Schlagwort-Archive: Geschichte

Der Bethanienturm

Auf dem Mirbachplatz in „Neu Weißensee“ erhebt sich der 65 Meter hohe „Bethanienturm“. An kalten Jahrestagen wirkt die Kirchenruine gespenstig und abweisend.

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Bethanienkirche Mirbachplatz 1910

Das Gegenteil ist der Fall an Sommertagen. Der weisse Kalksandstein reflektiert die Sonnenstrahlen vom Kellergeschoss bis über die Dächer der am Mirbachplatz liegenden Wohnhäuser.

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Weißensee Bethanienkirche 1916

Auf Grund der starken Bevölkerungszunahme reichten die Kirchenplätze in Weißensee nicht mehr. So wurde zwischen 1900 und 1902 die Bethanienkirche im Neugotischen Stil errichtet.

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Pistoriusplatz und Bethanienturm 1953

Turmsockel und Hals sind mit weißem Kalksandstein verblendet, das Glockengeschoss ist rot geklinkert.

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Bethanienturm 2016

Die Architekten waren Geheimrat Ludwig von Tiedemann und Robert Leibnitz. Den Altar und die Kanzel baute die Firma Gustav Kuntzsch aus Wernigerode. Der Berliner Steinmetzmeister Otto Plöger schuf den Kanzelfuß. Das Kaiserpaar Wilhelm II. und Auguste Viktoria war 1902 persönlich zur Taufe der Bethanienkirche gekommen. Eine der Glocken wurde zu Ehren der Kaiserin in „Auguste Viktoria“ benannt.

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Bethanienkirche 2016

Nach einem verheerenden Angriff mit Luftminen am 26. Februar 1945 blieb der „Bethanienturm“ als einziges stehen. Mit ihm überlebte das Geläut und die „Kaiserin Viktoria Glocke“.

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Bethanienturm 2016

Bei meinen Recherchen zum Bethanienturm stieß ich auf einen Absatz zum Altar. Dem Zufall der Geschichte ist es zu verdanken, dass es heute noch den 1902 eingeweihten Originalaltar zu sehen gibt.

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Bethanienturm von innen

Die Retabel des Altar war zu hoch, wodurch das mittlere Chorfenster verdeckt wurde. Schon 1905 gab die Bethanienkirche den Altar nebst Retabel an die Glaubenskirche in Berlin-Lichtenberg ab.

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Seitenaufgang Bethanienturm

Die Spurensuche begann. Wo ist der Altar heute? Existiert er noch? Bekomme ich ein aktuelles Bild? Auf meiner Suche besuchte ich die ehemalige Glaubenskirche in Lichtenberg.

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Eingang Bethanienturm

Nachdem ich vor Ort feststellen musste, dass die Kirche aufwendig saniert wird und nicht zugänglich ist, packte mich der Ehrgeiz. Ich wollte den Altar sehen. Und ich brauchte ein Foto für meine Geschichte. Ich klinkte mich von Tür zu Tür bis ich nach dreißig Minuten einen kleinen Raum mit Menschen fand. Auf meine Fragen auf Deutsch bekam ich nur freundliches Achselzucken zur Antwort.

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In der Ruine

Es war zum Schreien. Es musste doch möglich sein, eine Person zu finden, die mir wenigstens ein Hinweis auf den Verbleib des Altars geben kann. Ich startete einen letzten Versuch auf englisch.

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Turmruine 2016

Und siehe da. Aus einem kleinen Nebenraum trat ein älterer Herr in schwarzem Gewand. Ihm zur Seite stellte sich ein Dolmetscher mit einem Säugling im Arm. Der Mann im Gewand war „Mankaryos Bischof der Eritreisch-Orthodoxen-Tewahedo-Kirche“.

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Bethanienturm von unten

Ich wurde herzlich vom Bischof und anwesenden Gemeindemitgliedern  empfangen. Nachdem ich mein Anliegen dargestellt hatte, erklärte sich der Bischof bereit, mir den Zugang zu gewähren. Nur wenige Meter weiter öffnete er eine kleine, unscheinbare, weiße Tür. Es war ein versteckter Seiteneingang zum Gebetsraum.

Ehemalige „Glaubenskirche Berlin-Lichtenberg“

Ich trat vor den Altar und konnte es kaum glauben. Da war er. Das einzige noch erhaltene Originalinterieur der Bethanienkirche.

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Bischof Mankaryos dem Bethanienaltar

Beides, Altar und Retabel sind heute noch in Lichtenberg zu finden. Seit 1998 baut die Koptische Gemeinde Berlin die Kirche zu ihrem Zentrum aus. Seit mehreren Jahren wird die 1903 bis 1905 gebaute Kirche aufwendig von der Koptischen Gemeinde Berlin restauriert.

„Bethanienaltar“ in Berlin-Lichtenberg 2016

Das im Bethanienturm verbliebene Geläut ist samt Turm und Grundstück Eigentum eines Wohnungsbau-Investors.

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Bethanienturm auf dem Mirbachplatz

Zu besonderen Anlässen darf die Gemeinde Weißensee das Geläut mit „Viktoria Auguste“ erklingen lassen.

Der Mirbach Platz trägt seinen Namen zu Ehren des Oberhofmeister Ernst Freiherr von Mirbach er war maßgeblich für die Finanzierung der Bethanien Kirche verantwortlich.

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https://youtu.be/psoAzIxR908

Bis heute habe ich den Bethanienturm immer mit einer ganz besonderen Freundin verbunden die am Mirbachplatz wohnt. Ivonne diese Geschichte soll deine sein.

Herzlichen Dank an Bischof Mankaryos und die Koptische Gemeinde Berlin für ihre freundliche Unterstützung.

Autor: Christian Bormann, 02.07.2016
red. Bearbeitung: Martina Krüger, 03.07.2016
Bilder: Ansichtskarten, Christian Bormann
Luftbild: Guido Kunze

Pankower ist 1. König von Albanien

Der am 16.10.1871 geborene Pankower Otto Witte war Schausteller und Abenteurer. Am 28.10.1912 erklärte Albanien seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Weder das westliche Europa noch das Osmanische Reich trauten Albanien eine eigene Führung zu. Es begann das Tauziehen um den Einfluss in Albanien zwischen Deutschen und Türken.

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Witte als General Feldmarschall
In diesen Wirren betritt der Pankower Otto Witte die Bühne der Geschichte. Witte ist zu dieser Zeit Soldat in der türkischen Armee. In Konstantinopel traf er seinen Bekannten Ismael Arzim. Witte hatte enorme Ähnlichkeit mit Prinz Hallim Eddina. Der Abenteurer Witte sprach Rumänisch, Serbisch, Bulgarisch, Türkisch und Griechisch. Arzim warb ihn sogleich als Spion an. Zu seinen ersten Aufgaben gehörte die Beschaffung der Angriffspläne der bulgarischen und der serbischen Armee.

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Witte und Tochter Elfriede 1920
Nachdem er diese Aufgaben erfolgreich abgeschlossen hatte, fühlte sich Witte zu Höherem berufen. Fortan war er unter dem Decknamen „Prinz“ als Türkischer Generalfeldmarschall unterwegs. Stehts an seiner Seite war sein Adjutant Ismael Arzim. Sie befanden sich mitten im Balkankrieg und die türkische Armee drohte ihren Einfluss in Albanien zu verlieren. Da ließ Generalfeldmarschall Witte zwei türkische Armeekorps zusammenlegen.

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Otto Witte mit Adjutanten
In einer Vorausdepesche kündigte der Generalfeldmarschall seine Ankunft sowie die sofortige Übernahme des Oberbefehls an. Die Türkische Generalität war beeindruckt vom falschen Prinzen. Er schien geeignet, die türkischen Interessen in Albanien zu vertreten. Auch die albanische Seite versprach sich von der Krönung eines eigenen Königs mehr Unabhängigkeit. So wurde der Pankower Otto Witte am 15.02.1913 eiligst zum 1. König von Albanien gekrönt. Die Nachricht von der Ausrufung Otto I. von Albanien ging um die Welt.

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Personalausweis Witte’s mit Titel
In Deutschland herrschte blankes Entsetzen. Reichskanzler Bethmann Hollweg war außer sich vor Wut. Schließlich hatte man sich doch auf den Prinzen zu Wied als König geeinigt. Die Türken, sich keiner Schuld bewusst, ließen ausrichten, dass der Prinz in Konstantinopel sei und es sich um ein Irrtum auf deutscher Seite handelte. Gefahr drohte Otto I. von nationalistischen Albanern, die keinesfalls bereit waren, den vermeintlich türkischen Prinzen als albanischen König anzuerkennen.

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Reklamekarte des Abenteuers
Als der Angriff erfolgte, stellte sich Witte an die Spitze der Palastgarde und schlug die Angreifer in die Flucht. König Otto I. hielt sich ganze 5 Tage auf dem Thron. Bevor man ihn als Hochstapler verhaften konnte, floh er ins Deutsche Reich zurück. Witte wohnte in der Wollankstraße 41, seiner Berufung als Schausteller blieb König Witte treu.

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Orientalische Bühnenshow Otto 1.
Er vermarktete sich selbst als Otto I., Ex-König von Albanien.  Ehemaliger König von Albanien war auch offiziell in Wittes Personalausweis vermerkt. Am 13.08.1958 starb Otto I., sein Grab befindet sich in Hamburg auf dem Friedhof Ohlsdorf. Der pompöse Grabstein trägt die Inschrift „OTTO WITTE EHEM. KÖNIG V. ALBANIEN“.

Die Familie Witte blieb dem Schaustellergewerbe treu. So machten auch der Enkel Norbert Witte als Ex-Spreepark Chef und der Urenkel Marcel Witte weltweit Schlagzeilen.

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Norbert Witte 2004 vor Gericht
Von 2002 bis 2006 mussten die Spreeparkfreunde mit ansehen wie die Wittes mit Fahrgeschäften ins Ausland flohen. Sie hinterließen Schulden und einen nicht mehr zu rettenden Spreepark. Der ganz große Coup sollte es sein.

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Marcel Witte 2006 vor Gericht
Gemeinsam mit der Mafia wollten Norbert und Marcel mit ihren Fahrgeschäften Kokain schmuggeln. Norbert Witte stand 2004 vor Gericht. Sein Sohn Marcel Witte wurde 2006 wegen bandenmäßigem Drogenhandel verurteilt.

Autor: Christian Bormann, 27.05.2016

Bilder: antike Ansichtskarten (6), Berliner Zeitung 2002-2006 (2)

Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 28.05.2016

Der Hexenturm an der alten Meierei im Bürgerpark

Seit mehr als 100 Jahren ist der Killisch von Horn Park für die Pankower als Bürgerpark öffentlich zugänglich. In der Kreuzstraße 5 neben Schmidt-Hutten aufgewachsen, verbrachte ich fast jeden Tag mit meinen Schulfreunden im Bürgerpark. Als Kinder hatten wir zwei Lieblingsplätze. Da war zum einen die Teufelsbrücke über dem Ziegengehege.

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Teufelsbrücke

Im Sommer konnten wir uns hier mit unseren Fahrrädern austoben und im Winter wurden die Zweiräder gegen Schlitten getauscht. Der zweite Ort war geheimnisvoll und für uns Kinder gruselig. Es war die alte Meierei mit dem Hexenturm.

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Taubenturm an der alten Meierei

Das einstöckige gelbe Backsteingebäude ließ Killisch von Horn 1860 bis 1868 mit Taubenturm errichten. Die Fenster waren zugemalert und es ließ sich kein Blick ins Innere werfen.

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alte Meierei und Sportrestaurant

Das Gebäude und der Hof waren immer sichtgeschützt.  Vom Hof selbst war nur das Bellen eines großen Hundes zu hören. Das ist auch heute noch so. Das geheimnisvolle Gebäude wurde in unserer kindlichen Fantasie zu den Resten eines Alten Schlosses mit Hexenturm. Der Turm zog uns Kinder magisch an.

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Vogelvoliere am Jägerhaus

Die Meierei mit ihren gelben Backsteinen war so völlig anders als alle anderen Gebäude im Park. An der westlichen Seite des Parks befand sich von Anfang an der Wirtschaftsteil. Dieser umfasste die alte Meierei, das zweistöckige Jägerhaus an der Vogelvoliere und eine Orangerie.

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Jägerhaus an der alten Meierei

Das Jägerhaus existiert heute noch, aber ohne zweites Stockwerk. Es steht zwischen Meierei und Vogelvoliere. Auf der großen abgezäunten Freifläche befanden sich die Tennisplätze.

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zubetonierte Tennisplätze

Der Alten Meierei fehlt ebenfalls das Dach. Der Mauerschatten des Daches ist noch an der Rückseite des Hexenturmes zu sehen. Im Hexenturm, der als Taubenturm errichtet wurde, hing ursprünglich eine Vesperglocke die zur Abendandacht geläutet wurde.

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Sportrestaurant in der Meierei 1940

In der alten Meierei befand sich in den 1940er Jahren ein Sportrestaurant. Zwei weitere Gastronomen bewirtschafteten das Jägerhaus und das Restaurant Hillgners im alten Herrenhaus am Rosenpavillon.

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Teller Restaurant Bürgerpark

Der Bürgerpark hat heute drei Steintore. Das pompöse Haupttor im Stiel eines Triumphbogens mit seinen beeindruckenden Putten ist allen bekannt. Daneben gibt es noch das verputzte Backsteintor in der Kreuzstraße und das 1929  mit Zufahrtsstraße errichtete kleine Schmucktor am alten Pumpwerk Wilhelm-Kuhr-Straße.

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Steintor u. Wirtschaftstraße Meierei

Tor und Straße wurden speziell für die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Sportrestaurants  sowie der Tennisplätze und Hillgners Restaurant Bürgerpark gebaut. Die alte Meierei wird vom Bezirksamt Pankow als Lager benutzt.

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Vogelkäfige in der alten Meierei

Im Inneren sind noch Vogelkäfige, Futter und allerhand Gärtnereiutensilien für den Betrieb der Vogelvoliere  zu sehen.

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alte Meierei und Tennisplätze 2017

Die Tennisplätze wurden betoniert und sind heute Stellfläche für den Fahrzeugpark des Grünflächenamtes.

 

Autor: Christian Bormann, 25.05.2016

Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 25.05.2016

Bilder: Bormann, historische Postkarten

Luftbild: Guido Kunze

Der Pankower Renner

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war das Rathaus Pankow noch Russische Kommandantur. Kein Zutritt für Pankower. Die Rathausmitarbeiter saßen vorübergehend Berliner Straße/ Ecke Hadlichstraße und in diversen Zweigstellen.

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Rathaus Pankow als Sowjetsche Kommandantur

Die Infrastruktur am Anger war schon kurz nach Kriegsende wieder hergestellt worden. Als erstes wurde das Rathaus für die Zwecke der Sowjets instand gesetzt. Die zerschossenen Dächer der Kirchtürme wurden abgenommen und für den Neuaufbau vorbereitet.

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Pfarrkirche zu den vier Evangelisten

Der Pankower Wochenmarkt, heute der älteste Berlins, lief wie eh und je. Groß war das Angebot in der Nachkriegszeit nicht. Man half sich, wo man konnte. Nachdem der Schwarzmarkt vor dem Schloss Schönhausen aufgelöst wurde, fand er seine Fortsetzung am Brandenburger Tor. Wer sich dort nicht hin traute, versuchte es bei Freunden und Bekannten auf dem Pankower Markt.

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Wochenmarkt Pankow

Im Laufe der 1950er bis 1970er Jahre wurde die Breite Straße zur Protokollstrecke für Staatsbesuche. Das gipfelte schließlich 1971, dem 100. Jahrestag der 1871 so benannten Breiten Straße, in die Umbenennung zur Johannes-R.-Becher-Straße.

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Jugoslawischer Ministerpräsident Tito

Als Schüler der Julius-Fucik-Schule kam ich selbst noch in den zweifelhaften Genuss, Staatsgäste mit Winkelementen zu begrüßen. Im Volksmund wurde der Anger zu dieser Zeit „Pankower Renner“ genannt, dieser Begriff hielt sich fast 30 Jahre. Heute ist der „Pankower Renner“ fast völlig aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Rathaus, Markt und Kirche hingegen trotzen weiter der Zeit.

Autor: Christian Bormann, 13.03.2016 / 04.02.2017
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016

Erholungsstätte Schönholz

Im 19. Jahrhundert kämpfte Berlin noch gegen die Tuberkulose. Kinder und geschwächte Menschen waren besonders anfällig für diese Krankheit.

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Eingang um 1904

Zur Behandlung der Tuberkulose gehörte die Luftkur. Aus diesem Grund wurden Ende des 19. Jahrhundert zahlreiche Lufterholungsheime um Berlin errichtet.

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Luftkurheim Schönholzer Heide

Eine dieser für diese Zeit typischen Einrichtungen war die Wald- Erholungsstätte Schönholz. So schlug man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.

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Besucher u. Patienten in der Heide

Die Patienten entkamen der durch Fabriken stark verschmutzten Stadtluft und gleichzeitig waren sie isoliert. So minderte sich auch die Übertragungsgefahr.

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Frischkuftkur in Schönholz

Die Wald-Erholungsstätte wurde vom Volksstättischen Verein des Roten Kreuz und dem Vaterländischen Frauen Verein Pankow-Niederschönhausen-Schönholz betrieben.

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Patientinnen vor ihrer Baracke

In der Erholungsstätte wurden auch Nervenschwäche, Blutarmut, Rachitis und Magenkrankheiten behandelt. Später befanden sich auf dem Areal Rasentennisplätze und eine große Sportwiese.

Autor: Christian Bormann
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016

Sanssouci in Nordend

Gegenüber dem alten Pankower Straßenbahnbetriebshof Schönhauser-/Ecke Dietzgenstraße stand bis zum Zweiten Weltkrieg ein luxuriöses Ausflugslokal. Heute erhebt sich an dieser Stelle eine große Wiese, einen Meter über dem Straßenniveau, umfasst von einer Steinmauer.

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Restaurant Sanssouci un 1930

Sanssouci gehörte zu den beliebtesten Veranstaltungsorten im Berliner Norden. Ein riesiger Biergarten sowie die luxuriöse Innengestaltung des Hauptsaals trugen dem Namen Sanssouci Rechnung.

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Postkarte Sanssouci um 1920

Auf alten Ansichtskarten erschließt sich dem Betrachter eine längst vergessene Welt. Eine Aufnahme vom „Tanz der Schmetterlinge“ 1937 gehört zu den letzten bekannten Aufnahmen.

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Aufführung im Sanssouci

Ein weiterer Vorteil für die Besucher war der damals hochmoderne Straßenbahnhof Niederschönhausen. Er lag direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

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Festsaal im Sanccousi

Eine Haltestelle der Elektrischen-Straßenbahn direkt vor dem Lokal ermöglichte den Damen auch in feinsten Sonntagskleidern, sauber und bequem ihr Ausflugsziel zu erreichen.

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Restaurant und Betriebshof um 1920

Auf dem hinteren Areal des damaligen Grundstückes werden derzeit Wohnungen gebaut. Die Wiese, unter der sich der ehemalige Biergarten befand, ist noch frei zugänglich.

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Standort 2017

Für die Zukunft ist absehbar, dass die Wiese sowie auch der bereits geschlossene alte Straßenbahnbetriebshof verschwinden werden.

Autor: Christian Bormann, 07.02.2016
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016

Die „Alte-Fritz-Linde“ in der Pankower Mühlenstraße

In Pankow gab es Ende des 19. Jahrhunderts mehrere berühmte Naturmarken. Zu den bekanntesten gehörten die „Königseiche“, die  „Rübezahl-Fichte“  und die „Alte-Fritz-Linde“ in der Mühlenstraße.

 

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Alte-Fritz-Linde, Verlag Fr. Salis, 1902

 

Der Verlag Friedrich Salis in der Pankower Schulstraße hatte alle drei Bäume auf seinen Ansichtskarten. Ihren Namen erhielt die „Alte-Fritz-Linde“ auf dem gleichen Weg wie die „Rübezahl-Fichte“.

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Rübezahl-Fichte, Verlag Fr. Salis, 1898

Es war ein verwachsener Aststumpf an der Linde, in dem die Pankower das Antlitz des „Alten Fritz“ erkannten. Wer sich die Ansichtskarte etwas genauer anschaut, erkennt hinter der Linde die Werbung von Anton Ringel für sein Restaurant „Bellevue“ in der Breiten Straße.

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Königseiche, Verlag Fr. Salis, 1900

Alle drei Naturmarken gehörten zum festen Standardrepertoire von Friedrich Salis. In Pankow gab es zur Jahrhundertwende Dutzende solcher kleinen Verlage und Fotografen. Auch andere Verlage hatten diese bekannten Pankower Bäume in ihrem Programm.

Autor: Christian Bormann, 06.02.2016
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 06.02.2016

Sternecker und sein Welt-Etablissement Schloss Weißensee

Die Geschichte von Schloss Weißensee beginnt im Jahr 1745 als Gutshaus des Geh. Rath. Carl Gottlob von Nüßler. Den Namen Schloss Weißensee verdankt das Haus seiner übertrieben pompösen Ausstattung. Im Jahr 1877 pachtete Rudolf Sternecker erstmals das Schloss und versuchte sich als Gastronom in Weißensee. Seine Vorgänger waren zuvor an gleicher Stelle gescheitert. Auch Sternecker war seiner Zeit zu weit voraus. Es mangelte schlicht an Gästen aus Berlin.

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Welt-Etablissement Schloss Weißensee, 1888

Acht Jahre später versuchte es Sternecker noch einmal im Schloss Weißensee. Die Zeiten hatten sich geändert, zehntausende Berliner strömten jetzt an ihren freien Tagen in die Berliner Vororte und suchten hier ihr Vergnügen. Rudolf Sternecker schuf mit seinem Etablissement Schloss Weißensee den zu seiner Zeit größten und modernsten Freizeitpark Berlins.

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Schloss Weißensee mit elektrischer Eisenbahn, 1890

Das Schloss erweiterte er um einen Ballsaal. Um den See herum entstanden Musikpavillons, Karussells, eine Badeanstalt sowie ein Hippodrom, das Riesenrad und zahlreiche Jahrmarktschaukeln sowie das Lusthäuschen.

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Schloss Weißensee, 1889

Im Weißen See selbst wurde eine Theaterbühne errichtet. Während die Besucher mit Gondeln den See befuhren oder in künstlichen Bassins tauchten konnten sie dem Spektakel auf der Bühne folgen. Einmal täglich ließ Sternecker einen Vulkan auf dem See ausbrechen und Pompeji untergehen. Auch Feuerwerk, Goldregen über dem See und Fallschirmspringer, die von einem Ballon absprangen, waren Garanten für beste Unterhaltung.

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Reklame Sternecker Weißensee, 1890

Sterneckers erfolgreichste Attraktion war die Schweizer Rutschbahn, auch „Schwedische Rutschbahn“ genannt. Hunderttausende besuchten das „Welt-Etablissement Schloss Weißensee“. Der Verzehr von Getränken in den Bierhallen war so gewaltig, dass an der Königs-Chaussee eine eigene Brauerei errichtet werden musste.

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Sterneckers Schweizer Rutschbahn

Neben einem Motorboot, welches auf dem See verkehrte, fuhr auch eine elektrische Eisenbahn auf dem Festgelände. Ein Teil der Strecke war sogar untertunnelt. Zu den modernsten Errungenschaften gehörte neben der elektrischen Beleuchtung um den See herum eines der ersten Telefone in Weißensee.

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Lusthäuschen im Park

Rudolf Sternecker wohnte bis 1893 in der Albertinenstraße. Schon 1897 brach er seine Zelte in Weißensee ab und verschwand aus dem Fokus der Geschichte. Das Schloss Weißensee brannte am 21.Februar 1919 ab.

Autor: Christian Bormann, 06.02.2016
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 06.02.2016

Die Legende vom Kriegsschatz im Wilhelmsruher See

Das Seebad Grande, zumindest der Name und die zahlreichen historischen Postkarten, ist vielen Pankowern noch bekannt. Die Legende vom Kriegsschatz im Wilhelmsruher See kennen nur wenige. Bereits die Nationalsozialisten hatten Ende der 1940er Jahren vor, das alte Seebad in Wilhelmsruh auszubauen.

Christian Bormann
Frauen-Turn-Verein am Wilhelmsruher See 1931

Nachdem Deutschland immer mehr Kriegsschauplätze zu unterhalten hatte, wurden viele solcher Projekte gestoppt. Es galt, vorrangig die Fronten zu versorgen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg lag Wilhelmsruh in der sowjetisch besetzten Zone. Auch unter den Kommunisten gab es Anfang der 1970er Jahre den Plan, das Seebad in Wilhelmsruh wieder herzustellen.

Autor Christian Bormann, Pankower Chronik,pankowerchronik,
Helfer des Nationalen-Aufbau-Werk 1956 Schönholzer Heide

Im Auftrag des Nationalen-Aufbau-Werks begannen Helfer am Wilhelmsruher See den Schlamm abzupumpen und in die Schönholzer Heide zu bringen. Im Rahmen dieser Arbeiten war mein Großvater mit einem LKW der Borsig-Werke unterwegs zu den Pankower Bauernhöfen und Äckern. Ihre Aufgabe war es, Findlinge einzusammeln und nach Schönholz in die Heide zu bringen.

Treppe Heide Theater Schönholz
Verfüllte Tanzfläche des Heide-Theaters

Während der Schlamm aus dem Wilhelmsruher See im gerade erst aufgegebenen Heide-Theater verteilt wurde, fanden die Helfer Unmengen an Schmuck und Wertgegenständen. Die Arbeiten wurden unterbrochen und durften erst unter Aufsicht der Volkspolizei wieder aufgenommen werden. Schnell war klar das die Funde Wilhelmsruher Bürgern zuzuordnen waren.

Heide Theater
Mit Schlamm aus dem Wilhelmsruher See verfülltes Heide-Theater

Kurz vor dem Einmarsch der Sowjets hatten viele Anlieger ihr wertvolles Hab und Gut im flachen Wilhelmsruher See versenkt, in der Hoffnung, es später bergen zu können. Auf die Volkspolizei folgten dann sowjetische „Zuständige“ die sich um die Funde kümmerten. Das versprochene Seebad gab es auch unter den Kommunisten nicht. Was genau geborgen wurde, wieviel es wert war, und wo es verblieben ist, ist in keinem Archiv verzeichnet. Und so bleibt der Kriegsschatz aus dem Wilhelsmsruher See für alle, die nicht dabei waren, eine Legende.

Autor: Christian Bormann 09.11.2015
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016

Der kleine Becher vom Kreuzgraben

Mein letzter Fund lag schon ein gutes Jahr zurück. Damals fand ich mit Nadine Kreimeier eine Muskete von 1640 in der Schönholzer Heide. Nach der Fundmeldung wurde das gute Stück von Dr. Uwe Michas, dem Leiter für archäologische Ausgrabungen in Berlin als Jägerstutzen bestimmt.

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Karte von Berlin und Umland um 1860
Wir verschenkten das Fundstück dann an das Museum Pankow in der Prenzlauer Allee. Im August 2015 war es endlich wieder soweit. Wer mich kennt, der weiß, dass ich an keiner Erdbaustelle vorbeigehen kann, ohne gleich reinzuspringen, oder mir wenigstens den Erdaushub anzuschauen.

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Muskete von Schönholz / richtige Bezeichnung Jägerstutzen
Entlang der oberen Dietzgenstraße wurden die alten Gehwege für Schachtarbeiten geöffnet. Ausser einigen Knochenfragmenten und neuzeitlichen Scherben war nichts zu finden.

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Fundort 1.5 Meter tief, Eichen Ecke Dietzgenstraße

Das Areal war geschichtlich auch recht übersichtlich. Bis 1802 lagen auf diesem Gebiet die Ackerflächen des Bauern Kraft. Hier lebten dann Madame Fetschow in ihrem Holländerhaus und ab 1850 der Kunstschlosser Hauschild keine 60 Meter vom Fundplatz entfernt. Auf der anderen Straßenseite gestaltete sich Brose seinen heute nach ihm benannten Brosepark.

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mittelalterlicher Töpferofen, liegend

Die Erdarbeiten waren so gut wie beendet. Die Schächte entlang der Dietzgenstraße waren wieder verfüllt und die Pflasterdecke wieder geschlossen. Übrig war nur ein kleiner ca. 3 Meter langer Erdschacht unter meinem Balkon.

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Halbsteinzeug / Braunware

Es war schon dunkel, als ich mit meinem Hund das Haus verließ. Beim routinemäßigen Blick sah ich, dass etwas die Straßenbeleuchtung reflektierte.

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Becher vom Kreuzgraben

Kurzerhand kletterte ich in den Schacht. Die Freude war groß, als sich die von mir erwartete Scherbe beim herausziehen als ganzer Becher entpuppte. Es war ein Keramikbecher aus Halbsteinzeug, auch bekannt als Braunware. Wie schon zuvor bei der Muskete aus Schönholz setzte ich mich mit dem Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie in Verbindung, um den Fund zu melden.

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Fund vom Kreuzgraben Dietzgenstraße 2015

Keine 24 Stunden später erhielt ich bereits eine Antwort. Und so hieß es, Zitat Dr. Uwe Michas: „Sehr geehrter Herr Bormann, danke für die Information. Ich werde eine Fundplatznummer vergeben. Diese Gefäße stammen überwiegend aus dem 19. Jahrhundert, waren weit verbreitet und wurden in größeren Mengen hergestellt. Sie wurden für alles mögliche benutzt, von Schuhcreme bis Weichkäse, bis sie von anderen Materialien abgelöst wurden.“

Den Becher vom Kreuzgraben werde ich ebenfalls dem Museum Pankow schenken. Wenn es sich auch nicht um einen spektakulären Fund handelt, so freue ich mich dennoch sehr über die Vergabe einer Fundplatznummer. Wenn ich jetzt von meinem Balkon schaue, sehe ich nicht nur auf meinen Lieblingsitaliener „Trattoria Pasta degli Angeli“, sondern auch auf einen offiziellen archäologischen Fundplatz.

Autor: Christian Bormann 05.11.2015 / 06.03.2017
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 31.03.2016 / 06.03.2017

Bilder:1,3,Bormann/2,Mittelalterliche Keramik-Märkisches Museum Berlin