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Der Bethanienturm

Auf dem Mirbachplatz in „Neu Weißensee“ erhebt sich der 65 Meter hohe „Bethanienturm“. An kalten Jahrestagen wirkt die Kirchenruine gespenstig und abweisend.

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Bethanienkirche Mirbachplatz 1910

Das Gegenteil ist der Fall an Sommertagen. Der weisse Kalksandstein reflektiert die Sonnenstrahlen vom Kellergeschoss bis über die Dächer der am Mirbachplatz liegenden Wohnhäuser.

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Weißensee Bethanienkirche 1916

Auf Grund der starken Bevölkerungszunahme reichten die Kirchenplätze in Weißensee nicht mehr. So wurde zwischen 1900 und 1902 die Bethanienkirche im Neugotischen Stil errichtet.

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Pistoriusplatz und Bethanienturm 1953

Turmsockel und Hals sind mit weißem Kalksandstein verblendet, das Glockengeschoss ist rot geklinkert.

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Bethanienturm 2016

Die Architekten waren Geheimrat Ludwig von Tiedemann und Robert Leibnitz. Den Altar und die Kanzel baute die Firma Gustav Kuntzsch aus Wernigerode. Der Berliner Steinmetzmeister Otto Plöger schuf den Kanzelfuß. Das Kaiserpaar Wilhelm II. und Auguste Viktoria war 1902 persönlich zur Taufe der Bethanienkirche gekommen. Eine der Glocken wurde zu Ehren der Kaiserin in „Auguste Viktoria“ benannt.

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Bethanienkirche 2016

Nach einem verheerenden Angriff mit Luftminen am 26. Februar 1945 blieb der „Bethanienturm“ als einziges stehen. Mit ihm überlebte das Geläut und die „Kaiserin Viktoria Glocke“.

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Bethanienturm 2016

Bei meinen Recherchen zum Bethanienturm stieß ich auf einen Absatz zum Altar. Dem Zufall der Geschichte ist es zu verdanken, dass es heute noch den 1902 eingeweihten Originalaltar zu sehen gibt.

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Bethanienturm von innen

Die Retabel des Altar war zu hoch, wodurch das mittlere Chorfenster verdeckt wurde. Schon 1905 gab die Bethanienkirche den Altar nebst Retabel an die Glaubenskirche in Berlin-Lichtenberg ab.

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Seitenaufgang Bethanienturm

Die Spurensuche begann. Wo ist der Altar heute? Existiert er noch? Bekomme ich ein aktuelles Bild? Auf meiner Suche besuchte ich die ehemalige Glaubenskirche in Lichtenberg.

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Eingang Bethanienturm

Nachdem ich vor Ort feststellen musste, dass die Kirche aufwendig saniert wird und nicht zugänglich ist, packte mich der Ehrgeiz. Ich wollte den Altar sehen. Und ich brauchte ein Foto für meine Geschichte. Ich klinkte mich von Tür zu Tür bis ich nach dreißig Minuten einen kleinen Raum mit Menschen fand. Auf meine Fragen auf Deutsch bekam ich nur freundliches Achselzucken zur Antwort.

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In der Ruine

Es war zum Schreien. Es musste doch möglich sein, eine Person zu finden, die mir wenigstens ein Hinweis auf den Verbleib des Altars geben kann. Ich startete einen letzten Versuch auf englisch.

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Turmruine 2016

Und siehe da. Aus einem kleinen Nebenraum trat ein älterer Herr in schwarzem Gewand. Ihm zur Seite stellte sich ein Dolmetscher mit einem Säugling im Arm. Der Mann im Gewand war „Mankaryos Bischof der Eritreisch-Orthodoxen-Tewahedo-Kirche“.

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Bethanienturm von unten

Ich wurde herzlich vom Bischof und anwesenden Gemeindemitgliedern  empfangen. Nachdem ich mein Anliegen dargestellt hatte, erklärte sich der Bischof bereit, mir den Zugang zu gewähren. Nur wenige Meter weiter öffnete er eine kleine, unscheinbare, weiße Tür. Es war ein versteckter Seiteneingang zum Gebetsraum.

Ehemalige „Glaubenskirche Berlin-Lichtenberg“

Ich trat vor den Altar und konnte es kaum glauben. Da war er. Das einzige noch erhaltene Originalinterieur der Bethanienkirche.

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Bischof Mankaryos dem Bethanienaltar

Beides, Altar und Retabel sind heute noch in Lichtenberg zu finden. Seit 1998 baut die Koptische Gemeinde Berlin die Kirche zu ihrem Zentrum aus. Seit mehreren Jahren wird die 1903 bis 1905 gebaute Kirche aufwendig von der Koptischen Gemeinde Berlin restauriert.

„Bethanienaltar“ in Berlin-Lichtenberg 2016

Das im Bethanienturm verbliebene Geläut ist samt Turm und Grundstück Eigentum eines Wohnungsbau-Investors.

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Bethanienturm auf dem Mirbachplatz

Zu besonderen Anlässen darf die Gemeinde Weißensee das Geläut mit „Viktoria Auguste“ erklingen lassen.

Der Mirbach Platz trägt seinen Namen zu Ehren des Oberhofmeister Ernst Freiherr von Mirbach er war maßgeblich für die Finanzierung der Bethanien Kirche verantwortlich.

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https://youtu.be/psoAzIxR908

Bis heute habe ich den Bethanienturm immer mit einer ganz besonderen Freundin verbunden die am Mirbachplatz wohnt. Ivonne diese Geschichte soll deine sein.

Herzlichen Dank an Bischof Mankaryos und die Koptische Gemeinde Berlin für ihre freundliche Unterstützung.

Autor: Christian Bormann, 02.07.2016
red. Bearbeitung: Martina Krüger, 03.07.2016
Bilder: Ansichtskarten, Christian Bormann
Luftbild: Guido Kunze

Eberhard Cohrs – Ham se nich ne Mark ?

„Ham se nich ne Mark? Im Konsum gibt es Quark“ So fragte Eberhard Cohrs 1964 die Fahrgastbegleiterin der BVB. Der am 4. Januar 1921 in Dresden geborene Konditor Cohrs der eigentlich Jockey werden wollte, gehörte in den 50er und 60er Jahren zu den beliebtesten Komikern in der DDR.

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Eberhard Cohrs in der Linie 46

Der DEFA Kurzfilm „Ham se nich ne Mark“ wurde vor dem Rathaus Pankow gedreht. Als Kulisse diente die Straßenbahnlinie 46 und die Kreuzung Breite Straße/ Neue Schönholzer Straße. Einzigartige Filmaufnahmen zeigen Pankow 1964. Das Rathaus Pankow, in den Nachkriegsjahren als Sowjetische Kommandantur eingerichtet, wurde gerade erst wieder als Rathaus bezogen.

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Eberhard Cohrs wird aus der Linie 46 geworfen

Am großen Balkon stand ein Holzgerüst für Fassadenarbeiten. Über die gesamte Breite der Breiten Straße zog sich ein Fußgängerüberweg, heute undenkbar. Die Nummer 1960 am Rekowagen ist das Datum der Lackierung. Wer genau hinschaut, erkennt auch die Haltestelle direkt am Rathaus. Nicht weniger interessant sind die Geschäfte entlang der Breite Straße.

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Eberhard Cohrs auf der Breite Straße

Hinter dem Volkspolizisten ist ein Selbstbedienungsmarkt und ein Tapetenladen zu erkennen. Der SB-Markt war der neuste Hit der DDR Wirtschaft. Gegenüber dem Rathaus haben sich Schaulustige vor dem Fachgeschäft für Herrenbekleidung versammelt. Gespannt verfolgen sie die Dreharbeiten. Damals normal im Straßenbild wirken die Militär-LKW, die von der Wollankstraße kommend das Rathaus passieren, heute befremdlich.

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Volkspolizist vor dem SB-Laden

Eberhard Cohrs selbst fiel bei den DDR-Oberen schnell in Ungnade. So blieb er 1977 nach einem Auftritt in West-Berlin. Trotz der Unterstützung von Showgrößen wie Rudi Carell und Dieter Hallervorden konnte Cohrs nicht an seine Erfolge anknüpfen. Nach dem Mauerfall ging er wieder in den Ostteil Deutschlands.

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Balkon vom Rathaus mit Holzgerüst

Die Dresdener hatten ihn nicht vergessen. Er war wieder zu Hause. Auch nach der Wende konnte sein Publikum herzlich mit ihm lachen. Lange sollte sein Glück nicht währen. Sein 25-jähriger Sohn starb im Mai 1999 bei einem tragischen Tauchunfall. Es sollte noch schlimmer kommen. Cohrs geriet in die Schlagzeilen weil er mehrere Schüsse auf seine Frau abgab.

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Schaulustige stehen vor dem Laden für Herrenbekleidung

Die Tat soll im Morphiumrausch geschehen sein. Eberhardt Cohrs starb noch im selben Jahr wie sein Sohn an einem Krebsleiden. Einen schlechten Beigeschmack bekommt der Kurzfilm vor dem Hintergrund einer Entdeckung der Birthler Behörde aus dem Jahr 2004.

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Im Hintergrund Haltestelle Rathaus und die Gleise in die Wollankstraße

Die Behörde will im Besitz von Dokumenten sein, aus denen hervorgeht, dass Eberhardt Cohrs als Mitglied der Waffen-SS zur Wachmanschaft vom Konzentrationslager Auschwitz gehörte. Im Rathaus Pankow, vor dem Cohrs 1964 so herzlich dahin blödelte, fanden erst 1949 die Kriegsverbrecherprozesse gegen den Lagerkommandanten und Angehörige der Wachmannschaft von Auschwitz statt.

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LKW der Armee fahren durch die Szenerie

Autor: Christian Bormann
technische Leitung: Nadine Kreimeier
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016