugänge der Häuser wurden gesprengt und mit Trümmern beschwert.

1961 gesprengter Kellereingang

Der Sperrstreifen musste zur besseren Verteidigung teilweise beräumt werden, um freies Schussfeld Richtung Osten zu haben.

Antipersonenaufbau und Signalanlage von 1961 auf der Berliner Mauer 2018

Von den im 2. Weltkrieg beim Angriff auf den Verladebahnhof Pankow-Schönholz zerbombten Wohnhäusern an jener Stelle ließen die Grenztruppen nur zwei Außenmauern stehen.

Mauerbau 1961, Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße

Die Trümmerreste wurden auf Loren in die Schönholzer Heide gebracht. Im Prinzip kann man sagen, dass die Wohnhäuser nur die Straßenseite gewechselt haben. Sie liegen heute gut sichtbar auf dem Grundstück des Schützenhaus Schönholz.

Schützengelände Schönholz, Schussfang aus Trümmern der Häuser Schützenstraße, Luftbild Bormanns Pankowerchronik

Es ist der etwa 4 Meter hohe Schussfang, der die Anlage umgibt. Bei Begehungen des Schussfangs wurde schnell klar, dass es sich bei den Trümmern nicht nur um die Wohnhäuser der Schützenstraße handeln.

Berliner Mauer von 1961 mit Originalaufbau, Bormann 2018

Zu meinem Erstaunen fanden sich hier auch Reste vom Vergnügungspark Traumland Schönholz und dem später darauf errichteten Zwangsarbeiterlager Luna Lager Schönholz.

Grenzverlauf Pankow-Schönholz 1967 grün, Mauer 1 von 1961 lila, erhalten ist das Dreieck Schützenstraße

Mehreren Zufällen der Geschichte ist es zu verdanken, dass diese 80 Meter Mauer 1 noch stehen. Nur 200 Meter weiter befand sich der erfolgreichste Fluchttunnel der DDR.

Fluchttunnel hinter dem Grabstein Friedhof Pankow

Mehreren hundert Menschen soll die Flucht durch den Pankower Friedhofstunnel gelungen sein. Die DDR-Führung reagierte schnell. Der Friedhof wurde teilweise beräumt um einen Todesstreifen zu errichten.

Ehem. Todesstreifen auf 1963 exhumierten Teil des Friedhofs, anstelle der Vorlandmauer sind Pflastersteine im Boden eingelassen

Die im Anschluss daran gebaute Grenzanlage bestand aus den heute noch bekannten L-Teilen der Vorlandmauer, eine rückwärtige Mauer  Richtung West-Berlin gab es hier nicht.

vergessener Teil der Berliner Mauer 2018 Bahnhof Pankow-Schönholz

Als Ersatz diente die S-Bahntrasse Wollankstraße und Schönholz. Der zweite Zufall der Geschichte baute auf dieser baulichen Abweichung auf.

Ehem. Staatsgrenze Schützenstraße Schönholz 2018

Während die gut sichtbare und allen bekannte Vorlandmauer in Pankow abgetragen und auf dem Mauerfriedhof Brehmestraße geschreddert wurde, blieb die echte Berliner Mauer von 1961 auf dem Eckgrundstück Schützenstraße bis heute unerkannt stehen.

Erhaltene Stacheldraht-, Strom- und Signalaufbauten der Staatsgrenze der DDR in Schönholz

Ich habe das Grundstück jetzt 18 Jahre unter Beobachtung. Heute Nachmittag war ich mit unserem Drohnenpilot Guido Kunze zur Dokumentation des Zustands der technischen Anlagen und der Maueraufbauten verabredet.

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In Anbetracht des guten, aber von Verwitterung bedrohten Zustands der Anlage und dem Risiko, dass ich eventuell anrückende Bagger zu spät bemerke, habe ich mich entschieden meinen Fund heute öffentlich zu machen und zu melden. In meinen Augen handelt es sich hierbei um ein Bauwerk von herausragender kultureller Bedeutung und damit von besonderem historischen Wert. Ich hoffe, dass die zuständigen Ämter meine Begeisterung teilen und zeitnah tätig werden.

Autor u. Heimatforscher Christian Bormann auf der Berliner Mauer

Parallel zur dieser Veröffentlichung wurde das Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie, sowie die Pressestelle des Bezirksamt Pankow schriftlich über den Fund informiert und aufgefordert, sich umgehend für den vorläufigen Schutz der Anlage einzusetzen.

Videoclip: erhaltene Berliner Mauer Pankow-Schönholz 2018

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360° Panorama Grenzanlage Schönholz und Schützengelände in der Heide 2018

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Autor: Christian Bormann, 21.01.2018
Bilder: Christian Bormann, Guido Kunze, Bundesarchiv

Dieser Beitrag ist für meine liebe Freundin Martina Kopera.

Martina ich wünsche Dir viel Kraft und bin in Gedanken bei Dir.

Chris

 

Die Villa vor Schönholz und der Borussia Park

  • Zu den bekanntesten vergessenen Orten in Pankow gehört die Villa vor Schönholz. Das Grundstück gehörte 1911 der Terraingesellschaft Bahnhof Schönholz GmbH. Im historischen Andressverzeichnis ist der Mühlenbesitzer und Ingenieur Heinrich Bollenbach und später die Witwe M. Bollenbach eingetragen.
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Villa vor Schönholz 2017

Die mit prächtigem Stuck geschmückte Gründerzeitvilla war seit je her mit einem Park umgeben und lag zwischen dem Bahnhof Schönholz und der Heide. Mit der Schönholzer Heide, die sich bis zur Olympiade 1936 zu Berlins größtem Freizeit- und Erholungspark entwickeln sollte in der Nachbarschaft, lag es nah auch hier gewerblich zu feiern.

Restaurant  Schaller

Auf alten Postkarten sind die Namen unterschiedlicher Betreiber zu sehen. Zum einen wäre da Schaller’s Restaurant Tivoli und auch von Max Rudolph’s Restaurant Borussia Park sind noch Bilder erhalten. Eine der Karten zeigt den Eingang zum Borussiapark mit Blickrichtung Bahnhof Schönholz. Heute entspricht das der Kreuzung der Straße vor Schönholz Ecke Provinzstraße.

Provinz- Ecke Straße vor Schönholz

Auf den historischen Bildern ist noch der echte Treppenaufgang zum Säulenportal zu sehen. Die echte Fülle der Stuckarbeiten lässt sich erst anhand der alten Aufnahmen erahnen. In den Nachkriegsjahren wurde die Villa ab 1945 als Altenheim genutzt. Wärend dieser Phase wurde die innerdeutsche Staatsgrenze errichtet. Plötzlich lag das Altenheim im Borussia Park in der Sperrzone. Als erste Maßnahme wurden die Fenster Richtung Vorlandmauer, die nur einen beherzten Sprung entfernt stand zugemauert.

Max Rudolph’s Borussia Park

Die Fenster Richtung Wedding sind heute Parterre noch zugemauert. Auch der Dachstuhl und dessen Fenster sind nicht original. Das Altenheim musste 1975 einer Dienststelle der Volkspolizei weichen. Diese passte mit ihren Aufgaben eher in eine Zone mit gesonderter Zutrittsgenehmigung.

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Postkarte Restaurant Borussiapark

Im Verlaufe des weiteren Ausbaus des Todesstreifen wurde auch der Friedhof zwischen Bürgerpark und Villa in Mitleidenschaft gezogen. Über den Friedhof verlief jetzt die Vorlandmauer. Zeitzeugen berichteten, das die Leichname aus Gräbern, die jünger als 3 Jahre waren, exhumiert werden mussten. Die Gebeine sollen 2 Wochen im Keller der Villa vor Schönholz zwischengelagert worden sein. Wegen des bestialischen Verwesungsgeruchs beschwerten sich die Anwohner. Die Leichen sollen über Nacht wieder verschwunden sein.

Friedhof am Bürgerpark Schönholz

Seither wird vermutet, dass die menschlichen Überreste in einer Nacht- und Nebelaktion in der Heide verscharrt wurden. Tatsächliche Belege ließen sich hierfür aber nicht finden. Während der Zeit der Volkspolizei wurde das Gebäude auch für andere staatliche Unterdienststellen genutzt. Die Gesellschaft für Sport und Technik saß hier ebenso wie die Musterungsstelle der NVA.

Reisedokument gestempelt in Schönholz

Auch in den Jahren der Maueröffnung herrschte in der Villa vor Schönholz noch Ordnung. Auf den Papieren von Herrn Geheb, die in der Dienstelle der Villa gestempelt sind, befindet sich noch der amtliche Stempel der Volkspolizei Pankow auf dem Visum. Nach der Wende und der damit verbunden Abwicklung zahlreicher Dienststellen in Ostdeutschland wurde das Gebäude vom Gewerbeamt genutzt.

Reisedokument gestempelt in Schönholz

Hier begann der Untergang der Villa. Was niemand wusste, in den zum Teil 100 Jahre alten Akten des Gewerbeamtes schlummerte eine Zeitbombe. Und so berichtete auch schon kurz darauf der Berliner Kurier 1992 über mehrere Feuer im „Wirtschaftsamt“. Der Dachstuhl war angezündet worden. Der Kurierbericht war mir als Kind damals nicht bekannt und auch von der Funktion des Hauses wusste ich nichts.

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Villa vor Schönholz Hauptportal 2017

Eher zufällig kam ich in den Tagen nach dem großen Feuer an der Villa vorbei. Meine kindliche Neugier war geweckt. Auf dem Grundstück, keine 4 Meter vom Hausflureingang entfernt, stand ein kleines gemauertes Heizhaus. Ich betrat es als erstes, weil es abgesehen von einem Sprung über den Zaun frei zugänglich war. Ich staunte nicht nicht schlecht, der Ofen war randvoll mit amtlichen Akten und auch das gesamte Heizhaus war mit Bergen von Akten, die an unterschiedlichen Stellen angezündet worden waren, vollgestopft.

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Eingang Hausflur

Die in die Jahre gekommene Villa stand nach dem verheerenden Feuer ohne Dach da, zugemauert bis in den ersten Stock gab sie ein trauriges Bild ab. Ich wollte unbedingt hinein und so kletterte ich am Blitzableiter links vom Balkon die Fassade hoch. Auf dem Balkon angekommen betrat ich durch eine der Flügeltüren ein riesiges Amtszimmer im 1.OG. Auf den Tischen standen noch die Tassen, es sah aus wären die Beamten zur Mittagspause.

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Grundstück 2017

Die Schränke und Schubladen waren alle geöffnet oder herausgerissen, alles was das Haus an Akten hergab, wurde in den Hausflur und auf den Dachboden der Villa geschafft. Genauso wie im Heizhaus wurden auch hier die Feuer an mehreren Stellen gelegt. Dem Zufall der Geschichte ist es zu verdanken, dass die Feuerwehren schnell genug vor Ort waren.

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zugemauerte Fenster zum Todesstreifen

Der Plan, die Akten mit dem Gebäude zu vernichten, platzte. Bis heute ist unbekannt, wer für die Feuer verantwortlich ist. Ich stöberte in den Unterlagen, es waren durchgängig amtliche Gewerbeunterlagen aus Pankow, zum Teil schon zur Kaiserzeit angelegt.

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Botschaftsgekände Sambia 2017

Damals erregten die Stempel und ihre staatlichen Zeichen mein Interesse. Neben den Stempeln aus der Kaiserzeit hatten die mit Adler und Hakenkreuz einen besonders schaurigen Eindruck auf mich als Kind gemacht und so packte ich einige der Unterlagen ein und nahm sie mit.

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Versorgungschacht

Ich erinnerte mich noch gut an den gruseligen Keller. Aus dem zugemauerten Hausflur gab es kein Licht, es war dunkel und roch modrig, vereinzelt drang Sonnenlicht durch die vergitterten und notdürftig verbarrikadierten Kellerluken.

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Teil der Grenzanlage Provinzstraße

An den Wänden hingen noch Wandzeitungen zum Wohlgefallen des sozialistischen Bruders. Von den Leichen wusste ich damals noch nichts, zum schlecht träumen reichte der gruselige Keller aber allemal. Wochen später schaute ich mir einige der Dokumente, die ich aus der Villa mitgenommen hatte, genauer an.

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ehem. Straßensperren der Zufahrt Provinzstraße

Mir waren bekannte Namen von Straßen und Gewerben aufgefallen und so begann ich die Akten zu lesen. Mit dem Inhalt erklärte sich auch das Feuer. Es waren zum Teil schon zu Kaiserzeiten angelegte Gewerbeunterlagen, weitergeführt von den jeweiligen Regierungen, auch zu Zeiten der Nationalsozialisten reine Gewerbeunterlagen. Erst mit der Vortführung der Akten durch die Deutsche Demokratische Republik beinhalteten die Gewerbunterlagen Stasidossiers.

Meister Liebe’s Borussia vor Schönholz

So war gleich in der ersten Akte das Dossier über den Betreiber einer Kneipe in der Brehmestraße.  Aus dem Text ging sinngemäß hervor, der Gastwirt Mustermann hätte eine Vorliebe für junge Männer. Da dieses sein Geheimniss sei, könne man die Person im Bedarfsfall mit diesen Erkenntnissen konfrontieren und unter Druck setzn.

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Luftbild Villa vor Schönholz

Der brisante Inhalt der Gewerbeunterlagen war der Auslöser für das verheerende Feuer. Die Beteiligten wussten, dass es eine Frage der Zeit war, bis ihr Inhalt entdeckt und die Verantwortlichen hätten belangt werden können. Die Villa wurde grundsaniert und 1999 von Sambia als Botschaft gekauft, wegen fehlender Mittel aber nie bezogen. Jetzt ist das Haus wieder verblombt und gammelt vor sich hin. Zuständig ist das Auswärtige Amt. Das sieht kein Grund zu handeln.

https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1527555050648448&substory_index=0&id=954046311332661

Autor: Christian Bormann, 09.07.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 09.07.2017

Fotos: Christian Bormann, Hannes Geheb, Annemarie Weister (Freundeskreis der Chronik Pankow e.V.) / Friedhof III,

Luftbild :Guido Kunze

Der Mauerfriedhof Pankow Brehmestraße

Nach dem Fall der Mauer 1989 wurde Mitte Juni 1990 mit dem Abriss begonnen.
Die Grenztruppen waren damals völlig überfordert mit der gewaltigen Aufgabe.
Karl-Heinz Goldschmid hörte vom Aufruf zur Unterstützung. Der gelernte Ingenieur war zuvor Mitarbeiter des Staatseigenen Schuttentsorgungsbetrieb „Modernisierung Pankow“. In seinem eigenen Kiez wollte er anfangen. Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft „Recycling Grenzanlagen“, ausgeführt von der Bundeswehr, öffnete Goldschmid den Grenzübergang Pankow Wollankstraße.

Grenzübergang
Grenzübergang Wollankstraße 1990

Der offizielle Abriss der Innerdeutschen Staatsgrenze beginnt am 13. Juni 1990 Bernauer-/ Ecke Ackerstraße. In der Pankower Brehmestraße, auf dem ehemaligen Sperrgebiet, befand sich der Sammelpunkt.

Sperrgebiet
Todesstreifen Innerdeutsche Grenze Brehmestraße 1985

Hier wartete das grüne Ungeheuer auf die Mauerteile. Das grüne „Ungeheuer“ war ein riesiger Schlagwalzenbrecher, eine Spezialanfertigung eigens für die Aufgabe, die Mauer zu zermalmen. Karl-Heinz Goldschmid war jetzt Herr über das Ungeheuer und den Pankower Mauerfriedhof.

Mauerfriedhof
Mauerfriedhof Brehmestraße 1991

Am 21. März nahm das Ungeheuer seine Arbeit auf, 11 Stunden zermalmt es täglich 140 LKW Ladungen mit 15000 Tonnen Beton. Fast zwei Jahre lang frisst sich der Schlagwalzenbrecher durch 155 km stahlbewehrten Beton.Die Bruchstücke kamen in eine Prallmühle und wurden zu Staub.
Anwohner der Brehmestraße erinnern sich noch gut. Wer sein Mittagessen bei offenem Fenster einnahm, hatte wortwörtlich den Staub der Geschichte zwischen den Zähnen. Das feine Betonmaterial wurde zum größten Teil für den Ausbau der Autobahn Richtung Buch verwendet.

Mauerreste
Mauerfriedhof zwischen Dolomitenstraße und Brehmestraße 1991

Etwa 500 Mauerteile wurden in die ganze Welt verkauft oder verschenkt. Als Kinder spielten wir fast täglich auf dem Mauerfriedhof. Betonsegmente von Wachtürmen und Mauer stapelten sich zu Bergen unterbrochen von Förderbändern Baggern und Bauwagen. Aber auch Touristen und Kamerateams aus der ganzen Welt zog der Mauerfriedhof an. Jeder wollte damals sehen wie die Mauer zu Staub zerfällt.
Nachdem das Werk vollbracht war wurde das grüne Ungeheuer 1993 abgeschaltet und ein kleines Kapitel deutscher Geschichte geschlossen.

Autor: Christian Bormann, 05.11.2014
technische Leitung: Nadine Kreimeier
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 10.04.2016

Bilder: Nick Nac, Christian Bormann
Hintze CPS

Grenzübergang Bornholmer Straße

Der Grenzkontrollpunkt Bornholmer Straße war eine ruhige Ecke Berlins, umgeben von Kleingartenkolonien und Mietshäusern. Etwas Verkehr gab es lediglich aus Richtung West-Berlin, denn Bundesbürger durften den Übergang zur Aufrechterhaltung der Devisenbeschaffung der DDR benutzen.

Grenzkontrollpunkt Bornholmer Straße
Grenzübergang Bornholmer Straße

Im Rahmen neuer Bestimmungen zur Reiseregelung für DDR-Bürger lud Günther Schabowski zu einer Pressekonferenz. Das West-Fernsehen war wie immer vor Ort. Zu diesem Zeitpunkt rechnete niemand mit wirklich interessanten Neuigkeiten, als das Unfassbare passierte. Schabowski verkündete lax die neue Reiseregelung, ohne die zusätzlichen Vermerke registriert zu haben. Darauf nagelt ihn ein Journalist sofort fest, und fragt ob diese Regelung ab sofort gilt. Etwas irritiert blättert Schabowski kurz in seinen Mitteilungsblättern, worauf der alles entscheidende Satz fällt: „Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“.

Grenzkontrollpunkt Bornholmer Straße
Grenz Kontrollpunkt im Sowjetischen Sektor Bornholmer Straße

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. In den folgenden Stunden versammelten sich mehrere Tausend Berliner auf der Ost-Seite der innerdeutschen Grenzkontrollstelle Bornholmer Straße. Die DDR-Bürger wollten sofort von ihrem neuen Reiserecht Gebrauch machen. Unverzüglich. Der Leiter der Passkontrolleinheiten Oberstleutnant Harald Jäger und seine Truppe waren angesichts des endlosen Zustroms an Menschen völlig hilflos. Die Ereignisse gingen derart schnell vonstatten, dass Hilfe von ihren Vorgesetzten ausblieb. So erfolgte gegen 21:20 Uhr die Auslösung der Alarmkette. Daraufhin durften einzelne Personen die Brücke passieren. Was sie nicht wussten: ihr Ausweis wurde entstempelt und sie somit ausgebürgert. In den darauffolgenden zwei Stunden wurde der Druck der Menschenmassen auf den Kontrollpunkt so gewaltig, das die Passkontrolleinheit die Verteidigung des Kontrollpunktes aufgab. Um 23:29 Uhr öffnete Oberstleutnant Harald Jäger eigenmächtig den Schlagbaum an der Böse-Brücke. Die Menschen bahnten sich nun unkontrolliert ihren Weg durch die Grenzanlage Richtung West-Berlin.

Grenzkontrollpunkt Bornholmer Straße
Platz des 9.November 1989

Damit wurde der nördlichste der sieben innerstädtischen Grenzkontrollpunkte Bornholmer Straße zum ersten offenen Grenzübergang für DDR Bürger in Richtung Westen und damit weltberühmt. Ab diesem Zeitpunkt war die Grenzanlage der DDR ihrem Untergang geweiht.

Grenzkontrollpunkt Bornholmer Straße
10.11.1989 Pankower besuchen West-Berlin

Der Abriss der Maueranlagen schritt so rasch voran, dass die heute teilweise erhalten gebliebenen Reste zumeist unter Denkmalschutz stehen. An der Bornholmer Straße ist heute noch ein Teil der sogenannten Hinterlandmauer erhalten geblieben.

Grenzkontrollpunkt Bornholmer Straße
Vorlandmauer Bornholmer Straße 2002

Auf dem Platz des 9. November erinnert ein Gedenkstein aus Mauerresten an die historischen Ereignisse jener Nacht, die in ihren weitreichenden Folgen zu einer politischen Neuordnung in Europa führten.

Grenzkontrollpunkt Bornholmer Straße
Gedenkstein am Platz des 9.November

Autor: Christian Bormann, 02.11.2014
technische Leitung: Nadine Kreimeier
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 06.02.2016

Bildquelle:
Hintze CPS, Christian Bormann