Archiv der Kategorie: Breite Straße

Die Zentrale Verteidigungstelle im Bunker Rathaus Pankow

Auf einigen historischen Postkarten ist sie noch zu sehen, die alte Straßenbahnhaltestelle direkt am Eingang vor dem Polizeirevier im Rathaus Pankow.

Eingang mit Haltestelle 1906

Der Eingang ist heute mit einem Granitblock geschlossen und zum Kellerfenster umfunktioniert.

Eingang ehem. Zentrale Verteidigungsstelle Pankow 2017

Durch den historischen Eingang gelangte der Besucher rechtsseitig ins Polizeirevier, welches sich in den Rathausanbau erstreckte, nach links ging es direkt in den Kommandobunker.

Laufgang u. Aktenkammern ehem. Polizeirevier Pankow 2017

Die Bunkeranlage wurde 1942 bis 1943 als Leitstelle eingerichtet. Über dem Keller wurde ein Stahlbetonblock im Hochparterre bis 1 Meter unter die nächste Etage gezogen. 

vermauerte Kellerfenster und vergessenes Zimmer Sowjetische Kommandantur 1950

Zur 750 Jahrfeier Berlins wurden die Fenster zur Straße geöffnet. Der Betonblock und das Zimmer gerieten wieder in Vergessenheit. Die Bunkerdecke wurde erst 2001 vom THW entfernt.

ehem. Bürgermeister von Pankow vor der Bunkerdecke 2001

Seit 2016 wird der Kommandobunker der Zentralen Verteidigungsstelle Pankow entkernt und neu unterteilt um Platz für den Triebwerksraum des neuen Fahrstuhls zu schaffen. Der Kommandoraum an sich ist weitgehend beräumt.

neuer Fahrstuhlschacht im ehem. Kommandobunker der Zentralen Verteidigungsstelle 2017
Zimmerteil des Kommandobunkers der Zentralen Verteidigungstelle 2017
neue Zwischenwand für den Fahrstuhlraum im ehem. Kommandobunker 2017

Vom Inventar der Leitstelle selbst ist nicht mehr viel übrig. Ein paar Leitungen für die Sauerstoffversorgung. 

Reste der Bunkerbelüftung 2017
alte Stromversorgung des Rathauskellers AEG 1903

Alte Panzerriegel mit denen die Splitterschutzplatten an den Fenstern geschlossen wurden. Auch die Notausstiege sind noch zu erkennen.

Riegel für die Splitterschutzplatten der Fenster
Riegel für Splitterschutzplatten am Notausstieg

Im rückwärtigen Teil hängt noch die Fernsprechanlage von Siemens und Halske. Die Vorwahlnummer und die Beschriftung der einzelnen Leitungen sind noch erhalten.

Fernsprechanlage Siemens & Halske 2017
Fernsprechanlage Siemens & Halske

Im alten Polizeirevier hingegen sieht es besser aus. Fast der komplette Zellentrakt ist noch vorhanden. Auch der Hochspannungsraum und der Hinterausgang zum Rathaushof mit Luftschutztür sind erhalten.

Zellentrakt ehem. Polizeirevier 2017

Hinter den 1942 eingebauten Panzertürmen von Max Rieger aus Berlin lagern heute Akten des Bürgeramtes.

Betriebsraum der E-Anlage, Schutztür Max Rieger Berlin 1942

Es war Ende 1944 als Polizeirevier und Kommandobunker zur Zentralen Verteidigungsstelle Rathaus Pankow zusammengefasst wurden. Auch die noch verbliebenen Polizeibeamten der umliegenden Reviere hatten sich hier zu sammeln.

Panzerschutz Max Rieger Berlin N 1942

Jetzt saßen Wehrmacht, Polizei und Landsturm gemeinsam in der Zentralen Verteidigungsstelle. Nachdem Pankow eingenommen war, wurde das Rathaus bis 1950 zur Sowjetischem Kommandantur. 

Zellentrakt ehem. Polizeirevier im Rathaus Pankow

Der Zellentrakt wurde bis zum Oktober 1947 von den Sowjets weiter genutzt. Die letzten offiziellen Insassen waren der Kommandant des Konzentrationslager Sachsenhausen und 15 Angehörige der Wachmannschaft.

Spielecke im Wartezimmer auf dem Rest der Bunkerdecke im Bürgeramt Rathaus Pankow 2017

Die Stahlbetondecke des Bunkers wurde erst 2001 abgetragen. An seiner Stelle befindet sich heute das Wartezimmer vom Bürgeramt Pankow. Im hinteren Bereich befindet sich auf dem Rest des Stahlbetonblock eine höher gelegene Spielecke für Kinder.

Autor: Christian Bormann, 11.12.2017

red.Bearbeitung:

Fotos: Stefan Paubl, Berlin.de, Christian Bormann, Ivonne Hempler, Bezirksamt Pankow

Das vergessene Zimmer im Rathaus Pankow

Im März 2001 gab es eine kleine Sensation im Rathaus Pankow. Ein vergessenes Zimmer unmittelbar rechts vom Foyer. Die Mitarbeiter staunten nicht schlecht als sie den riesigen Block in augenschein nahmen. Auf den alten Aufnahmen von 1950 und 1984 sind die Kellerfenster und drei weitere im hochparterre vermauert. Hinter ihnen befindet sich ein Bunker und eine mehrere Meter dicke Stahlbetondecke.

Vermauerter Keller und vergessenes Zimmer Sowjetische Kommandantur 1950

In den Jahren 1942 und 1943 wurde im Keller des Rathauses ein Luftschutzbunker angelegt. Der Raum über dem Bunker wurde bis unter die nächste Decke mit Stahlbeton aufgefüllt. Die Kelkerfenster vom Bunker und die Fenster darüber wurden zu betoniert.

noch vermauerte Fassade Rathaus Pankow 1984

Der Bunker war nicht für die Zivilbevölkerung. Mit Gefängniszellen und Fernmeldeanschlüssen ausgestattet war er als Leitstelle vorgesehen. Im Kriegsjahr 1944 wurden die aufgelösten Polizeistationen zusammengeführt und gemeinsam mit der Wehrmacht und dem Landsturm in der Zentralen Verteidigungstelle Rathaus Pankow untergebracht.

Restauration 1985 – 1987 Bürgetehre wurde eingesetzt, Fenster im Bunker u. vom Zimmer wurden geöffnet

Die Betondecke erfüllte ihre Aufgabe. Trotz einiger Granattreffer die auch heute noch zu erkennen sind, blieb das Gebäude weitgehend in Takt. Nach dem Krieg zog die Sowjetische Kommandantur für 5 Jahre ins Rathaus. Der Bunker und die Zellen wurden von den Sowjets bis zum Kriegsverbrecherprozess am 23. Oktober 1947 genutzt. Danach wurde der mit Beton gefüllte Raum vergessen. 

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geflickter Granattreffer von 1945 im Rathaus 2017

Den Bunker erreichte man aus 3 Richtungen, vom Hof, linksseitig über den Ratskeller oder rechts über den heute verschlossenen Eingang der Polizeistelle. Auf einigen alten Postkarten ist noch die Haltestelle direckt vor dem ehemaligen Fronteingang zur Polizeistelle zu sehen. 

mit Granitblock geschlossener ehem. Eingang Polizei u. Zentrale Verteidigungstelle Rathaus Pankow 2017

Zur 750 Jahrfeier Berlins 1987 stand die große Rathausrestaurierung an. Das vergessene Zimmer wird 1984  zum ersten mal wiederentdeckt als im Rahmen der Fassadenrestaurierung die übermauerten Fenster im Keller und Parterre freigelegt und wieder geöffnet wurde. 

heutige Fassade mit offenen Fenster im Keller u. Wartezimmer 2017

Bei der Rekonstruierung der Frontansicht blieb es. Das Zimmer wurde ein zweites Mal vergessen. Es sollte ganze 30 Jahre dauern bis das vergessene Zimmer von Rathausmitarbeitern im März 2001 wiederentdeckt wurde.

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Bürgermeister vor dem wiederentdeckten Zimmer 2001

Der Raum war bis auf 1 Meter unter die nächste Decke mit einem kompakten Stahlbetonblock aufgefüllt. Auf dem Block lag der Staub von 70 Jahren Geschichte. Inzwischen hatte das Rathaus den 2.Weltkrieg erlebt, die Mauer fallen sehen und die ein oder andere Restauration erfahren.

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Vergessenes Zimmer – Bunkerdecke 2001

Der damalige Bürgermeister lud zum Pressetermin im Rathaus. Die Konstruktion war so gewaltig das es aller Hand Technik benötigte um den Riesen zu bezwingen. Um die Kosten für den Bezirk so gering wie möglich zu halten, wurde aus dem Abriss kurzerhand eine Übung für des Technischen Hilfswerk.

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Arbeiter beim abtragen des Stahlbeton 2001

Die Reste der Leitstelle im Keller werden seit 2016 umgebaut. Hier entsteht der Triebwerksraum für den neuen Fahrstuhl. Das einst vergessene Zimmer um Rathaus Pankow erfreut sich heute ganz enormer Aufmerksamkeit. 

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Teil der Anlage des Kommandobunker der Zentralen Verteidigungsstelle im Rathaus Pankow 2017

Ganze 70 Jahre im Dornröschenschlaf ist es heute das mit Abstand am heufigsten besuchte Zimmer. Es ist der Warteraum des Bürgeramt. Im Boden befindet sich noch eine gut sichtbare Dehnungsfuge im Belag, hier lässt sich die einstige Blockkante erkennen.

Vergessenes Zimmer mit Rest der Bunkerdecke im Rathaus, heute Wartezimmer Bürgeramt mit Spielecke

An stelle des Betonblock sitzen heute die Pankower im Wartebereich des Bürgeramt. Der Block wurde 2001 nicht in Gänze abgetragen und ist heute noch zu sehen.

Rest der Bunkerdecke vom Boden bis zum Fenstersims – Spielecke 2017

Im Wartebereich befindet sich eine Spielecke. Wer genau hinschaut erkennt die Stufen und das ebenerdige Fenster. Es ist der letzte historische Rest der Bunkerdecke.

 Autor: Christian Bormann, 03.12.2017

red.Bearbeitung:

Bilder: Christian Bormann, Ivonne Hempler, Bezirksamt Pankow Bundesarchiv, 

Die Sowjetische Kommandantur Pankow

Unser am 18. April 1903 eingeweihtes Rathaus Pankow blickt auf viele historische Abschnitte zurück. Ein weniger bekannter Abschnitt ist das Rathaus Pankow als Sowjetische Kommandantur. Die letzte  deutsche Amtshandlung des Rathaus erfolgte durch den Bürgermeister Bernhard Ahmels (NSDAP). Pankow befand sich bereits im Kessel. Während versprengte Landser von der Mühlenstraße aus versuchten mit Panzerfäusten die vorrückenden sowjetischen Panzer zu stoppen, ließ Bürgermeister Ahmels die Rathausakten in aller Eile auf dem Hof verbrennen. Grund hierfür war die Angst vor Vergeltung durch die Sowjets.

Sowjetische Kommandantur Pankow 1946 mit Transparent zwischen den Türmen und Stalin über dem Balkon.

Hin und wieder tauchen damals angeblich vernichtete Akten versehentlich wieder auf. Ein beispiel hierfür ist der Fund historischer Unterlagen des Gewerbeamt Pankow in der abgebrannten Villa vor Schönholz. Die Gewerbeunterlagen enthielten ab 1936 Dosies der Geheimen Staatspolizei. Diese wurden vom Gewerbeamt nahtlos weitergeführt und mit Dosies der Staatssicherheit ergänzt. Im Rahmen der Grenzöffnung Bornholmer Straße und den damit verbundenen Politischen Folgen musste die Staatssicherheit Maßnahmen ergreifen. Die belastenden Dokumente waren der wirkliche Grund für das Feuer in der Villa vor Schönholz. Bis heute unbekannte Staatsdiener hatten die Akten über die Treppenaufgänge verteilt, im Dachboden gestapelt und in Brand gesteckt.

Transparent: „Es lebe die Verfassung der UdSSR“ 1946

Die ersten Bilder der Kommandantur zeigen ein 1945 zwischen beiden Türmen aufgehängtes Transparent mit der Inschrift: „Es lebe die Verfassung der UdSSR“. Über dem Eingang prangt das Konterfei von Stalin. Zwischen den Fenstern hängen sechs weitere Porträts von Stalin. Links vor dem Eingang ist der Fuhrpark der Kommandantur zur sehen. Hier parkt ein halbes dutzend beschlagnahmter Edelkarossen. An den zwei kleineren Türmen hängen rote Stoffbanner. Auch der Preussische Adler wurde bei der Installation des Schriftzug zwischen den Türmen herunter geholt, beschlagnahmt und in die Sowjetunion verbracht.

Konterfei von Stalin über dem Rathauseingang 1945

Ab 1. Juni 1945 befand sich das provisorische Rathaus im ehemaligen Waisenhaus in der Berliner Straße. Weitere Amtsstellen waren im Bezirk verteilt. Beispielsweise in der Pestalozzi Straße 41-43, in der Mendelschen Villa Breite Straße 44, auch in der Breite Straße 43a und der Florastrase waren weitere Amtsstellen eingerichtet. Weniger bekannt sind die in der Sowjetischen Kommandantur durchgeführten Kriegsverbrecherprozesse. Verantworten mussten sich am 23. Oktober 1947 der Kommandant des Konzentrationslager Sachsenhausen sowie 15 Angehörige des Wachkommando.

Rathaus Pankow mit roten Sternen 1950, Ost- und Westuhr fehlen nach Granatentreffer 1945

Auf der Aufnahme von 1950 sind die Granattreffer im Turm unter der Rathausuhr deutlich zu sehen. Viele Fenster im Ersten Geschoss sind noch vermauert. Die große Figur „Bürgerehre“ vom Bildhauer Sponar fehlt völlig. Die heutige Figur ist eine Nachbildung und wurde im Rahmen der Restauration zur 750 Jahrfeier Berlins wieder auf ihren angestammten Platz rechts über dem Eingang gesetzt.

Neu eingerichtetes Rathaus 1950, mit roten Sternen am Turm und Ratssaal

Der Wiedereinzug der Pankower in ihr Rathaus begann im Dezember 1949. Im Januar 1950 war bereits offizielle Schlüsselübergabe durch den zuständigen Bezirkskommandanten der Sowjets. Auf einer Aufnahme von 1955 sind fünf Jahre später die roten Sterne entfernt und durch Transparente des Nationalen Aufbauwerk (NAW) ersetzt.

Erste Reparaturen am Rathaus 1955, die Tramlinie durch die Wollankstrase fährt noch

Beim betrachten der Bilder ist die Straßenbahn kommend aus der Wollankstraße zu sehen. Die heute vergessene Tramlinie durch den Wedding verband vor dem Mauerbau in den 1955er Jahren noch Pankow und Gesundbrunnen.

Videoauschnitt „Rathaus Pankow“ Pankowerchronik TV 2017

Für unsere Recherche zum Rathaus Pankow 2017 verabredeten wir uns mit dem Bezirksamt. Beim Aufstieg auf den Rathausturm machten wir schon die ersten spannenden Entdeckungen.

Rathausturm 2017 mit ehemaligem Geschützstand

Vom Ostflügel des Hauses betraten wir den Dachboden. Vorbei an alten Bürozimmern und Holzverschlägen gelangten wir an eine alte graue Metalltür. Hinter der unscheinbaren Tür befand sich der eiserne Wendelgang in den oberen Turm. Schon nach einigen Stufen waren wir überwältigt vom Anblick der Rathausuhr.

Rückansicht der Rathausuhr 2017

Hier machten wir auch gleich die erste Entdeckungen. Im Turm stehen immernoch die zwei Metallschilde die nach dem Granattreffer im Turm an Stelle der Uhren eingesetzt waren.

Metallschilde als Ersatz der Fehlenden Ost- u. Westuhr

Einige Stufen weiter die nächste, durchaus historische Überaschung. Die schmiedeeisernen Uhrblätter von 1903 sind nach ihrer Demontage im Turm verblieben und über die Zeit vergessen worden.

Die historischen Teile der Rathausuhr 2017

Neugierig stiegen wir den Turm weiter hinauf. In einem kleinen Schrank konnten wir uns das Zählwerk der Uhr anschauen. Überrascht war ich vom Geläut im Turm.

Geläut der Rathausuhr 2017

Obwohl in der Kreuzstraße 5 aufgewachsen, also in Hörweite der Rathausuhr, erinnere ich mich nicht sie je gehört zu haben.

Aufstieg 2017 zum ehemaligen Geschützstand auf dem Rathausbalkon

Nachdem wir den nächsten Absatz erreicht hatten sahen wir große Altbaufenster und einen hölzernen Türbogen. Wir traten auf den Balkon, und begannen mit der Spurensuche.

Auror Bormann und Pressesprecher BA Pankow auf dem Rathausturm

Die Aussicht war Atemberaubend wohin wir auch schauten. Schnell stießen wir auf die nächsten Nachkriegsspuren am Balkon. Die massive gusseiserne Aufhängung die 1945 des Transparent: „Es lebe die Verfassung der UdSSR“ hielt, ist immernoch vorhanden.

Halterung des Sowjetischen Turmbanner von 1945 „Es lebe die Verfassung der UdSSR“

Beim Rundgang um den Turmbalkon herum stießen wir auf die nächsten Zeitzeugnisse der Sowjetischen Kommandantur. Nach der Eroberung des Rathaus wurden auf dem Rathausturm MG Schützen stationiert. Vom Turmbalkon aus ließen sich große Teile des Pankower Zentrums überwachen oder nötigenfalls unter Beschuss nehmen.

Ausblick nach 70 Jahren vom ehem. Geschützstand auf dem Turm

Nachdem wir uns ein Überblick verschafft hatten, begannen wir mit der Katalogisierung der Hinterlassenschaften. Offenbar hatten Soldaten nach der Eroberung des Turms und während ihrer späteren Wachdienste Namen und zum Teile ihrer Einheitsabzeichen hinterlassen.

Blick auf den alten Dorfanger Breite Straße 2017

In der Schönholzer Heide sowie im Park von Schloss Schönhausen sind zum Teil noch größere Einritzungen aus der Nachkriegszeit im Baumbestand erhalten. Sie sind äusserst schwer zu finden und verwittern zunehmend.

Hinterlassenschaften der Sowjetischen Soldaten während ihre Wache auf dem Turm 2017

Die Ritzungen tief im Sandstein hingegen sind noch deutlich zu erkennen und zu lesen. Vergessen von der Öffentlichkeit sind sie bis heute tadellos erhalten.

Eineritzter Sowjetstern 1945

Wir zeigen hier nur eine kleine Auswahl in verschiedenen Erhaltungszuständen. Wer sich die Mühe macht die Rathausfassade einmal genauer zu betrachten, wird nicht nur die bunt geklinkerten Granatlöcher und Einschüsse auf der Ostseite entdecken.

geritzte Buchstaben im Sandstein des Balkon 1945

Auch die eisernen Aufhängungen von Transparenten, Sternen, Flaggen und Portraits stecken nach wir vor noch in der Backsteinfassade.

Abzeichen des Wachkomando in den den Nachkriegstagen 1945

Die Zeitzeugnisse in der Sandsteinbalustrade auf dem Rathausbalkon bleiben hoffentlich noch lange erhalten.

Geritzte Buchstaben im Sandstein des Turmbalkon

Wir bedanken uns beim Bezirksamt Berlin Pankow für die freundliche Unterstützung unserer Recherche zum Rathaus Pankow.

Berlin 30.10.2017

Autor: Christian Bormann, 30.10.2017

red.Bearbeitung:

Fotos: Ivonne Hempler, Guido Kunze, Christian Bormann, Bezirksamt Pankow, Museum Pankow,

Das Gelbe Rathaus Pankow

Das 1903 bis 1906 gebaute Rathaus Pankow blickt mit seinen über 110 Jahren auf eine bewegte Geschichte zurück. Als Preußischer Prachtbau, gekrönt von einem Adler, zeugte es nach seiner Errichtung vom Wohlstand Pankows.

Rathaus Pankow 2017

Die übliche rote Ansicht unseres Rathauses wie sie jeder Pankower kennt. Auf fast allen bekannten Fotografien des Gebäudes ist es klassisch rot. In diesem Beitrag möchten wir Ihnen das gelbe Rathaus Pankow zeigen.

Rückseite des Rathauses Pankow 2017

Für unsere große Geschichte vom Rathaus Pankow recherchieren wir seit einem halben Jahr, im Oktober haben wir Verstärkung bekommen. Den größten Teil unserer Bilder macht jetzt unsere Hausfotografin Ivonne.

Treppenaufgang im Rathaus vom Hof aus

In mehrtägiger Arbeit katalogisierte sie das gesamte Rathaus von innen und außen. Ich war mehr als überrascht beim Betrachten der Fotos. Mir fiel auf, dass der größte Teil des Rathauses gelb ist.

Abriss des DDR-Küchenanbaus am Ratskeller 2017

Zur Jahrhundertwende waren rote Prachtklinker teuer und symbolisierten Wohlstand. So war es zu dieser Zeit üblich, mit einer Blendfassade zu protzen. Auch das Dach war ursprünglich komplett mit Kupfer bedeckt. Das Kupferdach fiel dem ersten Weltkrieg zum Opfer. Preußen brauchte Metall zum Kanonenbau.

Christian Badel beim skizzieren und zeichnen

Ich war vom gelben Rathaus Pankow so begeistert, dass ich Christian Badel bat, uns ein Bild der Rückseite zu zeichnen. Er hat sich wie immer ins Zeug gelegt und uns eine beeindruckende Zeichnung angefertigt.

Illustration Christian Badel, Kikifax 2017

Auf der Zeichnung von Christian Badel ist der Rathaushof zu sehen. Die Szene zeigt einen Bagger beim Abriss der Küchenräume des Ratskellers. Aus historischer Sicht ist der Rückbau zum Urzustand sehr zu begrüßen.

Luftaufnahmen Rathaus Pankow 2017


Wir bedanken uns ausdrücklich bei der Pressestelle des Bezirksamts Pankow für die Unterstützung zu unserer Recherche „Rathaus Pankow“. Insbesondere bedanken wir uns bei Tobias Schietzelt für die erfolgreiche Zusammenarbeit.

Autor: Christian Bormann, 20.10.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 22.10.2017

Fotos u. Film: Ivonne Hempler, Christian Bormann, Guido Kunze

Das Fischer Haus 

Zur Jahrhundertwende hieß es unter Berlinern im Streit gern mal: „Sie müssen wohl mal nach Pankow.“ Übersetzt: „Sie sollten mal zum Psychiater.“ Pankow war schließlich Ausflugs- und Erholungsort.

Fischer Haus 1905

So gab es gleich mehrere Nervenheilanstalten. Neben Prof. Emanuel Mendel praktizierte auch der jüdische Allgemeinmediziner Julius Fischer. Fischer der selbst erst in der Breite Straße 4 wohnte ließ 1902 das Haus Breite Straße 8 bis 9 bauen.

Kreuzung mit Fischer Haus 1906

Auf zwei gemauerte Geschosse wurde eine Fachwerketage mit Spitzsatteldach gesetzt. Gekrönt war das Gesamtensemble mit einem auf einer an der Giebelecke ausgeklinkten Konsole sitzenden Fachwerktürmchen. Zur Blütezeit Pankows in den 20er Jahren prägte der Fachwerkturm das gesamte Straßenbild der Kreuzung Breite und Berliner Straße.

Fischer Haus am Pankower Renner 1965

Der Name Fischer Haus geht im wesentlichen auf Frieda Fischer und ihre beiden erwachsenen Söhne zurück. Sie wurden als Juden unter den Nationalsozialisten bereits mit dem zweiten Transport aus Berlin deportiert.

Stolperstein Frida Fischer 2015

Im Jahr 2015 wurde vor dem Haus Breite Straße 8 ein Stolperstein für Frida Fischer verlegt. Zu DDR Zeiten gehörte die Breite Straße zur Protokollstrecke für Staatsgäste. Ende der 60er Jahre wurde der Turm abgebaut und das Fachwerk überputzt.

Fischer Haus u. Protokollstrecke ca.1958

Das Haus sah schon Staastsgäste wie Tito, Ghandi, Fidel Castro, Crustschow und und und. Seit 1968 residierte in der ersten Etage das Militärpolitische Kabinett Pankow mit einem Rekrutierungsbüro der Nationalen Volksarmee.

Haus Fischer Umbau 2016 bis 2017

Heute sitzt die Galerie Pankow im ersten Obergeschoss. Seit 2016 wird das Haus erneut umgebaut. Das Spitzdach wurde entfernt, um noch zwei Etagen aufstocken zu können.

Autor: Christian Bormann, 24.02.2017
red. Bearbeitung: Martina Krüger, 24.02.2017

Bilder: Christian Bormann, historische Postkartenmotive

Das falsche Schmelka Grab

Der am 1. Dezember 1777 in Schwedt geborene Johann Heinrich Ludwig Schmelka war Theaterschauspieler, Regisseur und Sänger.

Johann Heinrich Ludwig Schmelka

Die Komik war sein Genre, gelegentlich betätigte er sich auch auch in Operetten als Tenor.

Als Wirt in dem Lustspiel „Minna von Bornholm“

Schmelka selbst behauptete stets, von adliger Abstammung zu sein, doch verarmte seine Sippe bereits, als er ein Jüngling war. Er begann seine berufliche Laufbahn als Gaukler. Schnell verließ er die Niederungen der Schaustellerei und debütierte am Städtischen Theater in Riga.

Relief Schmelka

Ab 1818 arbeitete er als Komischer Schauspieler am Königsstädtischen Theater Berlin. Schmelka spielte in Stücken von Raimund, Bäuerle und Holtei. Zu seinen Kollegen zählten unter anderem Plock, Rosicke und Beckmann.

Schmelka Denkmal 2017

Schmelka wohnte lange Zeit in Pankow, mit seinen gut betuchten Pankower Freunden wuste er auch Feste zu feiern. Bei meinen Recherchen lese ich immer wieder vom Grabmal Schmelkas an der Pankower Pfarrkirche „Zu den Vier Evangelisten“. Gemeint ist die gusseiserne Gedenktafel an der Südseite der Kirche.

Schmelka Denkmal mit Kirche

Ein Beispiel ist das liebevoll erstellte Buch „Bummeln durch Pankow“ von Arwed Steinhausen 2. Auflage 1995. Hier heißt es: […]“Besonderheiten im direkten Umfeld der Kirche[…] .Dort steht noch das Grabmal für den Schauspieler J. Heinrich Schmelka (1777-1837), von Freunden für ihn errichtet. Das ist so nicht richtig.

Vorderseite mit Lebensdaten

Richtig ist, dass Schmelka am 27. April in Pankow starb. Beerdigt wurde er hier nicht. Schmelka war der Falco seiner Zeit und Pankow war sein Wien. Kenner wissen, dass der ausschlaggebende Text auf der Rückseite der Gedenktafel steht.

Rückseite mit Widmung seiner Freunde

„Dem Andenken des Entschlafenen gewidmet von seinen Freunden“. Und so kam es, dass seine gut betuchten Freunde ihm und ihrer gemeinsamen Zeit in Pankow ein Denkmal setzten.

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Zeichnung des falschen Schmelka-Grabes von Christian Badel

Wir freuen uns, unseren Lesern Zeichnungen des bekannten Pankower Künstlers Christian Badel bei uns zeigen zu dürfen. Besonders bemerkenswert finden wir, dass sogar unsere QR-Codes, die wir im Rahmen unserer Aktion „Hundert mal Geschichte an Ort und Stelle“ auch dort angebracht haben, auf der wundervollen Zeichnung abgebildet ist.

Schmelka2_Badel
Zeichnung des falschen Schmelka-Grabes von Christian Badel

Autor: Christian Bormann, 22.02.2017
red.Bearbeitung: Martina Krüger, 22.02.2017/22.05.2017

Zeichnungen: Christian Badel

 

Fotos: Christian Bormann
Zeichnungen: Christian Badel, www.kikifax.com

Der Pankower Renner

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war das Rathaus Pankow noch Russische Kommandantur. Kein Zutritt für Pankower. Die Rathausmitarbeiter saßen vorübergehend Berliner Straße/ Ecke Hadlichstraße und in diversen Zweigstellen.

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Rathaus Pankow als Sowjetsche Kommandantur

Die Infrastruktur am Anger war schon kurz nach Kriegsende wieder hergestellt worden. Als erstes wurde das Rathaus für die Zwecke der Sowjets instand gesetzt. Die zerschossenen Dächer der Kirchtürme wurden abgenommen und für den Neuaufbau vorbereitet.

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Pfarrkirche zu den vier Evangelisten

Der Pankower Wochenmarkt, heute der älteste Berlins, lief wie eh und je. Groß war das Angebot in der Nachkriegszeit nicht. Man half sich, wo man konnte. Nachdem der Schwarzmarkt vor dem Schloss Schönhausen aufgelöst wurde, fand er seine Fortsetzung am Brandenburger Tor. Wer sich dort nicht hin traute, versuchte es bei Freunden und Bekannten auf dem Pankower Markt.

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Wochenmarkt Pankow

Im Laufe der 1950er bis 1970er Jahre wurde die Breite Straße zur Protokollstrecke für Staatsbesuche. Das gipfelte schließlich 1971, dem 100. Jahrestag der 1871 so benannten Breiten Straße, in die Umbenennung zur Johannes-R.-Becher-Straße.

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Jugoslawischer Ministerpräsident Tito

Als Schüler der Julius-Fucik-Schule kam ich selbst noch in den zweifelhaften Genuss, Staatsgäste mit Winkelementen zu begrüßen. Im Volksmund wurde der Anger zu dieser Zeit „Pankower Renner“ genannt, dieser Begriff hielt sich fast 30 Jahre. Heute ist der „Pankower Renner“ fast völlig aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Rathaus, Markt und Kirche hingegen trotzen weiter der Zeit.

Autor: Christian Bormann, 13.03.2016 / 04.02.2017
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016

Restaurant Bellevue Breite Straße

Der Rheinländer Anton Ringel war neben seinen Tätigkeiten als Gemeindevertreter und Vorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr seit 1890 auch Präsident des Deutschen Gastwirtsverband. Der Träger des Deutschen Kronenordens 4. Klasse gehörte zu den großen Pionieren der Pankower Gastronomie.

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Werbe-Dose Restaurant Bellevue 1900

Begonnen hatte er mit Ringels Gesellschaftshaus in der Kreuzstraße 3 bis 4, heute noch als Tanzschule Schmidt-Hutten am Bürgerpark bekannt. In der Kreuzstraße 5 verbrachte ich meine Kindheit. Wir sammelten gerne die alte Flaschenverschlüsse, die hier noch zu hunderten im Erdreich steckten.

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A. Ringel’s Bellevue Breite Straße 21a

Mit seinem Gesellschaftshaus sammelte Ringel erste Erfahrungen, bevor er 1888 das Bellevue eröffnete. Mit dem neuen Standort Breitestraße 21a, schräg gegenüber dem Rathaus, gehörte das Bellevue zu den ersten Adressen am Platz. Eine Haltestelle der Elektrischen Straßenbahn trug maßgeblich zum Erfolg bei. Hiervon zeugt die Werbedose von 1900. Es schien wohl nicht mehr erforderlich, auf die Adresse des bekannten Restaurants hinzuweisen. Viel wichtiger war die Erwähnung der Haltestelle.

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Tanzschule W. Tietz im Bellevue 1905

Der berühmte Tanzlehrer Wilhelm Tietz unterhielt hier 1900 seine Tanzschule. Das Museum Pankow ist noch im Besitz einer sehr seltenen Werbedose, mit der historischen Ansicht des Restaurants.

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M. Höpfner’s Restaurant Bellevue 1902

Die kleine Blechdose ist wohl spätestens 1900 entstanden, denn auf den Ansichtskarten ab 1902 wird bereits M. Höpfner als Inhaber genannt. Neben dem Bellevue befanden sich zur Jahrhundertwende etwa ein Dutzend Gastwirtschaften am Pankower Anger.

Autor: Christian Bormann, 15.02.2016
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016

Hoch auf dem gelben Wagen

Das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ geht ursprünglich auf das 1879 von Rudolf Baumbach verfasste Gedicht „Der Wagen rollt“ zurück. Der Pankower Komponist und Apotheker Heinz Höhne vertonte das Gedicht 1922 unter dem Titel „Hoch auf dem gelben Wagen“.

Christian Bormann, pankowerchronik
Apotheker Heinz Höhne

Der 1892 geborene Heinz Höhne stammte aus einer musikalischen Familie. Als Kind bekam er Geigenunterricht und komponierte bereits mit 12 Jahren seine ersten Lieder. Nach dem Ersten Weltkrieg absolvierte er seine pharmazeutische Lehre und machte sein pharmazeutisches Staatsexamen in Berlin.

Christain Bormann, pankowerchronik
Adler-Apotheke um 1920

Ab 1923 arbeitete Höhne in der Pankower Adler-Apotheke. Die Apotheke kaufte er 1936. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Apotheken in Ostdeutschland verstaatlicht. Heinz Höhne wurde Leiter mehrerer Apotheken in und um Berlin bis er sich 1965 aus dem Berufsleben zurückzog und 1968 verstarb.

Christain Bormann, pankowerchronik
Tito 8.Juni 1965 Pankower Renner, im Hintergrund die Adler-Apotheke

In dem Volkslied ging es um das Leben und den Lauf der Dinge, beschrieben als Reise in einer Postkutsche. Deutschlandweite Bekanntheit erlangte das Lied erst 1973. Es war der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Walter Scheel, der es zu Gunsten wohltätiger Zwecke am 6. Dezember 1973 in der ZDF-Show „Drei mal Neun“ sang.

Christain Bormann, pankowerchronik
Adler-Apotheke 2015

Die von Polydor vermarktete Version wurde zum Kassenschlager. Ganze 15 Wochen hielt sich „Hoch auf dem gelben Wagen“ und erreichte als Bestplazierung Platz 5 der Deutschen Charts. Der 5 Jahre zuvor verstorbene Heinz Höhne erlebte diesen Durchbruch seiner Komposition nicht mehr.

Christain Bormann, pankowerchronik
Walter Scheel 1973 im Tonstudio

Hoch auf dem gelben Wagen

Hoch auf dem gelben Wagen
sitz ich beim Schwager vorn.
Vorwärts die Rosse jagen,
Lustig schmettert das Horn.
Berge und Wälder und Matten,
wogen des Aehrengold.-
Möchte wohl ruhen im Schatten,
Aber der Wagen rollt.

Flöten hör‘ ich und Geigen,
Kräftiges Baßgebrumm;
Lustiges Volk im Reigen,
Tanzt um die Linde herum,
Wirbelt wie Laub im Winde,
Jubelt und Lacht und rollt.-
Bliebe so gern bei der Linde,
Aber der Wagen rollt.

Pastillon an der Schenke
Füttert die Rosse im Flug;
Schäumendes Gärstengetränke
bringt uns der Wirt im Krug.
Hinter den Fensterscheiben
Lacht ein Gesichtchen hold.-
Möcht so gern noch bleiben,
Aber der Wagen rollt.

Sitzt einmal ein Gerippe
Hoch auf dem Wagen vorn,
Trägt statt Peitsche die Hoppe,
Stundenglas statt Horn-
Ruf’ich „Ade ihr Lieben,
Die ihr noch bleiben wollt;
Gern wär’ich selbst noch geblieben,
Aber der Wagen rollt.

Autor: Christian Bormann 21.11.2015
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016

Eberhard Cohrs – Ham se nich ne Mark ?

„Ham se nich ne Mark? Im Konsum gibt es Quark“ So fragte Eberhard Cohrs 1964 die Fahrgastbegleiterin der BVB. Der am 4. Januar 1921 in Dresden geborene Konditor Cohrs der eigentlich Jockey werden wollte, gehörte in den 50er und 60er Jahren zu den beliebtesten Komikern in der DDR.

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Eberhard Cohrs in der Linie 46

Der DEFA Kurzfilm „Ham se nich ne Mark“ wurde vor dem Rathaus Pankow gedreht. Als Kulisse diente die Straßenbahnlinie 46 und die Kreuzung Breite Straße/ Neue Schönholzer Straße. Einzigartige Filmaufnahmen zeigen Pankow 1964. Das Rathaus Pankow, in den Nachkriegsjahren als Sowjetische Kommandantur eingerichtet, wurde gerade erst wieder als Rathaus bezogen.

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Eberhard Cohrs wird aus der Linie 46 geworfen

Am großen Balkon stand ein Holzgerüst für Fassadenarbeiten. Über die gesamte Breite der Breiten Straße zog sich ein Fußgängerüberweg, heute undenkbar. Die Nummer 1960 am Rekowagen ist das Datum der Lackierung. Wer genau hinschaut, erkennt auch die Haltestelle direkt am Rathaus. Nicht weniger interessant sind die Geschäfte entlang der Breite Straße.

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Eberhard Cohrs auf der Breite Straße

Hinter dem Volkspolizisten ist ein Selbstbedienungsmarkt und ein Tapetenladen zu erkennen. Der SB-Markt war der neuste Hit der DDR Wirtschaft. Gegenüber dem Rathaus haben sich Schaulustige vor dem Fachgeschäft für Herrenbekleidung versammelt. Gespannt verfolgen sie die Dreharbeiten. Damals normal im Straßenbild wirken die Militär-LKW, die von der Wollankstraße kommend das Rathaus passieren, heute befremdlich.

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Volkspolizist vor dem SB-Laden

Eberhard Cohrs selbst fiel bei den DDR-Oberen schnell in Ungnade. So blieb er 1977 nach einem Auftritt in West-Berlin. Trotz der Unterstützung von Showgrößen wie Rudi Carell und Dieter Hallervorden konnte Cohrs nicht an seine Erfolge anknüpfen. Nach dem Mauerfall ging er wieder in den Ostteil Deutschlands.

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Balkon vom Rathaus mit Holzgerüst

Die Dresdener hatten ihn nicht vergessen. Er war wieder zu Hause. Auch nach der Wende konnte sein Publikum herzlich mit ihm lachen. Lange sollte sein Glück nicht währen. Sein 25-jähriger Sohn starb im Mai 1999 bei einem tragischen Tauchunfall. Es sollte noch schlimmer kommen. Cohrs geriet in die Schlagzeilen weil er mehrere Schüsse auf seine Frau abgab.

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Schaulustige stehen vor dem Laden für Herrenbekleidung

Die Tat soll im Morphiumrausch geschehen sein. Eberhardt Cohrs starb noch im selben Jahr wie sein Sohn an einem Krebsleiden. Einen schlechten Beigeschmack bekommt der Kurzfilm vor dem Hintergrund einer Entdeckung der Birthler Behörde aus dem Jahr 2004.

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Im Hintergrund Haltestelle Rathaus und die Gleise in die Wollankstraße

Die Behörde will im Besitz von Dokumenten sein, aus denen hervorgeht, dass Eberhardt Cohrs als Mitglied der Waffen-SS zur Wachmanschaft vom Konzentrationslager Auschwitz gehörte. Im Rathaus Pankow, vor dem Cohrs 1964 so herzlich dahin blödelte, fanden erst 1949 die Kriegsverbrecherprozesse gegen den Lagerkommandanten und Angehörige der Wachmannschaft von Auschwitz statt.

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LKW der Armee fahren durch die Szenerie

Autor: Christian Bormann
technische Leitung: Nadine Kreimeier
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016