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Haus Horridoh

An der Grabbeallee in Berlin-Pankow stehen noch so einige altehrwürdige Vorstadtvillen aus dem Historismus. Zu den schönsten gehört zweifelsohne „Haus Horridoh“. Wer kennt sie nicht, die zwei Hirschköpfe, die seit 150 Jahren stur und unbeirrt auf die gegenüberliegende Straßenseite blicken.

Haus Horridoh, Foto um 1995

Wer diese morbide wirkende Vorstadtvilla in der Grabbeallee 39 schon einmal gesehen hat, der vergisst den märchenhaften Anblick nicht so schnell. Die Eindrücke reichen von traumhaft bis gruselig, je nach Betrachter.

Haus Horridoh, Grabbeallee 39, auf diesem Foto aber als Hausnummer 38 angegeben, Foto 1958

Die Vorstadtvilla im Stil des Historismus wurde um 1870 am Verbindungsweg zwischen Pankow und Niederschönhausen errichtet. Die Straße wurde später auf Grund ihres Baumbestandes Lindenstraße genannt. Einhundert Jahre nach dem Tod des Dichters Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) wurde die Lindenstraße 1936 zur Grabbeallee.

Denkmalgeschützte Vorstadtvilla „Haus Horridoh“, Straßenansicht, Foto Juli 2021

Die Fassade von „Haus Horridoh“ ist mit Säulen, Pfeilern und Rundbögen ausgestattet. Am nördlichen Seitengiebel des dreiachsig gegliederten Hauses, hinter der gemauerten Durchfahrt, befindet sich ein großes rundes Stuckrelief, das eine sitzende junge Frau zeigt. Soweit alles sehr typisch für die Epoche des Historismus.

Treppenaufgang zu den Präsentationsräumen seiner Zeit, Foto Juli 2021

Eine besondere Abweichung ist die Giebelgestaltung. Zwei lebensgroße Hirschköpfe zieren die Fassade. Zwischen ihnen ist in altdeutscher Blockschrift „Haus Horridoh“ zu lesen. Horridoh auch Horrido ohne H geschrieben geht auf die Jägersprache zurück und soll sich vom Anfeuerungsruf bei der Treib- und Hetzjagd ableiten.

Balkon mit schmiedeeiserner Balustrade, gefasst von kleinen gemauerten Pfeilern, Foto Juli 2021

Zu dem Gesamtensemble gehört noch eine wunderschöne, gut erhaltene zweistöckige Remise. Hinter der Villa fällt das Gelände stark ab, mittig steht die Remise, die äußerlich weitgehend im Original erhalten scheint und im Gegensatz zur vorstehenden Villa fast unbekannt ist.

Frontgiebel zur Straße, zwei lebensgroße Hirschköpfe rahmen den Spruch „Haus Horridoh“ Wappenjartzsche ist raus geschnitten, Foto Juli 2021

Haus Horridoh ist als herausragendes und gut erhaltenes Beispiel für die Villen vermögender Bürger in den Vororten Berlins denkmalgeschützt. Das Dach ist vor einigen Jahren erneuert worden und dem Betrachter fällt auf, dass die Wappenkartusche im Giebel herausgeschnitten wurde. Wahrscheinlich geschah dies zu ihrem Schutz, um weitere Verwitterung zu verhindern.

Hirschkopf am Giebel Haus Horridoh, Foto Juli 2021

Auch wenn die alte Villa mit ihrem bröselnden Putz in Teilen schon einen bedauerlichen Eindruck macht, so ist sie tatsächlich in einem außerordentlich vollständigen und auch baulich noch gutem Zustand.

Römischer Säulenschmuck am Sichteingang, Foto Juli 2021

Der Bauherr war zweifelsohne Jäger oder in diesem Milieu zuhause. Und obwohl Haus Horridoh schon so lange existiert, ist über seine Besitzer so gut wie nichts bekannt.

Seitlicher Blick in den Treppenaufgang zur Straße, Foto Juli 2021

Das älteste zu recherchierende Foto ist eine Bestandsaufnahme von 1953, dort ist das Haus mit der Nummer Grabbeallee 38 und nicht wie heute mit der Hausnummer 39 angegeben.

Kleiner Figurenspiegel über dem Fenster der Frontfassade, Foto Juli 2021

Die schmiedeeiserne Einfriedung ist wohl ebenfalls noch im Originalzustand. Sie ist etwas einfach gehalten für den Historismus. Möglicherweise geschah das absichtlich, um den Blick auf die prächtige Villa nicht abzulenken.

Gemauerte Tordurchfahrt, links befindet sich der Eingang zum Hausflur, Foto Juli 2021

Was beim Vergleich der Fotos 1953 und 2021 auffällt, sind die Rundbögen, die die Einfriedung krönen. Auf dem Foto von 1953 ist im Abstand von je 2 Metern ein Rundbogen zu sehen. Auf dem Foto von 2021 trägt nur noch das erste Eingangstor den Rundbogen, der sich als Krönung aus beiden geschlossenen Torflügeln zusammensetzt.

Zwei typische kleine Bogenfenster am Nordgiebel über der Einfahrt im Historismusstil, Foto Juli 2021

Auf der gesamten Länge der Einfriedung wurden die Bögen abgesägt und durch Stacheldrahthalter ersetzt. Warum die Bögen abgesägt wurden, bleibt unbeantwortet. Der Stacheldraht zur Grundstückssicherung hätte auch so angebracht werden können.

Seitenansicht der Nordfassade mit Durchfahrt und runder Stuckkassette, Foto Juli 2021

Über den derzeitigen Besitzer ist nicht viel bekannt. Er wohnt eine halbe Treppe tiefer im ausgebauten Keller und die anderen Wohnungen im Haus sind vermietet.

Stuckkassette am nördlichen Seitengiebel zeigt eine erschöpfte Frauendarstellung sitzend in einem Stuhl. Foto Juli 2021

Durch die mit Rundbögen verzierte gemauerte Durchfahrt, an deren Ende ein zweites Tor steht, geht es zum großen Garten, in dem die gut erhaltene Remise steht. Das rückliegende Grundstück wird heute zu einem großen Teil als Nuzgarten betrieben, in dem eine kleine elektrische Eisenbahn Ihre Runden im Gehölz dreht.

Zweistöckige Remise im Garten von Hause Horridoh, Foto Juli 2021

Ich selbst war erstaunt, was sich hinter der so bekannten Frontfassade des Haus Horridoh noch alles erhalten geblieben ist und vor allem in welcher Vollständigkeit.

Autor: Christian Bormann

Red. Bearbeitung: Martina Krüger

Bilder: Christian Bormann

Die Maskenfibel von Niederschönhausen und der Goldene Brakteat von Rosenthal

Es war im Jahr 1890, als bei Planierarbeiten in der Nähe des Gutes Rosenthal (wobei Nähe als örtliche Beschreibung relativ ist) in der Niederung zwischen Rosenthal, Buchholz, Blankenfelde und Niederschönhausen drei Körpergräber aus der Latène-Zeit gefunden wurden. Der Begriff Latène beschreibt vereinfacht gesagt die Epoche der jüngeren vorrömischen Eisenzeit in Teilen Europas vom 5 Jh. v. Chr. bis Chr. Geburt. Skelett 2 und 3 lagen etwa 45 Meter auseinander. Die Knochenreste waren in einem schlechten Zustand und wurden achtlos beiseite geräumt. Das dritte Skelett wurde laut den Aufzeichnungen auf Anweisung des Amtsvorstehers von Schildow auseinandergerissen und wieder vergraben. Die Ausrichtung der drei in 1,20 Meter tief begraben Skelette wurde nicht erfasst.

Kleine Talsenke bei Blankenfelde u. Rosenthal, ebenfalls bekannt als wüste Dorfstelle zwischen Rosenthal und Blankenfelde, Foto Juli 2021

Skelett 1 und 2 waren ohne Beigaben, wobei auf Skelett 2 deutlich grüne Bronzespuren zu erkennen waren. Die Beigaben selbst waren nicht mehr erhalten, das Geschlecht aber aufgrund der Knochen auf weiblich festfelegt. Das Geschlecht von Skelett 3 konnte mit Hilfe der Grabbeigaben als weiblich bestimmt werden. In Brusthöhe waren ein goldener Brakteat und eine vergoldete Silberfibel erhalten geblieben. Fundstück (a), die vergoldete Silberfibel, ist 4,4 Zentimeter lang, hat eine aufgeklappte Kopfplatte und einen schwalbenschwanzartigen Fuß. An den Enden befinden sich zwei Fassungen, in denen ursprünglich Steine eingelegt waren. Der Fibelflügel ist mit Kerben verziert.

Beifund (a) Silberfibel und (b) goldener Brakteat aus den Körpergräbern, Abbildungen Berliner Jahrbuch zur Ur- und Frühgeschichte, 1962

Fundstück (b) ist der goldene Brakteat. Ein Brakteat ist eine getriebene Münze oder eine Medaille. Der goldene Brakteat von Rosenthal ist mit einem Perlenrand und einer Öse versehen. Hergestellt in Treibtechnik ist eine stilisierte menschliche Figur auf einem Pferd zu sehen. Ein Arm hält die Zügel, der andere ist hoch gestreckt. Die Freiräume sind mit Ornamenten verziert.

Fundstück Maskenfibel von Niederschönhausen, Latène 5. Jh. v. Chr.

Bei der berühmten Maskenfibel von Niederschönhausen handelt es sich ebenfalls um eine Fibel, aber aus Bronze. Datiert ist sie auf das 5. Jh. v. Chr. Es handelt sich hier um eine Gewandspange, auf der zwei einander abgewandte menschliche Gesichter zu sehen sind, der abgebogene Fuß ist als Widderkopf ausgestaltet. Diese sogenannten Maskenfibeln aus der Latènezeit waren räumlich vom Mittelrhein bis Nordböhmen zu finden. Funde ihrer Art sind außerhalb des Keltengebiets äußerst selten.

Bronzefibel von Niederschönhausen, Latènestil 5. Jh. v. Chr., Foto 1900 bis 1940

Vermutet wird, dass die Maskenfibel soweit nördlich des Keltengebiets als Geschenk oder Handelsgut bis auf das Gebiet des heutigen Niederschönhausen kam.

Autor: Christian Bormann

Red. Bearbeitung: Martina Krüger

Bilder: Christian Bormann, Museum für Ur- und Frühgeschichte, Berliner Jahrbuch zur Ur- und Frühgeschichte, Aufzeichnungen Ernst Kikebusch

Quellen: Berliner Jahrbuch für Vor- und Frühgeschichte 1962, Berliner Ur- und Frühgeschichte Märkisches Museum, Preußischer Kulturbesitz- Museum für Ur- und Frühgeschichte Berlin

Auf den archäologischen Spuren der Elisabeth Christine

An der Hermann-Hesse-Straße 80 liegt der der Paul-Zobel-Sportplatz auf dem Gebiet der Schönholzer Heide. Direkt hinter dem Sportplatz und parallel zur Außenmauer verlaufend liegt ein etwa 120 Meter langes Pflaster, das in seiner Art noch fast spätmittelalterlich wirkt. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit den archäologischen Resten, die sich hier in Schönholz aus einer Zeit ab 1660 bis heute quer durch die verschiedenen Epochen erhalten haben.

Gepflasterte Allee Schloss Schönholz, Weg von Schönhausen nach Schloss Charlottenburg, Postkarte um 1880

Seit vielen Jahren gehe ich davon aus, dass es sich bei dem sichtbaren Restpflaster um den Weg von Schönhausen nach Schloss Charlottenburg handelt, die heutige Tschaikowskistraße, die an Ihrem Ende in der Schönholzer Heide verschwindet. Ich bin mir sicher, dass diese gepflasterte Allee auf das Jahr 1753 zurück geht. Es dürfte sich wohl um einen der ältesten, wenn nicht den ältesten noch existierenden Pflasterweg in Pankow handeln. Aber mehr noch vermute ich, dass sich die Allee nach Schönholz nicht nur auf den sichtbaren 120 Metern hinter dem Sportplatz erhalten hat, sondern noch in Ihrer vollen Länge auf dem Gebiet von Schönholz in der Erde verborgen ist.

Sichtbarer Rest des gesuchten Pflasterweges von Schönhausen nach Schloss Charlottenburg, Foto Juni 2021

Ich habe mich mit meiner Vermutung an die Revierleiterin Cornelia Wagner vom Straßen- und Grünflächenamt Pankow gewandt. Zu meiner Freude unterstützt Frau Wagner die nötigen Sondierungsarbeiten im öffentlichen Interesse. Sollte die originale Pflasterung von 1753 noch in Gänze vorhanden sein, wäre das nicht weniger als eine kleine Sensation. Es dreht sich alles um die Plantage der Königin Elisabeth Christine.

Cornelia Wagner, Revierleiterin Straßen- u. Grünflächenamt Berlin-Pankow (links), Autor Christian Bormann (rechts), Foto Juni 2021

Bereits 2014 gelang mir und Nadine Kreimeier auf dem Gebiet der Königlichen Plantage ein spektakulärer Waffenfund. Die Geschichte erschien unter dem Titel „Die Muskete von Schönholz“. Es handelt sich dabei um einen seltenen Jagdstutzen, wie er ab 1640 gebaut wurde. In den historischen Inventarlisten, die nach dem Siebenjährigen Krieg von Schloss Schönhausen erstellt wurden wird beschrieben, dass im Schloss 3 Büchsen des Königs geraubt wurden und die Soldaten zur Plantage weiter zogen.

Muskete v. Schönholz 05.02.18 bei ZIBB RBB

Hier soll es auf dem Weg von Berlin nach Schönholz, wobei es sich um die Kreuzachse zu unserer Pflaster-Alle nach Schönholz handelt, zu einem schweren Überfall auf der Plantage gekommen sein. Der Fundort stimmt überein und auch waren diese Büchsen sehr seltene Waffen zu dieser Zeit. Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, dass es sich um eine der beschriebenen geraubten Büchsen des Königs handelt. Ich habe den Bodenfund 2015 dem Museum Pankow überlassen.

Karte 1 der Feldmark um 1720 zeigt die Allee nach Schloss Charlottenburg ohne Plantage

1662 erwarb Gräfin Sophie Theodore zu Dohna-Schlobitten das heutige Schloss Schönhausen als Landgut, wo sie 1664 ein Herrenhaus, eine Meierei und einen Park errichten liess. Schon 1680 übernahm der kurfürstliche General Joachim Ernst von Grumbkow die Ländereien. Er ließ 1685 bis 1689 das heute im Grundzug noch erhaltene Schloss errichten.

Karte 2 von 1852

Grumbkows Witwe wiederum verkaufte das Grundstück 1691 an den Kurfürst Friedrich III., auch er liess hier Umbauten, diesmal von Johann Arnold Nehring vornehmen. Erst 1704 beauftragte König Friedrich I. Johann Friedrich Erosander mit der Erweiterung der Anlage. Hier beginnt unsere Geschichte. Karte 1 zeigt die Allee bereits mit Bäumen flankiert. Schnurgerade verläuft sie von der Mitteltür des Schlosses Schönhausen, bis sie kurz vor der heutigen Straße vor Schönholz endet und als abknickender Weg durch die Feldmark Reinickendorf weiter nach Charlottenburg verläuft.

Karte 3 von 1668

Es handelt sich hierbei um den Charlottenburger Weg, damals höchstwahrscheinlich noch ungepflastert aber bereits mit Bäumen fest als Empfangsallee angelegt. 1752 kaufte Elisabeth Christine einen Teil der Schönhauser Fichten, die damals vom nördlichen Pankeufer des heutigen Bürgerpark bis zur Jungfernheide reichten. Schon im selben Jahr wird die Plantage eingezäunt. Der Weg nach Charlottenburg weicht jetzt in Höhe Tschaikowski-/Ecke Hermann-Hesse-Straße in einem leichten Bogen ab und verläuft heute als Hermann-Hesse-Straße vor dem Paul-Zobel-Sportplatz, dann weiter über die Straße vor Schönholz in die heutige Provinzstraße.

Karte 4 von 1872

Ab jetzt heißt der Pflasterweg auf dem Gebiet der Heide Allee nach Schönholz, während der Weg nach Charlottenburg bis etwa 1900, leicht verändert vor die Plantage verlegt, weiter existiert. Auf den Karten 2, 3 und 4 ist die Königliche Plantage und der jetzt herum führende Weg nach Charlottenburg in seiner neuen Form gut zu erkennen. Auf 62 Morgen sollte eine Maulbeerplantage zur Seidenraupenzucht entstehen.

Rot: gesuchter Pflasterweg, grüne Punkte: Schloss Schönhausen oben, Schloss Schönholz unten

Das sogenannte Schloss Schönholz war ein Planteurhaus und wurde auf Grund seiner pompösen Innenausstattung von der Bevölkerung als Schloss bezeichnet. Es enstand ebenfalls 1753 auf den Resten einer alten Besitzung König Friedrich I. Ich gehe davon aus, dass in diesem Jahr auch der Pflasterweg zwischen Schloss Schönhausen und der Königinnenplantage enstand.

Autor Bormann (rechts), Unterstützer Marvin Fleischer (links) beim Graben in der Schönholzer Heide, Foto Juni 2021

Die Kolonie Schönholz war eine 1763 gegründete Siedlung von Leinewebern am Rand außerhalb der Plantage, wie auf den Karten 2, 3 und 4 zu erkennen. Bis in die 1840er Jahre existierten die Königinnenplantage und der Pflasterweg noch in Gänze. Um 1880 kaufte die Berliner Schützengilde das Areal der ehemaligen Plantage. Mit dem Bau des Schützenhauses auf einem Teil der Plantage wurde der Pflasterweg mit der Umgebungsmauer überbaut.

Indiana-Jones Junior schaut sich Papas Arbeit an. Foto Juni 2021

Danach wurde die Schönholzer Heide zu Erholungsort und Partymeile, die Ihren Höhepunkt 1936 im Traumland Schönholz findet. Damals Berlins größter Vergnügungspark und schon wenige Jahre später Zwangsarbeiterlager und sogar Schlachtfeld beim Ausbruchsversuch der Deutschen Armee am 1. Und 2. Mai 1945. Nach dem Krieg wurden dann die als Reparationen erbeuteten Industrieanlagen aus Wilhelmsruh und Reinickendorf hier von der Roten Armee für Ihren Abtransport in die Sowjetunion gesammelt. So reichten 150 Jahre Geschichte, um den Pflasterweg im wahrsten Sinne des Wortes unter die Erde zu bringen und aus der Erinnerung zu tilgen.

Marvin Fleischer beim Freilegen des über 250 Jahre alten Pflasters, Foto Juni 2021

Am 19.06.2021 habe ich die ersten Sondierungen mit Marvin Fleischer durchgeführt. Der von mir vermutete Pflasterweg wurde in drei Suchabschnitte eingeteilt. Die noch vorhandenen 120 Meter sind Bereich 0. Die gesuchten drei Abschnitte sind Teil A, der Abschnitt zwischen Sportplatz und Schützenmauer, Teil B, der Abschnitt zwischen Tschaikowskistraße und Sportplatz und Teil C, das Gelände des Schützenhauses.

Autor Bormann beim Abfegen der Pflastersteine, Foto Juni 2021

Die Abschnitte sind absteigend nach der Wahrscheinlichkeit ihrer Existenz angeordnet. Samstag vormittag gegen 10 Uhr bei 30° hieß es mit Hacke und Spaten „Nu mal Butter bei die Fische“. Und schon die erste vorsichtige Sondierung war ein voller Erfolg. Das Schwitzen im Dickicht sollte sich lohnen. Für Abschnitt A konnte der Pflasterweg schon nach 2 Stunden als vollständig erhalten nachgewiesen werden.

Marvin Fleischer beim Lokalisieren des Pflasters an der Mauer Schützenhaus Schönholz, Foto Juni 2021

Wie vermutet verschwindet er unter der Umgebungsmauer des Schützengeländes. Während wir uns zu zweit mit Hacke, Spaten Erdnägeln und Handfeger durch die Büsche schlugen, stießen wir auf die nächste Entdeckung. Zwei Platanen, die den im Erdreich verborgenen Pflasterweg links und rechts parallel begrenzen. Sie gehören nicht zu den Baumbeständen der letzten 150 Jahre.

Befund, erhaltenes Pflaster in Forschungsabschnitt Teil A nachgewiesen, Foto 2021

Ihr Standort und die Anordung lassen mich vermuten, dass es sich noch um erhaltene Alleebäume der ursprünglichen Plantage handelt. Sie stehen wie natürliche Torwächter je nach Sichtweise am Anfang oder Ende der Allee von Schönholz. Um das belegen zu können ist bereits eine Inaugenscheinnahme mit Frau Wagner vom zuständigen Straßen- und Grünflächenamt vereinbart.

Abgebrochener Sondierungsversuch Forschungsabschnitt B, Foto Juni 2021

In den nächsten zwei Wochen geht es an Teil B, der Abschnitt zwischen Tschaikowskistraße und Sportplatz. Sollten Abschnitt A und auch B von mir nachgewiesen werden, so wird die Existenz des gesamten Pflasterweges erstmal amtlich erfasst und dann auch bei zukünftigen Bauvorhaben oder Landschaftsgestaltungen berücksichtigt werden.

Zwei erhaltene Riesenplatanen (Originalbestand) am Ende der Plantage begrenzen den alten Pflasterweg nach Charlottenburg

Darüber hinaus ist es auch vorstellbar, den Pflasterweg wieder freizulegen und mit entsprechender Schautafel vor Ort zu ergänzen. Das ganze Projekt ist von mir auf sechs Monate angelegt und diesmal wird der Leser noch während des Geschehens in mehreren Teilen mit auf die Reise genommen. In zwei Wochen erfolgt schon die Sondierung auf Teil B. Ich bin gespannt auf das Ergebnis und die Fortsetzung dieser Geschichte.

Link zum Video „Zirkeltag im rbb: Zu Gast: „Mauerentdecker“ Christian Bormann: https://youtu.be/IN2BFUmfOKg

Vielen Dank an Uwe Dziomba, der unsere ehrenamtlichen Aktivitäten immer mit Arbeitsgerät unterstützt.

Autor: Christian Bormann

Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger

Bilder: Christian Bormann, Bauaktenarchiv Bezirksamt Pankow, Marvin Fleischer

Kleine Feldstellung bei Bauarbeiten in der Dietzgenstraße entdeckt

Aldi baut Wohnungen in Pankow. Der Discounter möchte deutschlandweit auf eigenen Immobilien, die bislang für Supermärkte genutzt werden, Wohn- und Geschäftshäuser mit integrierten Supermärkten errichten. So auch in der Dietzgenstraße 86 in Niederschönhausen. Anfang 2021 begann die Firma Schulte mit den Tiefbauarbeiten auf einem Teil des Supermarktparkplatzes. Hierzu mussten das Pflaster enfernt und der Aushub der Baugrube gereinigt werden.

Baustelle Dietzgenstraße 86, Luftbild Juni 2021

Das Areal selbst war bis zur Überpflasterung als Parkplatz unbebautes Feld wie die Luftaufnahmen von 1928 und 1953 zeigten. Eine gute Gelegenheit, unter das Pflaster zu schauen und mit viel Glück das ein oder andere interessante Bodenfundstück zu gewinnen. Ich konnte den Baggerführer davon überzeugen, dass sich um diese kleinen, vermeintlich wertlosen Bodenfunde Geschichten für Jung und Alt erzählen lassen, die interessante Einblicke in unsere Vergangenheit geben. Der Mitarbeiter der Firma Schulte Bau war dabei. Er legte so einige Bodenfunde in meiner Abwesenheit beiseite und benachrichtigte mich.

Bauareal Dietzgenstraße 86, Luftaufnahme 1958

Durch das bereits erfolgte Abtragen der ersten Erdschicht für den Unterbau des Pflasters im Zuge der Parkplatzgestaltung der ersten Filiale befand sich keinerlei neuzeitlicher Mülleintrag mehr im Feld. In der verbliebenen, unberührten Ebene unter der Parkplatzdecke enden die Verunreinigungen durch Hausrat, Baustoffe und Ähnlichem etwa 1950.

Baumaschinenführer (rechts) und Autor Christian Bormann (links), Foto Juni 2021

Zu meiner Überraschung befand sich für die Lage des Areals ungewöhnlich wenig militärischer Eintrag im Feld. Es sollte aber nicht lange dauern, bis der Baggerführer Ende Mai auf eine Panzergranate stieß. Die Polizei sicherte die Baustelle und der Kampfmittelräumdienst transportierte das Geschoss ab. Die Panzergranate lag ungewöhnlich tief und auch ihre Ausrichtung zeigte, dass sie sich nicht ins Feld gebohrt hatte sondern hier waagerecht lag und bedeckt wurde. Nach und nach gab der sandige Boden weitere Beifunde preis.

Panzergranatenfund, Polizei und Kampfmittelräumdienst im Einsatz, Foto Mai 2021

Als erstes kamen Champagner-, Wein und Bierflaschen zu Tage, die Metallreste von zwei Spaten, eine Emaille-Waschschüssel sowie Eimer, eine Agfa-IG-Farbenindustrie-Fotofilmbüchse, zwei Konservenstücke und der Rest eines Bajonetts. Auffällig war sofort die Paarung der Getränkeflaschen und Spaten. Hinzu kam die Emaille-Waschschüssel und der Eimer für Körperhygiene. Zahlreiche weitere Metallfunde in und um die vermutlich mit zwei Mann einige Tage besetzte Feldstellung erhärtet die Annahme.

Panzergranate, Offensive Berlin 1945, Bodenfund Dietzgenstraße 86, Mai 2021

Neben der Panzergranate gab es am Fundort weitere größere Teile von mindestens einem gepanzerten Kettenfahrzeug. Nicht ungewöhnlich, schließlich liegt dieser Teil des Parkplatzes auf der Dietzgenstraße, ehemals Kaiser-Wilhelm-Straße, an exponierter Lage. Unser kurzer Rückblick in die letzten Kriegsmonate beginnt am 04. Januar 1945. In den Abendstunden fielen Bomben auf die heutige Dietzgenstraße. Am 2. Januar beschädigt eine Mine die Kirche am Friedensplatz. Vom 5. bis 8. März erleben die Niederschönhausener jede Nacht Fliegeralarm, keine Nacht mehr durchschlafen. Die Angst getroffen und zu verbrennen oder lebendig verschüttet zu werden begleitet jeden Tag und jede Nacht.

Teil eines gepanzerten Kettenfahrzeugs, Kette und Abdeckung, Bodenfund Mai 2021

Das Krankenhaus Nordend wird am 5. März ausgebombt. Vier Wochen später, am 3. April, trifft es das große Restaurant Sansoucci in Nordend gegenüber dem Straßenbahnhof. Heute liegt hier eine ummauerte freie Grünfläche, deren Höhenniveau um etwa einen Meter vom Straßenniveau abweicht. Unter der Grünfläche liegen noch die Reste des einstig berühmten Ausfluglokals. Ab 1936 verkehrten hier die NSDAP und Gleichgesinnte.

Sortierte Metallfunde, Eimer, Spaten, Kannen, Beschläge, Panzerteile und diverse kleine Metallteile

Als das Sanssouci bombardiert wurde, waren hier italienische Zwangsarbeiter untergebracht, von denen 20 Menschen beim Angriff starben. Am 16. April begann die Offensive der Roten Armee. Zu diesem Zeitpunkt leisteten die nördlichen Flakstellungen im Humboldthain, Heinersdorf, in der Thulestraße, sowie im Kreuzungsbereich der heutigen Friedrichs-Engels-Straße/Ecke Kastanienallee noch Gegenwehr. Die Zentrale Verteidigungstelle der Polizei, Wehrmacht und des Landsturms befanden sich im Bunker Rathaus Pankow.

Bodenfund Stellung, 2 Champagnerflaschen, 3×2 Weinflaschen des selben Typs, Grünglas, Normkonserve 900 CCM Wehrmacht, Alubüchse (AL-DIN 252) Wehrmacht, Bajonett, Filmdose AGFA IG. Farbenindustrie Berlin SO 36

Am 22. April sprengte die SS die Brücke am Nordgraben in Rosenthal, nachmittags erreichten erste Tiefflieger Niederschönhausen. Ab 18 Uhr kam es zu Kämpfen am nördlichen Rand des Schlossparks. Der Volksturm versuchte Buchholz und Pankow zu verteidigen, während Heinersdorf und Teile von Rosenthal schon besetzt waren.

Fotofilm, AGFA IG. Farbenindustrie Berlin SO 36, Foto Juni 2021

Nachdem die Rote Armee bereits erste Stellungen im Norden von Pankow ausbaute, griff die Deutsche Luftwaffe ein und bombardierte ab dem 23. April die ersten Stellungen der Roten Armee in Heinersdorf. Am selben Tag wurde am Tiefbunker am Nordgraben der Ortsgruppenvorsteher der NSDAP von Rotarmisten hingerichtet. Weitere Personen wurden gefangen genommen und Richtung Buchholz abtransportiert. Bei einem Tiefflieferangriff starben sechs von ihnen.

Fotofilm, AGFA IG. Farbenindustrie Berlin SO 36, Foto Juni 2021

Aus Zeitzeugenberichten wissen wir, dass Soldaten vom Flakturm Humboldthain das Entwässerungswegesystem des Nordgrabens nutzten, um in Richtung Rosenthal und Niederschönhausen zu entkommen. Ziel war der Tiefbunker am Nordgraben. Da Rosenthal seit dem 23. April zum Teil besetzt war, wichen viele nach Niederschönhausen aus.

Fotofilm, AGFA IG. Farbenindustrie Berlin SO 36, Foto Juni 2021

In den folgenden Tagen verdichtete sich der Ring um Berlin. In der Nacht vom 1. zum 2. Mai kam es auf der Dietzgenstraße zu einem massiven Ausbruchversuch der Deutschen Armee, inzwischend bestehend aus gesammelten Teilen der Wehrmacht, des Landsturms und der SS.

Restaurant Sanssouci am Straßenbahnhof Nordend vor dem 2. Weltkrieg

Besonders schwer waren die Kämpfe auf der Dietzgenstraße zwischen Friedensplatz und der Dietzgen-/Ecke Uhlandstraße. Hier befand sich in Schussweite unsere kleine Feldstellung. Das im Krieg beschädigte Wohnhaus an der Ecke Uhlandstraße wurde, abgesehen von den Kellerräumen, abgetragen und fügt sich nahtlos in den Bodenfund und seine vermutete zeitliche Funktion und Bedeutung ein.

Reste des Restaurant Sanssouci unter der angehobenen Grünfläche Dietzgenstraße, Ecke Schönhauser Straße, Foto Juni 2021

Eine besonders grausame Zeitzeugenüberlieferung trug sich im heutigen Max-Delbrück-Gymnasium zu. Während der schweren Kämpfe in der Nacht zum 2. Mai auf der Dietzgenstraße hatten sich deutsche Soldaten im Schulgebäude verschanzt.

Max-Delbrück-Gymnasium mit Turnhalle und Aula, Foto Juni 2021

Nachdem Rotarmisten das Gebäude gestürmt hatten, soll einigen SS-Soldaten der Kopf abgeschnitten worden sein, die dann auf Zaunpfählen zur Dietzgenstraße als Abschreckung aufgespießt wurden. Die Sporthalle und die Aula nahmen bei den Kampfhandlungen schweren Schaden. Am 2. Mai gegen 8 Uhr war es soweit, Berlin kapitulierte. Aus dem Rathaus Pankow wurde für die nächsten Jahre die Sowjetische Kommandantur. Für Pankower war der Zutritt verboten.

Einschüsse Sporthalle aus der Nacht vom 1. zum 2. Mai, Foto Juni 2021

Die eigentlich erhofften Fundstücke wurden in Anbetracht der Kriegsfunde zu deren Beifund degradiert, was sie nicht weniger interessant macht. Hier ein Überblick zeitlich absteigend geordnet. Wein, Bier und Limonadenflaschen von 1900 bis 1950. Besonders gut als Anschauungsobjekt geeignet ist eine geprägte Bierflasche mit der Aufschrift „Otto Reussner Berlin NW“.

Beifund Hausmüll, 2 Weinflaschen, 3 Bierflaschen u. 3 Limonadenflaschen

Es folgen kleine Haushaltsgegenstände wie Flaschen für Speisewürze, zwei Sahnekännchen, vier Gewürzbecher aus weißer Keramik, eine blaue Glasschale um die Jahrhundertwende, eine Bleiglasvase etwa aus den 1940er Jahren, ein Porzellan-Nudel- und Teigholz der Manufaktur Annaburg aus den 1920er bis 1930er Jahren, eine Tasse um 1880 bis 1900.

Historischer Hausmüll etwa 1880 bis 1950, Foto Juni 2021

Die ungestempelte Tasse ist ebenfalls ein gutes Fundstück. Eingerahmt in ein handgemaltes florales Muster was sich um den Ansatz einer Kartusche rankt, steht geschrieben: „Bei jedem Morgentrunk Seih freundlich dem Geber Erinnerung“. Der obere Tassenrand ist gekrönt von einer Porzellangirlande aussen, einem aufgemalten 1 cm breiten Goldrand und am Tassenfuß befindet sich ebenfalls ein sehr dünner Goldring.

Tasse um 1880 mit Biedermeierspruch, Foto Juni 2021

Weiter geht es mit zwei Parfumfläschen aus den 1920er Jahren, drei Glas- sowie ein Keramiktiegel für Öle, Cremes und Salben auch aus den 1920ern. Ein ganz besonderes Fundstück ist der verschraubbare Keramiktiegel. Erträgt auf dem Boden die Maßzahl „100“, dürfte wohl aus den 1940er Jahren sein und ist vollständig erhalten.

Beifund, Parfum, Creme- und Salbentiegel 1900 bis 1950, Dietzgenstraße, Foto Juni 2021

Auch die üblichen Verdächtigen, Arzneimittelflaschen aller Art von 1900 bis 1950, wie man sie allerorts auf Müllplätzen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder in den Resten von Feldlazaretten findet, kamen zum Vorschein.

Beifund Hausmüll, diverse Apotheken- u. Drogerieflaschen u. Tiegel, 1890 bis 1950

Alles in allem hat sich das Begleiten der ersten Tiefbauarbeiten gelohnt. Zutage trat mit der kleinen Feldstellung mehr als erwartet. Neben einigen interessanten Fundstücken konnte auch wieder etwas Einblick in die letzten Kriegstage in Pankow genommen werden.

Fundverzeichnis

Vermutete Feldstellung: 1945

Panzergranate, Panzerkettenglieder, 2 Spaten, Fotofilmdose AGFA I.G. Farbenindustrie Berlin SO 36, 1 Grünglas Normalkonserve 900 CCM Wehrmacht, 2 Champagnerflaschen, 2 mal 2 Weinflaschen selben Typs, Bajonett, Emaille-Waschschüssel, Emailleeimer, weitere eiserne Kleinteile von gepanzerten Kettenfahrzeug u.a. Kriegsgerät, 4 Bierflaschen, 3 Limonadenflaschen, 1 Dose (AL-DIN 252),

Beifunde: 1900 bis 1950

diverse Kleinflaschen (Apothekenbedarf), 3 braune Salbentiegel (Glas), Teigrolle/Nudelholz aus Porzellan (Annaburg), weißer verschraubbarer Porzellantiegel

Autor: Christian Bormann

Red. Bearbeitung: Martina Krüger

Bilder: Christian Bormann, Guido Kunze, Tagesspiegel, Berliner Morgenpost

Recherchequellen: Heimatsammlung Willy Manns, Pankower Chronik (Rehfeld)

Luftraumüberwachung für Schloss Schönhausen

Am 7. Oktober 1949 wurde Schloss Schönhausen von der Sowjetischen Militäradministration, die zu diesem Zeitpunkt ihre Kommandantur im Rathaus Pankow hatte, an den Präsidenten der DDR Wilhelm Pieck übergeben. Zu den ersten Gästen im Amtssitz gehörten Georgien Puschkin 1950 sowie 1957 Nikita Chruschtschow. Mit dem Tod von Wilhelm Pieck 1960 wurde die Präsidentschaft abgeschafft und das Schloss wurde zum Sitz des Staatsrates der DDR. Der neue Hausherr hieß jetzt Walter Ulbricht.

Schloss Schönhausen 2017

Mit der Fertigstellung des neuen Staatsratsgebäude in Berlin Mitte 1964 wurde das Schloss offizielles Gästehaus der DDR. Zahlreiche Staatsbesucher sah das Schloss seither. Zu den Staatsgästen und ihren Besuchen gibt es zahlreiche Anekdoten. So wurden beim Besuch von Indira Ghandi 1976 etwa die falschen Winkelemente geschwenkt. Legendär auch die Kegelbahn, die für eine einzige Übernachtung von Fidel Castro auf dem Schlossparkett installiert wurde.

Heinersdorfer Rathausturm 2018

Die meisten Staatsgäste empfing Erich Honecker. Unter anderem Leonid Breschnew 1976, Tito, den Ministerpräsidenten von Kanada Elliot Trudeau 1984 und Michael Gorbatschow 1989.  Während dieser Staatsbesuche gab es eine verstärkte Luftraumüberwachung von Pankow. Der älteste und ständige Stützpunkt war der Heinersdorfer Rathausturm, heute nur noch als Wasserturm bekannt.

Heinersdorfer Rathausturm 2018

Während des 2. Weltkrieg hatte die Wehrmacht ein Flugabwehrgeschütz auf dem Rathausturm installiert. Der Turm wurde gleich in den ersten Nachkriegstagen von den Sowjets übernommen und später zur Flugüberwachung von Tegel genutzt. Dieser Posten war bis zur Wende dauerhaft besetzt und der zentrale Flugüberwachungspunkt in Pankow.

Wilhelm Pieck u. Nikita Chruschtschow 1959

Weniger bekannt sind zwei Weitere. Es handelt sich um den Rathausturm in der Breite Straße und den Schulturm auf dem Ossietzky-Gymnasium.

Rathaus Pankow 2018

Der Rathausturm wurde ebenfalls während der Kämpfe um Pankow sofort besetzt und mit einer MG Stellung versehen. Von hier aus lies sich der Pankower Anger vom Bürgerparktor bis zur Dammerowstraße unter Beschuss nehmen.

Rathausturm Pankow 2018

Nachdem die Sowjetische Kommandantur im Rathaus aufgelöst und und das Gebäude an Pankow übergeben wurde verschwand auch die MG Stellung.

Walter Ulbricht 1960 im Schloss Schönhausen

Der Turm blieb weiterhin Sperrgebiet für Unbefugte. Während der Staatsbesuche im Schloss Schönhausen war der Turm mit Spezialkräften besetzt. Noch heute sind im Sandsteinsims die eingeritzten Abzeichen der Sowjetischen Soldaten zu finden.

Überwachungsturm Ossietzky-Gymnasium 2018

Der Rathausturm hatte in diesem schaurigen Spiel noch einen stillen Bruder. Nur wenige hundert Meter Luftlinie saß der Ersatzposten der Staatssicherheit im Turm des Carl von Ossietzky-Gymnasiums.

Erich Honecker u. Leonid Brechnew 1973

Von hier aus wurde der Luftraum und die Grenzanlage Richtung Wedding überwacht. Hin und wieder kann man am Tag der offenen Tür im Gymnasium den Turm begehen und etwas mehr über seine Rolle im kalten Krieg erfahren.

Drohnenfilme der Türme:

Heinersdorfer Rathausturm

Rathaus Pankow

Carl von Ossietzky-Gymnasium

 

Autor: Christian Bormann, 06.07.2018

red. Bearbeitung: Mandy Tiegel

Bilder: Christian Bormann, Guido Kunze, Bundesarchiv

Video: Christian Bormann, Guido Kunze (Kopterpilot)

Hotel Wilhelmshof an der Kaiser-Wilhelm-Straße

Das Hotel Wilhelmshof wurde 1905 an der Kaiser-Wilhelm-Strasse Ecke Eichenstraße erbaut. Heute lautet die Postanschrift Dietzgenstraße 59. Im Vorderhaus befand sich das Restaurant Wilhelmshof mit Ballsaal und Biergarten.

Biergarten vom Hotel und Restaurant Wilhelmshof

Das Restaurant verfügte neben dem Ballsaal und Biergarten noch über eine Kegelbahn im Anbau. Anbau, Kegelbahn und Ballsaal existieren heute noch. Links vom Restaurant befand sich der Hauptaufgang zu den Apartments.

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24.07.1917 Hotel Wilhelmshof mit Außenanlage

Ein langer, links und rechts von dezentem Stuck verzierter Treppenaufgang, gekrönt von einem schmiedeeisernen Jugenstilleuchter empfing die Hotelgäste.

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Hotel und Restaurant Wilhelmshof

Auf dem ersten Hof in der heutigen Dietzgenstraße 59 steht der einstöckige Originalanbau für den erweiterten Tanzsaal und einer der 4 Kellerzugänge. Rechts vom Restaurant in der Eichenstraße befand sich der Eingang für die Bediensteten. Sie hatten ihre eigenen kleinen Angestelltenwohnungen im Seitenflügel. Diese erreichteten sie über den zweiten Hof.

Postkarte aus dem Wilhelmshof

Bis in die 1930er Jahre befand sich gegenüber dem Hotel der letzte große Dorfteich. Der Teich am Friedensplatz wurde schon beim Neubau der heutigen Kirche mit den Trümmern der alten Kirche zugeschüttet.

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Postkarte vom Hotel um 1936

Das Hotel befand sich am zentralen Wintersportplatz in Niederschönhausen. In der Buchschen Heide wurde im Winter gerodelt und keine 50 Meter vor dem Hotel traf man sich zum Schlittschuhlaufen.

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ehem. Hotel Dietzgenstraße 59

Zwischendurch begaben sich die Wintersportler rüber zum Restaurant Wilhelmshof. Hier erholten sich Jung und Alt je nach Alter bei einer heißen Schokolade oder einem heißen Grog.

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ehemaliger Ballsaal Wilhelmshof

Das Restaurant wurde, wie damals üblich, auch an Vereine vermietet. Vereinsstammtische, Kinovorführungen und Kegelbahnen gehörten in jede gute Restauration in Pankow.

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Dienstbotenaufgang Ecke Eichenstraße

Die Vereine hielten hier ihre zahlreichen Feste und Bälle ab. Im 2. Weltkrieg hielt das Hotel den Betrieb aufrecht. Es entstand eine Rivalität zwischen dem „Sanssouci“ am Betriebshof Niederschönhausen und dem Wilhelmshof.

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Blick vom Dorfteich auf das Hotel Wilhelmshof 1937

Es heißt, im Wilhelmshof verkehrten die Pankower Handwerker und im Sanssouci die Nationalsozialisten. Im Gegensatz zum Sanssouci überstand der Wilhelmshof den 2. Weltkrieg.

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Blick auf das Hotel vom ehem. Dorfteich 2017

Beide Restaurants verfügten über große Luftschutzbunker. Das Sanssouci wurde 1945 beim Fliegerangriff zerstört, der Bunker liegt heute unter der Wiese. Anders im ehemaligen Hotel Wilhelmshof.

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Bleikristallleuchter im Ballsaal 2017

Weitgehend verschont geblieben von den Luftangriffen wurde das Hotel aufwendig umgebaut. Auch heute erinnern noch jede Menge erhaltes Inventar sowie zahlreiche Leuchter und Schilder im Haus an den Charme des Gründerzeithotels.

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Foyer Hotel & Restaurant Wilhelmshof

Keine zwei Meter hinter dem Hotelkomplex verläuft heute der Kreuzgraben parallel zur rückwärtigen Außenmauer. Die Räumlichkeiten der alten Kegelbahn im Keller befinden sich direkt auf Grabenhöhe. Wenn die kleinen Fensterverschläge des Kellers geöffnet sind, ist das plätschern des Kreuzgrabens zu hören.

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Luftschutzbunker Dietzgenstraße

Die riesige unterirdische Luftschutzanlage unter dem Wilhelmshof wurde nach dem Krieg parzelliert, um Platz für Kellerräume zu schaffen. Die Wandbeschriftungen sind heute noch zu lesen. In den 1950er Jahren wurde aus dem Hotel ein Wohnhaus.

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Eisbahn auf dem Dorfteich am Wilhelmshof

Der Teich verschwand schon in den 1930er Jahren. Geblieben ist nur der der kleine Kreuzgraben, der sich unter der Kreuzung und dann am ehemaligen Hotel vorbei schlängelt. Das Restaurant Wilhelmshof gab es weiter. Zu seiner Zeit legendär waren auch die Gärtnerbälle.

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Dorfteich Niederschönhausen

Wie schon am ersten Tag der Eröffnung den Besucher, so empfangen auch heute noch beide originale stählerne Außentüren mit ihren Jugendstilelementen den Mieter. Der Innenschmuck des Hauses ist weitgehend im Original erhalten.

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Besuchereingang Hotel Wilhelmshof

Links vom Haupteingang befanden sich eine Drogerie sowie ein Kolonialwarenhandel. Seit März 2007 sitzt hier der Versicherungsmarkler Sven Feder.

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ehem. Drogerie, heute Versicherungsmakler Sven Feder

Der Gastronomiebetrieb Wilhelmshof existierte bis 1971. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass hier leichte Mädchen verkehren. Beim Streit um die Damen bekamen die DDR-Grenzsoldaten regelmäßig die Hucke voll.

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Haupteingang im Hotel

Das wollte sich die Obrigkeit nicht länger ansehen und so wurde der der Gastronomiebetrieb kurzerhand dicht gemacht. Um auch ja keinen Zweifel an der Marschrichtung zuzulassen, wurde das Objekt des Aufsehens jetzt zur Bildungsstätte.

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Appartements im Vorderhaus

Von 1974 bis 1994 befand sich in dem ehemaligen Vergnügungstempel eine Stadtbibliothek. Im Dezember 1999 eröffnete das Ballhaus wieder. Ehrengast war eine 105-jährige Dame, die hier als junge Frau ihren Mann kennen lernte.

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Historischer Originalleuchter von 1905

Heute sind das Restaurant, der Ballsaal und die Kegelbahn verwaist. Das enorm große Objekt findet einfach keinen Betreiber. Die Appartements sind heute Mietwohnungen und erstrahlen mit ihrem originalen Stuck und den Parkettböden im ursprünglichen Glanz.

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erhaltene Stuckkassetten

Als Mieter im ehemaligen Hotel Wilhelmshof an der Kaiser-Wilhelm-Straße war es mir ein ganz besonderes Anliegen, die Geschichte meines Hauses zu erzählen.

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Dienstbotenaufgang Eichenstraße

Leider sind historische Aufnahmen oder gar Papiere von diesem Objekt äußerst selten. Wer historische Aufnahmen der Dietzgenstraße 59 besitzt oder findet, möchte sich bitte bei uns melden.

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Seitenflügel, links Dienstbotenwohnung

Allein in Niederschönhausen gibt es noch ein Dutzend solcher Restaurationen. Da wären zu Beispiel der Carlshof und das Bismarck am alten Wochenmarkt Niederschönhausen an der Waldstraße.

Autor: Christian Bormann, 26.06.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 30.06.2017

Bilder: Christian Bormann, historische Postkarten