Wer kennt es nicht, das kleine, achteckige, historische Toilettenhaus am Senefelder Platz, in Sichtweite des Denkmals für Alois Senefelder.

Furchtbar muss es noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Städten gestunken haben. Die heutige Kanalisation nach dem Vorbild Hobrechts gab es noch nicht. Fäkalien wurden zumeist an Ort und Stelle belassen.

Das galt nicht nur für die Heimfäkalien. Auch wer unterwegs war, musste sich erleichtern. Das geschah in Berlin zumeist von Brücken nicht jeder Berliner hatte gleich eine Spreebrücke beim Spazieren vor der Nase. Zudem war auch das Urinieren von Brücken strengstens verboten und für Frauen kam das sowieso nicht in Frage.

Zwei Toiletten sind allerdings überliefert, sie dürfen getrost als die ersten Aborte Berlins bezeichnet werden. Unter einem der Stadtschlossportale soll sich 1737 eine Urintonne befunden haben. Im Stadtschloss selbst soll sich eine sogenannte Comodität befunden haben. Sie lag über der Spree, wohin dann auch die Hinterlassenschaften nach verzichtetem Geschäft verschwanden.

Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zum Streit zwischen Magistrat und Polizeipräsidenten über die Errichtung öffentlicher Bedürfnisanstalten. Zu langsam schritt die Entwicklung der öffentlichen Berliner Aborte voran. Am Askanischen Platz und an der Fischerbrücke sollen 1863 die ersten zwei enstanden sein.

Kurz darauf enstanden 54 weitere Bedürfnisanstalten. Auf Weisung des damaligen Polizeipräsidenten Guido von Madai wurden geräumige Pissoirs mit achteckigem Grundriss aufgestellt. Im Urprung waren das Dach sowie die Galerie aus Glas, der Rest bestand aus Guseisenplatten. Spätere Varianten hatten kein Glas mehr und waren in Gänze aus verzierten Gusseisenplatten.

Der heutige Fachausdruck ist wohl „Café Achteck“, der einfache Berliner sprach vom „Madai-Tempel“. Sogenannte Vollanstalten, die auch von Frauen und Kindern genutzt werden konnten, waren sehr selten. Die erste Vollanstalt wurde im Roten Rathaus eingebaut.

Findige Unternehmer erkannten schnell, welches finanzielle Potenzial in öffentlichen Bedürfnisanstalten steckte. So schossen die privaten ab 1870 wie Pilze aus dem Boden. Ein neuer Markt war geschaffen. Das Bauen und Unterhalten dieser Einrichtungen war eine lukrative Angelegenheit.

Der erfolgreichste Unternehmer dieser Zunft soll ein Herr Protz gewesen sein. Seine privat betriebenen öffentlichen Toiletten sollen rechteckig gewesen sein. Es waren Vollanstalten mit sechs getrennten Closetts. Nachdem der Markt geschaffen war, wollte Berlin sich das Geschäft mit dem Geschäft nicht entgehen lassen. Und so wurde der Betrieb der Anlagen zur Pacht ausgeschrieben.

Nach etwa zwei Jahrzehnten wurde der Toilettenmarkt vom Magistrat liquidiert. Die Stadt betrieb die öffentlichen Bedürfnisanstalten ab 1906 selbst. Das kleine grüne Achteck ist heute noch ein echter Hingucker und nach wie vor in Betrieb.
Autor: Christian Bormann
Red. Bearbeitung: Martina Krüger
Bilder: Christian Bormann Pankowerchronik









































