In den 1920er Jahren befand sich in der Liebermannstraße 75 die Chemische Apparatefabrik Carl Otto Raspe. Die Fabrik benötigte schnell mehr Platz und so ließ Raspe 1939 bis 1941 ein L-förmiges Fabrikgebäude mit drei Etagen und einem siebenstöckigen Verwaltungsturm von Otto Schubert errichten.

Kurz darauf, im Jahr 1943, siedelten sich bereits die ausgebombten Askania-Werke an. Hierauf geht auch der Name Askaniahaus zurück.

Die Werke arbeiteten jetzt fast ausschließlich in der Rüstung. Instrumente und Apparate für die Luftwaffe wurden hier gebaut.

Mit Ende des zweiten Weltkriegs wird das Askaniahaus kurz als Rathaus genutzt, was heute noch gut am Schriftzug über dem Haupteingang zu sehen ist.

Ab 1946 ist das Areal Sitz der Hauptverwaltung der SAG-Betriebe, die Sowjetische Aktiengesellschaft in Deutschland.

Mit der allmählichen Übergabe der Staatsgewalt an die DDR-Organe zieht die SAG aus und das Ministerium für Staatssicherheit zieht in die alten Askaniawerke ein.

Im Gegensatz zur Kugellager- und Werkzeugfabrik Riebe haben die neuen Askaniawerke an der Berliner Allee den Krieg gut überstanden.

Mit dem Mauerfall in der DDR erobern sich Bürgerkomitees und Oppositionelle die alten Liegenschaften der Staatssicherheit, so auch in der Liebermann- und Neumagener Straße.

Viele waren schockiert über die Entdeckungen, die hier gemacht wurden. Mit Übernahme des Grundstücks hatte die Abteilung Personenschutz und die Staatseskorte hier ein überdimensioniertes Waffen- und Munitionslager angelegt.

Auf dem Hof befindet sich neben der erhaltenen Hauptwaffenkammer auch noch die unterirdische Raumschießanlage des MdI.


Seiner Entstehungszeit geschuldet verfügten die Askaniawerke über zahlreiche Schutzräume auf Kellerniveau.

Einige dieser Luftschutzeinrichtungen wurden von der Abt. Personenschutz ebenfalls als Waffenkammern genutzt, da die Schutzräume bereits über Luftschutztüren verfügten und einfach gesichert werden konnten.

Deutlich sind die Spuren der Zeit und die mehrmalige Umnutzung der Räumlichkeiten zu sehen. Immer wieder vermauerte Türen und Durchgänge.

Während die meisten dieser Kellerbunker heute von Künstlern oder kleinen Gewerbetreibenden genutzt werden, sind einige von ihnen noch im Zustand der 1990er Jahre, als die Waffen entfernt und die Räume für Jahrzehnte wieder verschlossen wurden.

In der Nachwendezeit befand sich das Finanzamt im Askaniahaus. Hiervon zeugt noch ein Fund Zehntausender Steuerunterlagen, die in der Waffenkammer der Staatseskorte von mir gefunden worden.

Kaum zu glauben, aber auf dem Hof des Askaniahaus ist die Zeit fast stehen geblieben. In den Kellern und Hofgebäuden sieht man noch die Reste der einstigen DDR.

Das gesamte Areal war ein Hochsicherheitsgebiet und mit Postentürmen gesichert. Geschichtsfreunde wird es freuen zu lesen, dass hier sämtliche Industriebauten denkmalgeschützt sind, soweit das Auge reicht.


Während wir Luftaufnahmen der Askaniawerke, Niles-Werke, der Kugellager-u. Werkzeugfabrik Riebe sowie den Resten vom Sternradio-Werk für neue Geschichten machen, sehe ich, dass eine der ehemaligen Bunkertüren offen steht.

Ich nutze die Gelegenheit gleich, um ein paar Fotos zu machen. Der Keller scheint so feucht zu sein, dass eine Nutzung ausgeschlossen ist. Das gleiche Bild wie in allen Kellern des Areals. Viel Grundwasser, viele Pumpen.

Fast ein Glück, in allen nutzbaren Kellereinheiten sind die Spuren der Geschichte verschwunden, in den unbenutzbaren steht die Zeit seit dem Auszug des Ministeriums für Staatssicherheit still.



Die Mischung aus Denkmalschutz und Unnutzbarkeit der Räumlichkeiten kommt mir hier zugute. Seit 2023 arbeite ich mich durch den Industriekomplex und bin überrascht, wie gut der Denkmalschutz hier gearbeitet hat, aber auch, wie viele ungenutzte und weitgehend erhaltene Teile es gibt, trotz einer so großflächigen Durchsanierung.

Der Keller, den ich betrete, gehört zur den wenigen Ungenutzten unter dem Produktionsgebäude Liebermannstraße. Das Gebäude wurde bei seiner Errichtung mit über einem Dutzend Luftschutzeinheiten im Keller ausgestattet. Diese waren damals noch untereinander verbunden und verfügten über mehrere Notausgänge.

Spätestens mit dem Einzug des Ministeriums für Staatssicherheit wurden die Bunkereinheiten getrennt. Türen und Gänge sowie die Notausgänge wurden vermauert. In den ehemaligen Askaniawerken saß jetzt die Abteilung Personenschutz und die Staatseskorte.



Das Ministerium benutzte die einstigen Luftschutzbunker und leichten Schutzräume als Waffenkammern. Die Hauptwaffenkammer befand sich wahrscheinlich auf dem Hof im alten Raspe-Werk, später auch Teil der Askaniawerke.



Gut erhalten haben sich auch die Parkplätze der Eskorte. Praktisch unberührt und nur teilberäumt harren die Räumlichkeiten der Zeit.

Nach den ersten Medienberichten über meine Entdeckungen auf dem Hof der Askaniawerke wurden sämtliche Räumlichkeiten nachgesichert.

Wer hier gearbeitet hat, wird von mir ermutigt sich zu melden und seine Geschichte zu erzählen.

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Autor: Christian Bormann
Red. Bearbeitung: Martina Krüger
Fotos: Christian Bormann, Guido Kunze, Pankowerchronik