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Friedhofssanierung am Bürgerpark lüftet Geheimnis um Straßennamen

Gemeint ist die Kreuzstraße in Pankow am alten Gemeindefriedhof. Nur wenige Meter vom alten  Bürgerpartor enfernt, schließt sich das historische Gartendenkmal an den Bürgerpark an. Das heutige Gartendenkmal wurde 1841 als 1. Gemeindefriedhof angelegt, da die ursprüngliche Begräbnisstätte rund um die Pankower Dorfkirche „Zu den vier Evangelisten“ nicht mehr ausreichte.

Eingangstor von 1909, saniert 2020 bis 2021, Foto Mai 2021

Während der aktuellen Sanierungsarbeiten an der Einfriedung des Friedhofs im Bereich Wilhelm-Kuhr-Straße, Kreuzstraße und Grabbeallee sowie am Mausoleum ergaben sich mehreren Fragen zu historischen Sachverhalten. Die schmiedeeiserne Einfriedung von 1909 war die Nachfolgerin der einstigen Holzeinfriedung und mit 110 Jahren reif für eine Sanierung.

Fertigbetonteile am alten Noteingang werden entfernt und durch historische Einfriedung von 1925 ersetzt, 2021

Gemeinsam mit der Revierleiterin des Straßen und Grünflächenamts Berlin Pankow, Frau Cornelia Wagner, nahm ich mich der Recherchen parallel zur laufenden Sanierung an. Die Kreuzstraße ist für mich ganz besonders interessant, in der Hausnummer 5 (direkt neben Schmidt-Hutten), bin ich selbst aufgewachsen. Nicht zuletzt der Gründer und 1. Präsident des FC Bayern München, der Pankower Fotograf Franz John gehört ebenfalls zu den historischen Persönlichkeiten der Kreuzstraße. Unter der Überschrift: „Pankower gründet FC Bayern und ist 1. Präsident“ habe ich 2016 darüber berichtet.

Revierleiterin des Straßen und Grünflächenamts Berlin Pankow, Cornelia Wagner (re.) und Autor Christian Bormann (li.)

Wärend der Recherchen in alten Luftaufnahmen zur ursprünglichen Funktion und Form der historischen Einfriedung des Friedhofs und der Suche nach Spuren der verlorenen Kapelle, stieß ich auf eine Antwort, deren Frage ich gar nicht gestellt hatte. Woher stammt eigentlich der Name Kreuzstraße?

2020 bis 2021 sanierte historische Einfriedung von Friedhof 1, Wilhelm-Kuhr-Straße Ecke Kreuzstraße

Im Zeitalter des Internets sind viele Fragen schnell beantwortet. So auch die Enstehung von Straßennamen. Anders bei der Kreuzstraße in Pankow. Bis heute konnte nur gemutmaßt werden, wie der Name entstand. Hierzu gibt es mehrere Legenden. Unter anderem die Auffassung, dass der Name auf die Siemens & Halske-Bahn zurück geht, die aus der Kreuzstraße kommend in die Wollankstraße einkreuzte.

Siemens & Halske Bahn fährt aus der Kreuzstraße kommend in die Wollankstraße 1885

Eine schöne Theorie, aber als wahrscheinlicher galt die Verbindung zum alten Gemeindefriedhof. Die Erklärung hierzu ist, dass auf dem Friedhof viele Eisenkreuze standen und die Straße so zu ihrem Namen kam . Dazu sollte man wissen, dass es 1896, als die Kreuzstraße angelegt wurde, tatsächlich diese heute nicht mehr gebräuchlichen Eisenkreuze in Hülle und Fülle auf den Friedhöfen gab, so wie heute die typischen Granitgrabsteine.

Mit Ziergitter eingefasste Familiengrabstelle, Foto 2021

Der alte Gemeindefriedhof bildet hier eine Ausnahme. Die Grabanlagen waren aufgeteilt in kleine gemauerte Grabkammern, ausgehend vom Mausoleum, entlang der Friedhofsmauer und den Wiesengräbern auf der Freifläche. Die damals typischen Eisenkreuze waren hier die Ausnahme. Die Regel waren aufwändig gestaltete und schmiedeeisern eingefasste Familiengräber und obeliskartige Granitsteine. Ein Blick auf die Luftbilder von 1928 und 1953 offenbarten das Geheimnis um den Straßennahmen.

Luftbildaufnahme Kreuzgang mit Baumkreuz; ehem. Gemeindefriedhof 1, Kreuz-/ Ecke Wilhelm-Kuhr-Straße, 1928

Ich konnte kaum glauben, wie einfach die Antwort war. Die Aufnahmen zeigen ein nach Norden ausgerichtetes, 80 Meter langes und 55 Meter breites christliches Kreuz aus Baumkronen und ein am Boden des Friedhofs angelegter Kreuzgang, an dessen Ende sich die im Krieg beschädigte gesuchte Kapelle befand.

Hauptachse des 1841 am Boden angelegten Kreuzgangs, an dessen Ende sich bis 1946 die Kapelle befand, Foto 2021

Der Kreuzgang wurde zur Gründung des Friedhofs 1841 angelegt und ist auf den ersten Luftaufnahmen von 1928 bereits 87 Jahre alt. Auf dem technischen Gesamtplan der Anlage von 1946 ist der Kreuzgang am Boden als begehbares Wegesystem noch erhalten und die Kapelle am Ende des Kreuzes noch verzeichnet.

Luftaufnahme mit Baumkreuz, Friedhof 1, Kreuz-/ Ecke Wilhelm-Kuhr-Straße, 1953

Der Kreuzgang scheint in den späteren Jahrzehnten absichtlich entschärft worden zu sein. Heute existiert am Boden nur noch die Hauptachse des Kreuzes als Mittelweg vom Eingangstor Richtung Mauerdurchgang. Die mit den Jahrzehnten abnehmende Zahl an Bäumen ist auf Ursachen wie Sturmschäden, Bewirtschaftung und den ganz gewöhnlichen Lauf der Natur zurückzuführen. Die Luftaufnahmen zeigen aber noch etwas ganz anderes.

Nachgepflanzte Baumreihe parallel zum Baumkreuz, Foto 2021

Parallel zum Baumkreuz wurde eine schneller wachsende Baumreihe aus Linden gesetzt. Auf dem Gesamtplan von 1946 ist diese Baumreihe schon verzeichnet. Vermutlich wurde sie in den 1930er bis 1940er Jahren gepflanzt. Vom Boden aus wiederum ist zu sehen, dass die nachgesetzte Baumreihe die Einfriedung über die Jahrzehnte schwer beschädigt und verschoben hat. Das muss damals schon absehbar gewesen sein, wurde aber vermutlich um des Zweckes wegen in Kauf genommen.  Das Kreuz sollte aus der Luft und vom Boden unkenntlich gemacht werden.

Baumkreuz als sichtbares Fragment, ehem. Friedhof 1, Satellitenbild Google Earth 2018

Bei einem Treffen vor Ort im April 2020 legte ich dem Vertreter der Denkmalschutzbehörde meine Recherche dar und konnte ihn davon überzeugen, dass der Straßenname direkt auf den Kreuzgang und das himmelsgroße Baumkreuz zurück geht. Zu meiner Freude schloss sich das Denkmalamt meiner Auffassung an. Ich begleite Frau Wagner seit über einem Jahr bei den noch andauernden Sanierungsarbeiten. Die Herkunft des Straßennamens war nur eine von vielen Überraschungen und der Auftakt zu mehreren kleinen Geschichten rund um den alten ehemaligen Gemeindefriedhof 1 am Bürgerpark.

Bild Kreuzgang

Autor: Christian Bormann

red.Bearbeitung: Martina Krüger

Bilder: Christian Bormann, Tagesspiegel, Berliner Morgenpost, Google Earth 2018,

Zeitkapseln in Pankow

Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört es, alle paar Wochen die historischen Örtlichkeiten in Pankow abzulaufen. Dabei dokumentiere ich die Veränderungen vor Ort und kann gegebenenfalls auch noch eingreifen, wenn es um Baumaßnahmen geht.

Gartenwohnhaus Gaillardstraße 2017

In vielen Fällen wissen die Eigentümer oder Bauherren gar nicht um die historische Bedeutung ihrer Grundstücke oder dessen, was sich auf ihnen noch verbirgt. So auch im Fall der Mauerteile an der Wackenbergstraße. Hier konnte ich die Zerstörung von 80 Mauerteilen der innerdeutschen Staatsgrenze verhindern.

rechter Giebel mit Werkstattluke

Dank des DDR-Museums können 4 dieser Segmente auch weiterhin besichtigt werden, der Rest ist eingelagert. Zu den spannendsten vergessenen Orten gehören die Zeitkapseln in Pankow. Es sind alte versiegelte Amtsgebäude, Fabriken und Wohnhäuser.

Empfangszimmer 2017

Eine dieser Zeitkapseln ist ein kleines Gartenwohnhaus in der Gaillardstraße am westlichen Rand von Pankow. Das erste Mal kletterte ich als Jugendlicher im Sommer 1995 in das zerfallene Haus. Aus alten DDR Milchkästen baute ich mir einen Kletterturm und zwängte mich behutsam durch ein Oberlicht in die Küche.

Küche im Haus

Das Haus, um 1900 gebaut, war damals schon stark verfallen. Der Putz beschädigt, die Holzanbauten hängen noch am Giebel, sind aber stark verwittert und drohen abzustürzen. Die Fenster und Türen von innen vernagelt, das eindringende Wasser hat Wände und Decken teilweise einstürzen lassen.

Kühlschrank um 1950

Im Foyer sind noch Glaskassetten erhalten. Die Innen- und Aussentüren des Hauses befinden sich in einem bemerkenswert guten Originalzustand. Viel interessanter als die in den Abendstunden schon gruselig anmutende Fassade ist das innere des Kleinods.

DDR Lebensmittel von 1962 bis 1969 originalverpackt / Foto 2017

Dabei ist ein Stockwerk interessanter als das andere. Gleich im Erdgeschoss wird der Besucher von ausgehangenen Zimmertüren empfangen. Strohsofas und Sessel, wie sie in der Nachkriegszeit üblich waren, finden sich in jedem zweiten Raum. Die Decken- und Stehlampen in den Zimmern sind feinster 60er Jahre Chic. Typische Haushaltswaren aus den 1950 Jahren sind auf den Zimmerböden verteilt.

Dachboden mit Waschkommode 2017

Das letzte Datum, dass sich auf verbliebenen Dokumenten und Zeitungen im Haus befindet ist der 9. Dezember 1962. Etwa seit dieser Zeit steht das kleine Wohnhaus leer. Ich beließ alles wie es war und kletterte vorsichtig wieder aus dem Haus. Die nächsten Jahre beobachtete ich das Grundstück von aussen weiter. Anfang diesen Jahres war es mal wieder soweit.

Neues Deutschland 09.12.1962

Ich besuchte meinen Bekannten Nick, auf dem Weg zu ihm hatte ich noch etwas Zeit über. Es waren schon 22 Jahre vergangen das ich selbst im Haus war. Von aussen gab es keinerlei Anzeichen für Veränderung. Kurzentschlossen schnappte ich mir die von Ranken überwucherten Milchkästen, die wie eh und je noch an der rechten Giebelseite des Hauses lagen.

Foyer von innen

Wieder zwängte ich mich durch das Oberlicht. Mit 22 Jahren Abstand kein Spaß mehr. Dieses mal blieb ich mit dem Hintern im Fenster stecken. Meine Neugier war zu groß. Anstatt auf Nummer sicher den Rückwärtsgang einzulegen, legte ich eine saubere Bruchlandung in der Küche hin.

Treppe zur Werkstatt

Und da war es. Das Gefühl, nach Ewigkeiten der erste Mensch in einer solchen Zeitkapsel zu sein. Im Haus hatte sich nichts verändert. Werkzeug, das ich zwei Jahrzehnte zuvor von den Dielen auf ein Sofa gelegt hatte, lag dort noch unberührt. Ich konnte es kaum glauben. Mit dem zeitlichen Abstand fielen mir bei meinem zweiten Besuch auch andere Einrichtungsgegenstände auf.

Haustür zum rückwärtigen Garten

Bei meinem ersten Besuch waren es die antiken Werkzeuge in der Werkstatt auf dem Dachboden, die bleibenden Eindruck hinterließen. Dieses mal waren es die Lampen und Möbelstücke, wie die Biedermeier-Waschbeckenkommode auf dem Dachboden. Auch ein kleiner Kühlschrank weckte nein Interesse. Als Jugendlicher war mir der Kühlschrank aus den 1950er Jahren entgangen. In der Absicht, mir die technische Ausstattung des Stückes einmal genau anzuschauen, öffnete ich ihn. Behutsam zog ich am Türgriff, als sich das Schätzchen öffnete, verschlug es mir die Sprache. Der Kühlschrank war voll mit originalverpackten DDR-Lebensmitteln. Bohnen, Kirschen, Letscho, einfach alles, was es an Konserven im Glas gab. Auch ungeöffnete Getränke wie Tonic standen im Kühlschrank. Die Lebensmittel waren alle original verpackt, ungeöffnet und stammten aus dem Jahr 1962. Nach dem ich alles dokumentiert hatte kletterte ich diesmal nicht durch das Oberlicht, sondern an anderer Stelle wieder aus dem Haus.

Autor: Christian Bormann, 16.07.2017

red. Bearbeitung: Martina Krüger, 16.07.2017

Fotos: Christian Bormann