Archiv der Kategorie: alte Gewerbe

Die Geisterwerkstatt von Buchholz

In den Außenbezirken von Pankow lassen sich noch zahlreiche vergessene Orte entdecken. So auch die Geisterwerkstatt in Buchholz.

Französisch Buchholz 2017

An der Schönerlinder Straße liegt ein kleiner alter Bauernhof seit 30 Jahren im Dornröschenschlaf. Von der Straße aus kaum warzunehmen, verbirgt sich hinter Bäumen und wucherndem Geäst ein kleines einstöckiges Bauernhaus, etwa um 1880 erbaut.

Geisterwerkstatt Schönerlinder Straße

Das kleine Häuschen mit Hof und historischen Viehställen ist seit 1989 verlassen und befindet sich noch weitgehend im Urzustand. Auf dem Dach liegen noch die Biberschwanzziegel, der Putz fehlt auf vielen Flächen, die Fenster und Türen sind erhalten aber entglast. Die Bewohner sollen nach Westdeutschland gegangen sein.

Bauernhaus von 1880

Im Haus selbst befinden sich nur noch wenige Möbel und Papiere. Das Datum der letzten Zeitung ist der 22.12.1987. Die Einfahrt des alten Kleinods ist über die Jahrzehnte zugewachsen. Auf den rückwärtigen Bauernhof geht es nur noch durch das Haus.

Moskwitsch AWZ

Als ich auf den Hof trat, war es zu schön, um wahr zu sein. In den Schweine- und Viehställen auf dem Hof befand sich eine Werkstatt. Nicht nur das, die Besitzer hatten bei ihrer Übersiedlung nach Westdeutschland die Autos stehen lassen. Alles Fabrikate der Automobilwerke Zwickau.

Hünerstall

Damals nichts Ungewöhnliches, in Rosenthal kannte ich gleich zwei solcher liegen gelassenen Werkstätten mit Fahrzeugen. Die Geisterwerkstatt von Buchholz jedoch ist etwas ganz besonderes.

Viehstall

Das alte Gehöft ist eine wahre Fundgrube der Geschichte. Die Stallungen selbst sind schon von etwa 1880, weitgehend erhalten und in den 1960er Jahren noch einmal aufgerüstet.

P70 in in der Stallwerkstatt 2017

Ab den 1980er Jahren wurde hier geschraubt. Die letzten Fahrzeuge der Werkstatt stehen stehen noch. Es verschiedene Modelle der Marke Moskwitsch und der Vorläufer des Trabant der AWZ P70, heute ein Oldtimer.

Vorgänger des Trabant P70 2017

Er ist über und über mit Staub bedeckt, das original Kennzeichen von Berlin-Ost ist noch erhalten. Ich kann mich gut erinnern, dass es das erste Auto war in dem mich meine Eltern umher kutschiert haben.

P70 Automobilwerke Zwickau

Die Ställe wurden einfach zur Werkstatt umfunktioniert, und so befinden sich Einrichtungen wie Gitter, Futterstellen und Wassertröge immer noch an ihrem einstigen Platz.

P70 Innenraum

Dazwischen verteilt liegen Öldosen, Filter, Zündkerzen und Schraubenschlüssel. Die letzten Betriebsdokumente in der Werkstatt sind Preislisten von Sero aus dem Jahr 1982.

Kennzeichen Berlin Ost

Im Gegensatz zu früher sind solche vergessenen Orte selten geworden. Jeder Meter und jeder Atemzug der verstaubten Stallluft ist pure Geschichte. Beim Rundgang auf dem Hof kämpfe ich mich durch wucherndes Grünzeug und rostige Gitter.

Pferdestall 2017

Die Anlage ist in ein dutzende kleine Stallungen unterteilt. Ich kletterte von Stall zu Stall und ein Moskwitsch nach dem anderem kam zum Vorschein.

Sero Preisliste von 1982

Die Mischung der Anlage aus belassenem Stall und verlassener Werkstatt hatte etwas gespenstiges. Das Grundstück ist eine echte kleine Zeitkapsel und bleibt hoffentlich noch lange erhalten.

Schweineställe 2017

Die Oldtimer selbst sind wohl nicht mehr zu gebrauchen wobei es um den Trabantvorgänger P70 echt schade ist.

zugewachsener Moskwitsch

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge mache ich mich wieder auf den Rückweg durch den Hof. Der Anblick der zum Teil von Ranken überwachsenen alten Autos ist einfach traumhaft.

weiterer Moskwitsch Oldtimer im Hühnerstall 2017

Im Haus angekommen kletterte ich noch über die verbrannte Treppe in den Dachstuhl, hier lagen weitere Zimmer. Die Zimmer ähnlich wie im Erdgeschoss ohne Möbel aber mit viel Kleinrat der ehemaligen Bewohner. Decken und Böden waren an vielen Stellen schon eingefallen und so verließ ich das Haus wieder.

Hühnerstall

Ich  werde auch diesen Ort und seine Veränderungen weiter beobachten und dokumentieren. Ich habe die Geisterbotschaft in der Schönerlinder Straße bis heute nicht publiziert.

Hof des Hauses mit Moskwitsch

Nach einem Leserhinweis auf einen Artikel in der Berliner Zeitung war dieser Ort nicht weiter geheim und so haben auch wir uns dazu entschlossen, heute zu veröffentlichen.

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Zeitungsartikel vom 22.12.1987

Nicht selten bieten verlassene Orte solch bizarre Fotokulissen und so bleibt zu hoffen, dass all jene Fotografen, die sich jetzt auf den Weg nach Buchholz machen alles so belassen wie sie es vorgefunden haben.

Video: „Die Geisterwerkstatt von Buchholz“

Autor: Christian Bormann, 23.07.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 23.07.2017

Fotos: Christian Bormann

Der Ofen ist aus in Pankows ältester Bäckerei

Pankows älteste Bäckerei gibt auf. Als Café Hein 1896 in der Florastraße 34 eröffnet, hielt sich der Betrieb bis zum 30.06.2017. Ganze 121 Jahre begleitete die Bäckerei ihre Pankower Kundschaft durch die Irrungen und Wirrungen der Geschichte.

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Bäcker Gabriel 29.06.2017

Wie viele andere auch kaufte ich hier schon als Kind auf meinem Schulweg Kekse und Pfannkuchen. Auch mein Vater holte hier gern seine Mohnstangen. Der Bäckermeister selbst ist am 10.04.1941 in der Köpenicker Straße in Berlin-Mitte geboren. Der Vater 1944, eingezogen fiel bereits 9 Monate später.

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Bäckerei Hein 1902

Die ersten Jahre seiner Kindheit verbringt er wie viele andere Kriegsgeschädigte auf der Flucht. In Niederschönhausen besucht Jürgen Gabriel die Schule. Auf dem historischen Foto der Bäckerei Hein von 1902 ist ein kleiner Junge zu sehen. Dieser unscheinbare Junge war später sein Lehrer in Niederschönhausen und dafür verantwortlich das Gabriel 1955 seine Bäckerlehre  begann. Arnold Hein gab seine Bäckerei 1971 an einen Nachfolger ab.

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historische Backwarenauslage

Dieser verfiel zunehmend dem Alkohol. Die Bäckerinnung und das Rathaus Pankow mussten reagieren und so wurde aus dem Gesellen der Bäcker. Am 18.08.1981 übernahm Jürgen Gabriel das Gewerk. Seine Wohnung befand sich gleich hinter der Fein Bäckerei. Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt er: “ Ich hatte die Auflage bekommen innerhalb eines Jahres den Meister zu machen.“

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Bäckermeister Jürgen Gabriel in seiner Backstube 2017

„Für die Buchhaltung gab man mir 6 Monate.“ Es wird 2 Sekunden still, dann haut sich der Meister auf die Oberschenkel und lacht laut los. „Das habe ich bis heute nicht gemacht.“ Verwundert frage ich ihn: „Woher kommt dann der Meiser?“

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Der Bäckereiofen

Der Meistertitel wurde ihm später auf Grund seiner Leistung offiziell zuerkannt. Der Bäckermeister ist in den letzten Jahren oft zu Gast bei mir gewesen. Ich habe den ruhigen freundlichen Man sehr schätzen gelernt. Wir wollten schon vor 2 Jahren die Geschichte seiner Bäckerei aufschreiben. Als mich Christian Badel informierte, dass Gabriel schließt habe ich den Meister nochmal in seiner Bäckerei besucht. Bereits um 10 Uhr war die Bäckerei an ihrem letzten Tag wie leer gefegt.

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Feinbäckerei Gabriel, Illustration Christian Badel

Kunden konnten sich ihre Lieblingsbackwaren vorbestellen und einen kleinen Vorrat im Tiefkühler anlegen. Entlang der Florastraße werden also auch in den nächsten Wochen noch Schrippen von Gabriel gegessen. Die Illustration von Christian Badel hat es im Original bis in die Hauptstadt von Tunesien geschafft. Dort lebt jetzt ein ehemaliger Hausbewohner, der die Bäckerei auf dem Aquarell mit seinem Pankow verbindet. Der Titel „Pankows älteste Bäckerei“ geht heute über an die Bäckerei und Konditorei Pawlik in der Wilhelmsruher Hauptstraße. Die Konditorei ist seit 1918 in Familienbesitz und mit dem heutigen Tage wird sie zur ältesten Bäckerei in Pankow. Wir wünschen Jürgen Gabriel einen wohl verdienten ruhigen Lebensabend und der Familie Gabriel und ihren Mitarbeitern Frau Neumann und Frau Rekke alles Gute für die Zukunft.

Autor: Christian Bormann

red.Bearbeitung: 01.07.2017, Martina Krüger

Bilder: Christian Bormann,

Illustration: Christian Badel

Hotel Wilhelmshof an der Kaiser-Wilhelm-Straße

Das Hotel Wilhelmshof wurde 1905 an der Kaiser-Wilhelm-Strasse Ecke Eichenstraße erbaut. Heute lautet die Postanschrift Dietzgenstraße 59. Im Vorderhaus befand sich das Restaurant Wilhelmshof mit Ballsaal und Biergarten.

Biergarten vom Hotel und Restaurant Wilhelmshof

Das Restaurant verfügte neben dem Ballsaal und Biergarten noch über eine Kegelbahn im Anbau. Anbau, Kegelbahn und Ballsaal existieren heute noch. Links vom Restaurant befand sich der Hauptaufgang zu den Apartments.

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24.07.1917 Hotel Wilhelmshof mit Außenanlage

Ein langer, links und rechts von dezentem Stuck verzierter Treppenaufgang, gekrönt von einem schmiedeeisernen Jugenstilleuchter empfing die Hotelgäste.

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Hotel und Restaurant Wilhelmshof

Auf dem ersten Hof in der heutigen Dietzgenstraße 59 steht der einstöckige Originalanbau für den erweiterten Tanzsaal und einer der 4 Kellerzugänge. Rechts vom Restaurant in der Eichenstraße befand sich der Eingang für die Bediensteten. Sie hatten ihre eigenen kleinen Angestelltenwohnungen im Seitenflügel. Diese erreichteten sie über den zweiten Hof.

Postkarte aus dem Wilhelmshof

Bis in die 1930er Jahre befand sich gegenüber dem Hotel der letzte große Dorfteich. Der Teich am Friedensplatz wurde schon beim Neubau der heutigen Kirche mit den Trümmern der alten Kirche zugeschüttet.

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Postkarte vom Hotel um 1936

Das Hotel befand sich am zentralen Wintersportplatz in Niederschönhausen. In der Buchschen Heide wurde im Winter gerodelt und keine 50 Meter vor dem Hotel traf man sich zum Schlittschuhlaufen.

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ehem. Hotel Dietzgenstraße 59

Zwischendurch begaben sich die Wintersportler rüber zum Restaurant Wilhelmshof. Hier erholten sich Jung und Alt je nach Alter bei einer heißen Schokolade oder einem heißen Grog.

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ehemaliger Ballsaal Wilhelmshof

Das Restaurant wurde, wie damals üblich, auch an Vereine vermietet. Vereinsstammtische, Kinovorführungen und Kegelbahnen gehörten in jede gute Restauration in Pankow.

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Dienstbotenaufgang Ecke Eichenstraße

Die Vereine hielten hier ihre zahlreichen Feste und Bälle ab. Im 2. Weltkrieg hielt das Hotel den Betrieb aufrecht. Es entstand eine Rivalität zwischen dem „Sanssouci“ am Betriebshof Niederschönhausen und dem Wilhelmshof.

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Blick vom Dorfteich auf das Hotel Wilhelmshof 1937

Es heißt, im Wilhelmshof verkehrten die Pankower Handwerker und im Sanssouci die Nationalsozialisten. Im Gegensatz zum Sanssouci überstand der Wilhelmshof den 2. Weltkrieg.

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Blick auf das Hotel vom ehem. Dorfteich 2017

Beide Restaurants verfügten über große Luftschutzbunker. Das Sanssouci wurde 1945 beim Fliegerangriff zerstört, der Bunker liegt heute unter der Wiese. Anders im ehemaligen Hotel Wilhelmshof.

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Bleikristallleuchter im Ballsaal 2017

Weitgehend verschont geblieben von den Luftangriffen wurde das Hotel aufwendig umgebaut. Auch heute erinnern noch jede Menge erhaltes Inventar sowie zahlreiche Leuchter und Schilder im Haus an den Charme des Gründerzeithotels.

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Foyer Hotel & Restaurant Wilhelmshof

Keine zwei Meter hinter dem Hotelkomplex verläuft heute der Kreuzgraben parallel zur rückwärtigen Außenmauer. Die Räumlichkeiten der alten Kegelbahn im Keller befinden sich direkt auf Grabenhöhe. Wenn die kleinen Fensterverschläge des Kellers geöffnet sind, ist das plätschern des Kreuzgrabens zu hören.

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Luftschutzbunker Dietzgenstraße

Die riesige unterirdische Luftschutzanlage unter dem Wilhelmshof wurde nach dem Krieg parzelliert, um Platz für Kellerräume zu schaffen. Die Wandbeschriftungen sind heute noch zu lesen. In den 1950er Jahren wurde aus dem Hotel ein Wohnhaus.

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Eisbahn auf dem Dorfteich am Wilhelmshof

Der Teich verschwand schon in den 1930er Jahren. Geblieben ist nur der der kleine Kreuzgraben, der sich unter der Kreuzung und dann am ehemaligen Hotel vorbei schlängelt. Das Restaurant Wilhelmshof gab es weiter. Zu seiner Zeit legendär waren auch die Gärtnerbälle.

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Dorfteich Niederschönhausen

Wie schon am ersten Tag der Eröffnung den Besucher, so empfangen auch heute noch beide originale stählerne Außentüren mit ihren Jugendstilelementen den Mieter. Der Innenschmuck des Hauses ist weitgehend im Original erhalten.

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Besuchereingang Hotel Wilhelmshof

Links vom Haupteingang befanden sich eine Drogerie sowie ein Kolonialwarenhandel. Seit März 2007 sitzt hier der Versicherungsmarkler Sven Feder.

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ehem. Drogerie, heute Versicherungsmakler Sven Feder

Der Gastronomiebetrieb Wilhelmshof existierte bis 1971. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass hier leichte Mädchen verkehren. Beim Streit um die Damen bekamen die DDR-Grenzsoldaten regelmäßig die Hucke voll.

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Haupteingang im Hotel

Das wollte sich die Obrigkeit nicht länger ansehen und so wurde der der Gastronomiebetrieb kurzerhand dicht gemacht. Um auch ja keinen Zweifel an der Marschrichtung zuzulassen, wurde das Objekt des Aufsehens jetzt zur Bildungsstätte.

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Appartements im Vorderhaus

Von 1974 bis 1994 befand sich in dem ehemaligen Vergnügungstempel eine Stadtbibliothek. Im Dezember 1999 eröffnete das Ballhaus wieder. Ehrengast war eine 105-jährige Dame, die hier als junge Frau ihren Mann kennen lernte.

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Historischer Originalleuchter von 1905

Heute sind das Restaurant, der Ballsaal und die Kegelbahn verwaist. Das enorm große Objekt findet einfach keinen Betreiber. Die Appartements sind heute Mietwohnungen und erstrahlen mit ihrem originalen Stuck und den Parkettböden im ursprünglichen Glanz.

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erhaltene Stuckkassetten

Als Mieter im ehemaligen Hotel Wilhelmshof an der Kaiser-Wilhelm-Straße war es mir ein ganz besonderes Anliegen, die Geschichte meines Hauses zu erzählen.

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Dienstbotenaufgang Eichenstraße

Leider sind historische Aufnahmen oder gar Papiere von diesem Objekt äußerst selten. Wer historische Aufnahmen der Dietzgenstraße 59 besitzt oder findet, möchte sich bitte bei uns melden.

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Seitenflügel, links Dienstbotenwohnung

Allein in Niederschönhausen gibt es noch ein Dutzend solcher Restaurationen. Da wären zu Beispiel der Carlshof und das Bismarck am alten Wochenmarkt Niederschönhausen an der Waldstraße.

Autor: Christian Bormann, 26.06.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 30.06.2017

Bilder: Christian Bormann, historische Postkarten

 

Das kleine Kutscherhaus am Brosepark

Auf dem Grundstück Dietzgenstraße 49, damals Kaiser-Wilhelm-Straße, steht heute noch das denkmalgeschützte Ensemble, bestehend aus Sommerhaus und Kutscherhaus. Das Sommerhaus ist auch bekannt als Fröbelscher Kindergarten.

Sommerhaus links, Kutscherhaus rechts, 1913
Insgesamt stehen die beiden kurz nach 1830 gebauten Gebäude für die frühe Form des Schweizer Hauses und stellen schon allein deshalb einen besonderen historischen Wert da.

Kutscherhaus 2017
Viele Pankower erinnern sich auch noch an die Bibliothek, die hier zeitweise untergebracht war. Weniger bekannt ist das kleine Kutscherhaus, welches sich auch heute noch in einem relativ guten Zustand befindet.

Nordeingang Kutscherhaus
Das kleine Kutscherhaus besteht aus einem Backsteinerdgeschoss mit einem aufgesetztem Obergeschoss aus Holz. Es gibt mehrere Zimmer, das Häuschen ist über drei Außentüren zu betreten.

Holzaufbau Obergeschoss
Die Nordseite weisst die größten Schäden auf. Im Inneren sind die Spuren der Restauratoren zu sehen.

Freigelegte ursprüngliche Wandbemalung
An ausgewählten Stellen haben Historiker Schicht für Schicht entfernt und die originale Ausmalung freigelegt. Leider frisst sich derzeit der Schimmel durch die alten Putzwände und zerstört das Kutscherhaus von innen. Es bleibt zu hoffen, dass es in absehbarer Zeit gerettet und restauriert wird.

https://www.youtube.com/watch?v=sBsM506Iu1c&feature=share
Autor: Christian Bormann, 19.02.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 19.02.2017

Hoch auf dem gelben Wagen

Das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ geht ursprünglich auf das 1879 von Rudolf Baumbach verfasste Gedicht „Der Wagen rollt“ zurück. Der Pankower Komponist und Apotheker Heinz Höhne vertonte das Gedicht 1922 unter dem Titel „Hoch auf dem gelben Wagen“.

Christian Bormann, pankowerchronik
Apotheker Heinz Höhne

Der 1892 geborene Heinz Höhne stammte aus einer musikalischen Familie. Als Kind bekam er Geigenunterricht und komponierte bereits mit 12 Jahren seine ersten Lieder. Nach dem Ersten Weltkrieg absolvierte er seine pharmazeutische Lehre und machte sein pharmazeutisches Staatsexamen in Berlin.

Christain Bormann, pankowerchronik
Adler-Apotheke um 1920

Ab 1923 arbeitete Höhne in der Pankower Adler-Apotheke. Die Apotheke kaufte er 1936. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Apotheken in Ostdeutschland verstaatlicht. Heinz Höhne wurde Leiter mehrerer Apotheken in und um Berlin bis er sich 1965 aus dem Berufsleben zurückzog und 1968 verstarb.

Christain Bormann, pankowerchronik
Tito 8.Juni 1965 Pankower Renner, im Hintergrund die Adler-Apotheke

In dem Volkslied ging es um das Leben und den Lauf der Dinge, beschrieben als Reise in einer Postkutsche. Deutschlandweite Bekanntheit erlangte das Lied erst 1973. Es war der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Walter Scheel, der es zu Gunsten wohltätiger Zwecke am 6. Dezember 1973 in der ZDF-Show „Drei mal Neun“ sang.

Christain Bormann, pankowerchronik
Adler-Apotheke 2015

Die von Polydor vermarktete Version wurde zum Kassenschlager. Ganze 15 Wochen hielt sich „Hoch auf dem gelben Wagen“ und erreichte als Bestplazierung Platz 5 der Deutschen Charts. Der 5 Jahre zuvor verstorbene Heinz Höhne erlebte diesen Durchbruch seiner Komposition nicht mehr.

Christain Bormann, pankowerchronik
Walter Scheel 1973 im Tonstudio

Hoch auf dem gelben Wagen

Hoch auf dem gelben Wagen
sitz ich beim Schwager vorn.
Vorwärts die Rosse jagen,
Lustig schmettert das Horn.
Berge und Wälder und Matten,
wogen des Aehrengold.-
Möchte wohl ruhen im Schatten,
Aber der Wagen rollt.

Flöten hör‘ ich und Geigen,
Kräftiges Baßgebrumm;
Lustiges Volk im Reigen,
Tanzt um die Linde herum,
Wirbelt wie Laub im Winde,
Jubelt und Lacht und rollt.-
Bliebe so gern bei der Linde,
Aber der Wagen rollt.

Pastillon an der Schenke
Füttert die Rosse im Flug;
Schäumendes Gärstengetränke
bringt uns der Wirt im Krug.
Hinter den Fensterscheiben
Lacht ein Gesichtchen hold.-
Möcht so gern noch bleiben,
Aber der Wagen rollt.

Sitzt einmal ein Gerippe
Hoch auf dem Wagen vorn,
Trägt statt Peitsche die Hoppe,
Stundenglas statt Horn-
Ruf’ich „Ade ihr Lieben,
Die ihr noch bleiben wollt;
Gern wär’ich selbst noch geblieben,
Aber der Wagen rollt.

Autor: Christian Bormann 21.11.2015
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016

Pankows Zigarren-König Paul Juhl

Zu Pankow und Tabakwaren fällt uns sofort der Name Garbáty ein. Die Erinnerung ist noch gegenwärtig, nicht zuletzt durch die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Folgen.

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Markenzeichen der Paul Juhl Tabakwarenindustrie

Längst vergessen hingegen ist Pankows Zigarren-König Paul Juhl und seine Eule. Die auf einer Zigarre sitzende Eule war das Markenzezeichen der „Paul Juhl Tabakwaren-Industrie Berlin-Pankow“.

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Alte Reklame Paul Juhl Berlin

Seine erste Fabrik eröffnete Juhl am 2. Dezember 1869 in der Schönhauser Allee. Die Firmenzentrale befand sich in der Berliner Straße 29. Paul Juhls Zigarren waren in aller Munde.

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Zigarettenherstellung um 1900

Um 1910 erstreckte sich ein Netz von Tabakwarenläden, die auf die Produkte von Paul Juhl spezialisiert waren, über Pankow. Die gesamte großflächige Werbefassade war auf Juhls Produkte ausgerichtet.

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Flora- Ecke Wollankstraße 1910

Jedes Kind kannte die Juhl’sche Eule. Für 1910 lassen sich mindestens 5 Tabakwarenläden von Juhl in Pankow nachweisen. Auch im Berliner Bezirk Mitte gab es 2 große repräsentative Paul Juhl Tabakwaren Läden.

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Neue Schöbholzer- Ecke Wollankstraße 1910

Die 5 Tabakwarenläden befanden sich in der Florastraße/Ecke Wollankstraße, Neue Schönholzer Straße/Ecke Wollankstraße, Florastraße am S-Bahnhof Pankow, Masurenstraße/Ecke Berliner Straße und Berliner Straße/Ecke Vinetastraße.

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S-Bhf Pankow 1919

Ab 1914 fertigte die Juhl Tabakwaren-Industrie Gesellschaft bereits mit 1200 Mitarbeitern in 9 Werken. Neben einem beachtlichen Sortiment an Zigarren gehörte auch die Zigarettenmarke „Lavari“ zur Produktpalette. „Lavari“ gab es in 4 verschiedenen Sorten.

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Masuren- Ecke Berliner Straße 1910

Pankows Zigarren-König starb 1919. Beigesetzt wurde Paul Juhl in der Erbbegräbnisstätte seiner Familie. Die Grabstätte befand sich auf dem Friedhof III in Pankow-Schönholz. Die Begräbnisstätte existiert heute nicht mehr.

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Berliner- Ecke Vinetastraße 1910

Berliner Straße Ecke Vinetastraße 1910

Nach dem Tod Juhls übernamen seine Söhne Otto und Georg die Geschäfte. Unter ihrer Führung wurde die Firma Juhl in eine GmbH überführt. Bereits in den 1930er Jahren waren Juhls Söhne aus dem Unternehmen ausgeschieden.

Autor: Christian Bormann 30.08.2015
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016

Vergnügungspark Traumland in der Schönholzer Heide

Bereits seit Eröffnung der Berliner Nordbahn 1877 entwickelte sich die Schönholzer Heide zu einem beliebten Ausflugsziel. Das Fliegenfest der Raschmacher und die Schützengilde trugen ebenfalls zur Bekanntheit bei.

Traumland Schönholz 1936
Riesenrad 

Nachdem 1936 der „Luna Park“ in Halensee geschlossen wurde, suchte die Schaustellergemeinschaft einen neuen Festplatz. Überregional bekannt, mit Bahn und Vorstadtwagen gut zu erreichen waren ideale Voraussetzungen. So fiel die Wahl auf die Schönholzer Heide.

Traumland Schönholz 1936
Festplatz Traumland Schönholz

Von der Berliner Schützengilde mietete sich die Schaustellergemeinschaft ein großes Areal für ihren neuen Festplatz. Pankow bekam einen Vergnügungspark, wie ihn Berlin noch nicht gesehen hatte. Das Traumland war geboren.

Traumland Schönholz 1936
Tanz-Pavillon Traumland

Im gleichen Jahr richtete Deutschland die Olympischen Spiele aus. Der Vergnügungspark Traumland war zur Olympiade 1936 der größte seiner Art in Berlin. Die Hauptattraktion war die 18 Meter große Himalaya-Bahn.

Traumland Schönholz 1936
Himalaya-Bahn Schönholz

Weitere Attraktionen waren das Riesenrad, die Wasserrutsche, Tanzpavillons, das Varieté und die Traumstadt Liliput. Das Zurschaustellen von kleinwüchsigen Menschen war damals eine Attraktion. Heute undenkbar.

Traumland Schönholz 1936
Darsteller in Liliput

Legendär für ihre Trinkgelage war die Bayernhalle. Nicht weniger beliebt war die Ochsenbraterei, bei der ganze Ochsen am Spieß gedreht wurden. Getanzt wurde in der Restauration „Thiemanns Festsäle“ an der Straße vor Schönholz.

Traumland Schönholz 1936
Liliputaner Varieté

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde der Vergnügungspark Traumland von den Nationalsozialisten zum Zwangsarbeiterlager umfunktioniert.

Traumland Schönholz 1936
Traumstadt Liliput

Auf den Fundamenten des Festplatzes wurde ein Barackenlager errichtet, von den Pankowern Luna-Lager genannt.

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Zwangsarbeiterinnen vor ihren Baracken im Luna-Lager Schönholzer Heide

Thiemanns Festsäle und das Schloss Schönholz dienten ebenfalls der Unterbringung von Zwangsarbeitern.

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Gelände ehem. Traumland in Schönholz

Das Areal des ehemaligen Traumland liegt heute hinter dem Paul Zobel Sportplatz parallel zur Hermann-Hesse-Straße.

Autor: Christian Bormann 18.02.2015
technische Leitung: Nadine Kreimeier
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 10.04.2016

Der Baumeister "Schinder Schmidt"

Die Firma Carl Schmidt wurde 1903 in Pankow gegründet.
Hauptsächliche Bauausführungen waren Hoch-, Tief- und Eisenbetonbau. Der Architekt und Baumeister Schmidt pachtet 1906 das Grundstück des Elisabethstifts bevor er es 1919 kaufte.
Die vorhandenen Gebäude gestaltete er nach seinen Vorstellungen um.

Villa Schmidt
Neue Schönholzer Straße 1928

Die zweistöckige Villa in der Schönholzer Straße 4 ist bis heute erhalten und zeigt die für Schmidt typische rot braune Klinker Fassade. Unter den Pankower Bauarbeitern war er bekannt als „Schinder Schmidt“. In den zwanziger Jahren baute „Schinder Schmidt“ mit seiner Firma den westlichen Erweiterungsbau des Rathaus Pankow nach Plänen von Rudolf Klante und Alexander Poeschke. Auch die Ortskrankenkasse in der Florapromenade, das Gesundheitshaus Grunowstraße, Hauptzollamt und Hauptpostamt sowie zahlreiche Pankower Wohnhausbauten führte „Schinder Schmidt aus.

Autor: Christian Bormann, 16.11.2014
technische Leitung: Nadine Kreimeier
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 30.03.2016