
Erbaut 1857 als Vorstadtvilla am Weißen See, sollte es hier mit der Ruhe nur nach wenigen Jahren schon vorbei sein. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde hier gefeiert, was das Zeug hielt.

Rund um den See entstanden Fahrgeschäfte, Gastwirtschaften und viele weitere Attraktionen wie Sterneckers Weltetablissement oder ab 1900 das Deutsche Zelt. Es waren die typischen Berliner Vorstadtvergnügungen, wie sie auch in Schönholz („Bolle reiste jüngst“) und in vielen weiteren Vororten des damals noch recht kleinen Berlins stattfanden.

Auch der See selbst wurde in die Vergnüglichkeiten mit einbezogen. So brach in der Mitte des Sees in Abständen ein kleiner Vulkan aus.
Der See konnte mit Booten befahren werden und ringsum gab es Speis und Trank.

Spätestens mit dem ersten Weltkrieg gingen diese Festlichkeiten ein. Männer mussten an die Front und wer daheim war, dem war nicht zum Feiern zumute. Die Ära der großen Berliner Vorortplätze war in den 1920er Jahren vorbei. Auch die einstigen Vororte selbst wurden jetzt zu Berliner Bezirken.

Aus den Festflächen wurden Wohnquartiere und das Feiern verzog sich nach Ende des 1. Weltkriegs in die Kneipen, Clubs und Bars der Städte.

So erging es auch dem Brechthaus in Weißensee. Wurde hier unter Carl Heerdt noch gespeist, gefeiert und getrunken, galt es jetzt Wohnraum für die städtischen Arbeiter zu schaffen.

Aus Heerdts Ausflugslokal wurde 1925 ein Wohnhaus und aus dem einstigen Biergarten mit Seeblick ein Hinterhof.

So blieb es fast 20 Jahre bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs, nach dessen Ende viele private und staatliche bzw. städtische Immobilien von den Sowjets beschlagnahmt wurden.

So befand sich nach Kriegsende von 1947 bis 1949 hier eine Außenstelle der Sowjetischen Kommandantur, die ihren Hauptsitz in der Breiten Straße im Rathaus Pankow hatte. Über die Außenstelle ist heute kaum etwas bekannt.

Die Gebäude, die auf dem Gebiet von Pankow zum Zwecke der Kommandantur beschlagnahmt wurden und in denen Deutsche keinen Zutritt hatten, wurden 1949 an den Magistrat von Berlin rückübertragen.

Von 1949 bis 1953 wurde das Haus von Bertold Brecht und Helene Weigel bewohnt. Mit der Gründung des Ost-Berliner Ensembles im Frühjahr 1949 brauchten dessen Intendantin Helene Weigel und der künstlerische Leiter Bertold Brecht ein Obdach.


In Berlin herschte nach dem Krieg noch Wohnungsnot. So zogen beide in die Berliner Allee 143.

Nach nur 4 Jahren zogen sie wieder aus und im Rahmen der Aufbauprogramme der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Villa 1955 zum Clubhaus der Volkssolidarität.

Das Haus war bald hundert Jahre alt und schon sehr renovierungsbedürftig. So verwundert es dann auch nicht, dass sich die Türen der alten Vorstadtvilla 1986 wegen ebendieser Renovierungsbedürftigkeit schlossen.

Im gleichen Jahr entstand dafür anlässlich der 750-Jahrfeier Berlins das Wandbild „Der Kirschendieb“ nach Brecht am Brandgiebel der Berliner Allee 177, nur wenige Meter neben dem geschlossenen Brechthaus.

Teilrenoviert eröffnete das Haus 1992 noch ein letztes Mal. Es zogen Künstler ein und das Kulturamt selbst unterhielt hier einige Büros.

Wie in allen so genannten neuen Bundesländern war auch das Brechthaus vom Alteigentümerrückübertragungsforderungen betroffen. Genauer gesagt waren es die Erben der Alteigentümer.

Die geschichtsträchtige Vorstadtvilla wurde an die Erben rückübertragen und ihre Türen schlossen sich Anfang der 2000er Jahre für die Öffentlichkeit.

Spaziert man heute vom Askaniahaus die Berliner Allee hoch, ist bis auf die alte Felssteinkirche nicht viel Historisches zu sehen. Das Brechthaus, inzwischen äußerlich stark verwittert, versteckt sich hinter einer großen Hecke.

Im Sommer, wenn das Fenster im ersten Stock zur Straße offen steht, kann man als Spaziergänger die vielen Gitarren an den Wänden sehen und mit etwas Glück hört man auch eine von ihnen.

Das Wandbild der Kirschendieb verschwand schon 2018 hinter einem neuen Wohnhaus und die nächste Baugrube wartet bereits darauf, auch die kleine Brechtvilla in seinem Schatten verschwinden zu lassen.
Autor: Christian Bormann
Red. Bearbeitung: Martina Krüger
Bilder: Christian Bormann, Pankowerchronik