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Die Heinersdorfer Villa

Zu den Blickfängen am alten Heinersdorfer Dorfkern gehört neben der Kirche zweifelsohne die alte Heinersdorfer Villa. Viel ist heute nicht mehr über sie bekannt.

Villa des Pferdehändlers von 1876, Foto Mai 2021

Die Villa war Wohn- und Vorzeigeobjekt eines vermögenden Heinersdorfer Pferdehändlers. Nur wenige hundert Meter die Straße runter nach Weißensee befand sich die Pferdeauktion. Das 1876 erbaute Vorderhaus gehört mit Taubenturm und Scheune zu einem heute denkmalgeschützten Gesamtentsemble.

Heinersdorfer Villa Romain-Rolland-Straße 49, erbaut 1876, Foto 2021

Nord- und Ostseite des Hauses tragen noch, wie in der Zeit des Historismus üblich, eine prächtig geschmückte Stuckfassade, während die Südseite notdürftig verputzt und die Westseite bis auf die Klinker abgetragen ist.

Giebel mit Kartusche, Monogramm und Jahreszahl 1876

An der Fassadenfront zur Straße fällt als erstes der prächtige Giebel auf. Eine aufwändige Stuckarbeit zeigt zwei Engel, die eine Kartusche mit der Jahreszahl 1876 und darüber ein Monogramm halten. Auch die schmiedeeiserne Einfriedung geht noch auf das Jahr 1876 zurück.

Straßenfront im Stil des Historismus von 1876

Auf Augenhöhe sind es die Stuckkassetten mit römisch anmutenden Motiven, die ins Auge stechen wie leider auch die unschönen Kunststofferkerfenster. Schaut der Betrachter noch etwas genauer hin, so fällt ihm eine alte Hausnummer auf.

Stuckkassette aus dem Historismus 1876, Foto Mai 2021

Es handelt sich hierbei tatsächlich noch um die erste Hausnummer. Die Heinersdorfer Dorfstraße war ein Feldweg und wurde erst 1900 als Straße befestigt. Deshalb taucht sie auch erst 1903 im Adressbuch von Berlin als Kaiser-Wilhelm-Straße auf. Sogar die rote Eingangstür ist noch original. Links neben der Eingangstür wacht eine Frau in römischem Gewand mit Blumenschmuck.

Historische Hausnummer vom 1902, Kaiser-Wilhelm-Straße 15

Bei einem Blick durch die Fenster ist zu sehen, dass die Villa auch von innen mit Historismusmotiven geschmückt ist. Die Villa stand bis zu ihrer Umbenennung 1951 in Romain-Rolland-Straße 49 in der Kaiser-Wilhelm-Straße 15. Heinersdorf war geprägt von Äckern, vor allem aber bekannt für seine Obstgärten.

Eingangstür von 1876, Foto Mai 2021

Ursprünglich ließ sich die Kirche umfahren, wie es heute noch in Pankow oder Blankenburg üblich ist. Die Heinersdorfer Bauern verstanden es, ihre Äcker immer weiter an die Kirche zu ziehen, bis die Kirchenmauer ereicht und ein Umfahren mit der Kutsche nicht mehr möglich war.

Nördliche Fassadenfront mit Figur und Giebelschmuck, Mai 2021

Heinersdorf gehörte früher zum Verwaltungsbezirk Alt-Weißensee und lag soweit ab vom Schuss, dass die Kinder in den umliegenden Dörfern es schon besangen. „In Heinersdorf tragen die Mädels noch Schnallen an den Schuhen…“

Erhaltene figürliche Darstellung im Stil des Historismus von 1876

Die Dorfkirche mit Ihren Nebengelassen und dem Gemeindesaal gegenüber der Villa des Pferdehändlers sind das historische Vermächtnis von Heinersdorf. Die ersten Gartenanlagen wurden in den 1990er Jahren zu Bauland umgewidmet . Die heutige Wohnungsnot durch Mietwucher und mangelnde Baugrundstücke werden in den nächsten Jahren wohl den gesamten historischen Obstgartenbestand vernichten.

Blick durchs nördliche Seitenfenster

Für die Villa selbst wird wohl auch jede Hilfe zu spät kommen. Der jetzige Eigentümer scheint nicht in der Lage zu sein, eine Sanierung durchzuführen. Schaut man sich die zerstörten Putzelemente an der Nordseite an, so müssten diese sofort wetterdicht gemacht und gesichert werden.

Giebelschmuck Nordseite, Foto Mai 2021

Noch schlimmer steht es um die prächtige, mit gelben und roten Klinkern kunstvoll gestaltete Pferdescheune auf dem Hof hinter der Villa. Wind und Wetter tragen hier im wahrsten Sinne des Wortes die Mauern Stein für Stein ab. Etwa 70 Prozent stehen noch. Das Dach wurde durch Wellblech ersetzt. Auch die Reste der Grundstücksmauer werden mit jedem Regen weiter destabilisiert und regelrecht weggespült.

Verfallene Fassade der Nordseite

Etwas besser steht es um den Taubenturm, der im selben Stil wie der Pferdestall erichtet wurde. Er trägt die selben Initialien wie die Kartusche am Giebel zur Straße. Auch hier hat eindringendes Regenwasser bereits sichtbare Schäden hinterlassen.

Taubenturm mit Denkmalschutzzeichen, Foto Mai 2021

So gehört dieses Gartenensemble an der Heinersdorfer Kirche zu den wichtigsten und beeindruckendsten Zeugnissen des Historismus und der Heinersdorfer Geschichte, leider aber auch zu den gefährdetsten.

Hofansicht des Taubenturms, Mai 2021

Das Grundstück selbst ist noch bewohnt und sollte auch von Neugierigen nicht betreten werden. Was bleibt ist der Blick auf eine traumhafte Historismusfassade und den Taubenturm, solange das Ensemble noch steht.

Taubenturm mit Monogramm, Mai 2021

Heinersdorf hat heute zwei heimliche Wahrzeichen. Die Villa des Pferdehändlers und den alten Flakturm, der ursprünglich als Wasserturm der Mittelteil des geplanten Rathauses war. Durch die Eingemeindung von Heinersdorf nach Berlin 1925 war ein eigenes Rathaus nicht mehr erforderlich.

Pferdestall von 1876, Foto Mai 2021

Dieser Bericht soll noch einmal eine Bestandsaufnahme sein und die Geschichte der vergessenen Villa ins Bewusstsein rufen, bevor es zu spät ist. Für mich gehört sie trotz Ihres erbärmlichen Zustands zu einem der schönsten Häuser in Pankow.

Luftaufnahme, Mai 2021

Noch ein kleiner Hinweis von mir. Bei dem Grundstück Romain-Rolland-Straße 49 handelt es sich um Privatbesitz. Auch die Denkmalschutzbehörden können daher hier dem Verfall nur zusehen.

Screenshot vom 360° Panorama von Heinersdorf
Vollbildansicht:
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Autor: Christian Bormann

Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger

Fotos: Christian Bormann, Guido Kunze