Schlagwort-Archive: Geschichte

Das letzte Stück Schloss Schönholz

Anlass für diese kleine Geschichte war ein Besuch in der Schönholzer Heide mit Christian Badel. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen das der Sockel, auf dem einst der Schützenpokal stand, zerschlagen wurde.

Zeitungsauschnitt 1936

Es hat einige Jahre gedauert, die zwei Sockel zu bestimmen, die heute noch am versunkenen Heide-Theater stehen. Auch der Sockel der Weberstatue wurde beschädigt. Was den kleineren der Beiden angeht, so war es jahrelange Recherche bis ich ihn eindeutig dem Schloss Schönholz zuordnen konnte. Der Pokal wurde von der Schützengilde installiert, als sie das alte Planteuerhaus als Vereinsheim übernahm.

Christian Badel an den Resten der Weißen Säule 2017

Letztendlich war es ein Zeitungsartikel, der mich auf die Spur brachte. Mit Lageplänen des Lunalagers und vom Traumland Schönholz machten wir uns daran, den einstigen Standort von Schloss Schönholz noch einmal auszumessen. In alten Zeitzeugenberichten war oft die Rede von einer „Weißen Säule“.

polnische Teilnehmer an einer Fortbildung, Schloss Schönholz 1940

Ich hatte von Anfang an die Vermutung, dass es sich bei der sogenannten „Weißen Säule“ am Schloss um den Steinpokal handeln könnte. Auf einem Foto vom Museum Pankow sind die Teilnehmer eines Fortbildungslehrganges von 1940 vor der Säule zu sehen. Deutlich zu erkennen ist das P-Abzeichen auf Ihrer Kleidung.

Badel beim Zeichnen am Heide Theater 2017

Auch im Schloss Schönholz waren bis Kriegsende Zwangsarbeiter untergebracht. Der Steinpokal war tatsächlich sehr hoch, vor allem war er aber prächtig verziert. Er stand vermutlich, wenn auch in beschädigter Form, noch bis zum Abriss von Schloss Schönholz nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Bauamtakten vom Heide-Theater ist die Weberstatue im Ganzen zu sehen und als Statue bezeichnet. Der Pokal aber ist nur als unbestimmtes Qadrat im handgezeichneten Lageplan zu finden.

Illustration Christian Badel 2017

Nachdem es nun so lange dauerte die Herkunft zu erforschen, schmerzt mich der Anblick des zerschlagene Sockels ganz besonders. Über hundert Jahre und zwei Weltkriege blieb er stehen, um dann in einer Nacht zerschlagen zu werden. Ich habe Christian Badel gebeten, die Reste noch einmal für mich zu zeichnen. Die nächsten zwei Winter wird der Sockel nicht überstehen und so verschwindet das letzte Stück Schloss Schönholz.

Autor: Christian Bormann, 12.07.2017

red. Bearbeitung: Martina Krüger, 12.07.2017

Bilder: Christian Bormann, Museum Pankower

Illustration: Christian Badel

Die Villa vor Schönholz und der Borussia Park

  • Zu den bekanntesten vergessenen Orten in Pankow gehört die Villa vor Schönholz. Das Grundstück gehörte 1911 der Terraingesellschaft Bahnhof Schönholz GmbH. Im historischen Andressverzeichnis ist der Mühlenbesitzer und Ingenieur Heinrich Bollenbach und später die Witwe M. Bollenbach eingetragen.
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Villa vor Schönholz 2017

Die mit prächtigem Stuck geschmückte Gründerzeitvilla war seit je her mit einem Park umgeben und lag zwischen dem Bahnhof Schönholz und der Heide. Mit der Schönholzer Heide, die sich bis zur Olympiade 1936 zu Berlins größtem Freizeit- und Erholungspark entwickeln sollte in der Nachbarschaft, lag es nah auch hier gewerblich zu feiern.

Restaurant  Schaller

Auf alten Postkarten sind die Namen unterschiedlicher Betreiber zu sehen. Zum einen wäre da Schaller’s Restaurant Tivoli und auch von Max Rudolph’s Restaurant Borussia Park sind noch Bilder erhalten. Eine der Karten zeigt den Eingang zum Borussiapark mit Blickrichtung Bahnhof Schönholz. Heute entspricht das der Kreuzung der Straße vor Schönholz Ecke Provinzstraße.

Provinz- Ecke Straße vor Schönholz

Auf den historischen Bildern ist noch der echte Treppenaufgang zum Säulenportal zu sehen. Die echte Fülle der Stuckarbeiten lässt sich erst anhand der alten Aufnahmen erahnen. In den Nachkriegsjahren wurde die Villa ab 1945 als Altenheim genutzt. Wärend dieser Phase wurde die innerdeutsche Staatsgrenze errichtet. Plötzlich lag das Altenheim im Borussia Park in der Sperrzone. Als erste Maßnahme wurden die Fenster Richtung Vorlandmauer, die nur einen beherzten Sprung entfernt stand zugemauert.

Max Rudolph’s Borussia Park

Die Fenster Richtung Wedding sind heute Parterre noch zugemauert. Auch der Dachstuhl und dessen Fenster sind nicht original. Das Altenheim musste 1975 einer Dienststelle der Volkspolizei weichen. Diese passte mit ihren Aufgaben eher in eine Zone mit gesonderter Zutrittsgenehmigung.

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Postkarte Restaurant Borussiapark

Im Verlaufe des weiteren Ausbaus des Todesstreifen wurde auch der Friedhof zwischen Bürgerpark und Villa in Mitleidenschaft gezogen. Über den Friedhof verlief jetzt die Vorlandmauer. Zeitzeugen berichteten, das die Leichname aus Gräbern, die jünger als 3 Jahre waren, exhumiert werden mussten. Die Gebeine sollen 2 Wochen im Keller der Villa vor Schönholz zwischengelagert worden sein. Wegen des bestialischen Verwesungsgeruchs beschwerten sich die Anwohner. Die Leichen sollen über Nacht wieder verschwunden sein.

Friedhof am Bürgerpark Schönholz

Seither wird vermutet, dass die menschlichen Überreste in einer Nacht- und Nebelaktion in der Heide verscharrt wurden. Tatsächliche Belege ließen sich hierfür aber nicht finden. Während der Zeit der Volkspolizei wurde das Gebäude auch für andere staatliche Unterdienststellen genutzt. Die Gesellschaft für Sport und Technik saß hier ebenso wie die Musterungsstelle der NVA.

Reisedokument gestempelt in Schönholz

Auch in den Jahren der Maueröffnung herrschte in der Villa vor Schönholz noch Ordnung. Auf den Papieren von Herrn Geheb, die in der Dienstelle der Villa gestempelt sind, befindet sich noch der amtliche Stempel der Volkspolizei Pankow auf dem Visum. Nach der Wende und der damit verbunden Abwicklung zahlreicher Dienststellen in Ostdeutschland wurde das Gebäude vom Gewerbeamt genutzt.

Reisedokument gestempelt in Schönholz

Hier begann der Untergang der Villa. Was niemand wusste, in den zum Teil 100 Jahre alten Akten des Gewerbeamtes schlummerte eine Zeitbombe. Und so berichtete auch schon kurz darauf der Berliner Kurier 1992 über mehrere Feuer im „Wirtschaftsamt“. Der Dachstuhl war angezündet worden. Der Kurierbericht war mir als Kind damals nicht bekannt und auch von der Funktion des Hauses wusste ich nichts.

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Villa vor Schönholz Hauptportal 2017

Eher zufällig kam ich in den Tagen nach dem großen Feuer an der Villa vorbei. Meine kindliche Neugier war geweckt. Auf dem Grundstück, keine 4 Meter vom Hausflureingang entfernt, stand ein kleines gemauertes Heizhaus. Ich betrat es als erstes, weil es abgesehen von einem Sprung über den Zaun frei zugänglich war. Ich staunte nicht nicht schlecht, der Ofen war randvoll mit amtlichen Akten und auch das gesamte Heizhaus war mit Bergen von Akten, die an unterschiedlichen Stellen angezündet worden waren, vollgestopft.

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Eingang Hausflur

Die in die Jahre gekommene Villa stand nach dem verheerenden Feuer ohne Dach da, zugemauert bis in den ersten Stock gab sie ein trauriges Bild ab. Ich wollte unbedingt hinein und so kletterte ich am Blitzableiter links vom Balkon die Fassade hoch. Auf dem Balkon angekommen betrat ich durch eine der Flügeltüren ein riesiges Amtszimmer im 1.OG. Auf den Tischen standen noch die Tassen, es sah aus wären die Beamten zur Mittagspause.

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Grundstück 2017

Die Schränke und Schubladen waren alle geöffnet oder herausgerissen, alles was das Haus an Akten hergab, wurde in den Hausflur und auf den Dachboden der Villa geschafft. Genauso wie im Heizhaus wurden auch hier die Feuer an mehreren Stellen gelegt. Dem Zufall der Geschichte ist es zu verdanken, dass die Feuerwehren schnell genug vor Ort waren.

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zugemauerte Fenster zum Todesstreifen

Der Plan, die Akten mit dem Gebäude zu vernichten, platzte. Bis heute ist unbekannt, wer für die Feuer verantwortlich ist. Ich stöberte in den Unterlagen, es waren durchgängig amtliche Gewerbeunterlagen aus Pankow, zum Teil schon zur Kaiserzeit angelegt.

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Botschaftsgekände Sambia 2017

Damals erregten die Stempel und ihre staatlichen Zeichen mein Interesse. Neben den Stempeln aus der Kaiserzeit hatten die mit Adler und Hakenkreuz einen besonders schaurigen Eindruck auf mich als Kind gemacht und so packte ich einige der Unterlagen ein und nahm sie mit.

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Versorgungschacht

Ich erinnerte mich noch gut an den gruseligen Keller. Aus dem zugemauerten Hausflur gab es kein Licht, es war dunkel und roch modrig, vereinzelt drang Sonnenlicht durch die vergitterten und notdürftig verbarrikadierten Kellerluken.

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Teil der Grenzanlage Provinzstraße

An den Wänden hingen noch Wandzeitungen zum Wohlgefallen des sozialistischen Bruders. Von den Leichen wusste ich damals noch nichts, zum schlecht träumen reichte der gruselige Keller aber allemal. Wochen später schaute ich mir einige der Dokumente, die ich aus der Villa mitgenommen hatte, genauer an.

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ehem. Straßensperren der Zufahrt Provinzstraße

Mir waren bekannte Namen von Straßen und Gewerben aufgefallen und so begann ich die Akten zu lesen. Mit dem Inhalt erklärte sich auch das Feuer. Es waren zum Teil schon zu Kaiserzeiten angelegte Gewerbeunterlagen, weitergeführt von den jeweiligen Regierungen, auch zu Zeiten der Nationalsozialisten reine Gewerbeunterlagen. Erst mit der Vortführung der Akten durch die Deutsche Demokratische Republik beinhalteten die Gewerbunterlagen Stasidossiers.

Meister Liebe’s Borussia vor Schönholz

So war gleich in der ersten Akte das Dossier über den Betreiber einer Kneipe in der Brehmestraße.  Aus dem Text ging sinngemäß hervor, der Gastwirt Mustermann hätte eine Vorliebe für junge Männer. Da dieses sein Geheimniss sei, könne man die Person im Bedarfsfall mit diesen Erkenntnissen konfrontieren und unter Druck setzn.

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Luftbild Villa vor Schönholz

Der brisante Inhalt der Gewerbeunterlagen war der Auslöser für das verheerende Feuer. Die Beteiligten wussten, dass es eine Frage der Zeit war, bis ihr Inhalt entdeckt und die Verantwortlichen hätten belangt werden können. Die Villa wurde grundsaniert und 1999 von Sambia als Botschaft gekauft, wegen fehlender Mittel aber nie bezogen. Jetzt ist das Haus wieder verblombt und gammelt vor sich hin. Zuständig ist das Auswärtige Amt. Das sieht kein Grund zu handeln.

https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1527555050648448&substory_index=0&id=954046311332661

Autor: Christian Bormann, 09.07.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 09.07.2017

Fotos: Christian Bormann, Hannes Geheb, Annemarie Weister (Freundeskreis der Chronik Pankow e.V.) / Friedhof III,

Luftbild :Guido Kunze

Der Ofen ist aus in Pankows ältester Bäckerei

Pankows älteste Bäckerei gibt auf. Als Café Hein 1896 in der Florastraße 34 eröffnet, hielt sich der Betrieb bis zum 30.06.2017. Ganze 121 Jahre begleitete die Bäckerei ihre Pankower Kundschaft durch die Irrungen und Wirrungen der Geschichte.

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Bäcker Gabriel 29.06.2017

Wie viele andere auch kaufte ich hier schon als Kind auf meinem Schulweg Kekse und Pfannkuchen. Auch mein Vater holte hier gern seine Mohnstangen. Der Bäckermeister selbst ist am 10.04.1941 in der Köpenicker Straße in Berlin-Mitte geboren. Der Vater 1944, eingezogen fiel bereits 9 Monate später.

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Bäckerei Hein 1902

Die ersten Jahre seiner Kindheit verbringt er wie viele andere Kriegsgeschädigte auf der Flucht. In Niederschönhausen besucht Jürgen Gabriel die Schule. Auf dem historischen Foto der Bäckerei Hein von 1902 ist ein kleiner Junge zu sehen. Dieser unscheinbare Junge war später sein Lehrer in Niederschönhausen und dafür verantwortlich das Gabriel 1955 seine Bäckerlehre  begann. Arnold Hein gab seine Bäckerei 1971 an einen Nachfolger ab.

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historische Backwarenauslage

Dieser verfiel zunehmend dem Alkohol. Die Bäckerinnung und das Rathaus Pankow mussten reagieren und so wurde aus dem Gesellen der Bäcker. Am 18.08.1981 übernahm Jürgen Gabriel das Gewerk. Seine Wohnung befand sich gleich hinter der Fein Bäckerei. Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt er: “ Ich hatte die Auflage bekommen innerhalb eines Jahres den Meister zu machen.“

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Bäckermeister Jürgen Gabriel in seiner Backstube 2017

„Für die Buchhaltung gab man mir 6 Monate.“ Es wird 2 Sekunden still, dann haut sich der Meister auf die Oberschenkel und lacht laut los. „Das habe ich bis heute nicht gemacht.“ Verwundert frage ich ihn: „Woher kommt dann der Meiser?“

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Der Bäckereiofen

Der Meistertitel wurde ihm später auf Grund seiner Leistung offiziell zuerkannt. Der Bäckermeister ist in den letzten Jahren oft zu Gast bei mir gewesen. Ich habe den ruhigen freundlichen Man sehr schätzen gelernt. Wir wollten schon vor 2 Jahren die Geschichte seiner Bäckerei aufschreiben. Als mich Christian Badel informierte, dass Gabriel schließt habe ich den Meister nochmal in seiner Bäckerei besucht. Bereits um 10 Uhr war die Bäckerei an ihrem letzten Tag wie leer gefegt.

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Feinbäckerei Gabriel, Illustration Christian Badel

Kunden konnten sich ihre Lieblingsbackwaren vorbestellen und einen kleinen Vorrat im Tiefkühler anlegen. Entlang der Florastraße werden also auch in den nächsten Wochen noch Schrippen von Gabriel gegessen. Die Illustration von Christian Badel hat es im Original bis in die Hauptstadt von Tunesien geschafft. Dort lebt jetzt ein ehemaliger Hausbewohner, der die Bäckerei auf dem Aquarell mit seinem Pankow verbindet. Der Titel „Pankows älteste Bäckerei“ geht heute über an die Bäckerei und Konditorei Pawlik in der Wilhelmsruher Hauptstraße. Die Konditorei ist seit 1918 in Familienbesitz und mit dem heutigen Tage wird sie zur ältesten Bäckerei in Pankow. Wir wünschen Jürgen Gabriel einen wohl verdienten ruhigen Lebensabend und der Familie Gabriel und ihren Mitarbeitern Frau Neumann und Frau Rekke alles Gute für die Zukunft.

Autor: Christian Bormann

red.Bearbeitung: 01.07.2017, Martina Krüger

Bilder: Christian Bormann,

Illustration: Christian Badel

Carl Maria von Weber in Pankow

Anlass für diese Geschichte ist ein kleiner, unscheinbarer Sockel. Genauer gesagt sind es zwei. Den zweiten kleineren Sockel konnte ich bei meinen Recherchen „Auf den Spuren von Schloss Schönholz“ zuordnen.

Das „Rettschlagtor“ empfing seine Gäste an der Hermann-Hesse-Straße, damals Bismarckstraße. Dahinter befand sich das ehemalige Gutshaus Schloss Schönholz. Hans Rettschlag betrieb hier seine Gastwirtschaft nebst erweitertem Tanzsaalanbau. Später stand hier das heute versunkene Heide Theater.

„Rettschlagtor“ 2017, heute rückwärtige Einfahrt vom Paul-Zobel-Sportplatz

Für die Geschichte habe ich mich mit meinem Bekannten, dem Künstler Christian Badel in der Schönholzer Heide verabredet. Ich schätze seine kolorierten Zeichnungen sehr. Die Kinderillustrationen ebenso sehr wie die historischen Pankower Ansichten. So verabredeten wir uns kurzerhand zu dieser und weiteren Geschichten.

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Rätselhafter Sockel am Heide Theater

Hinter dem Retschlagtor liegt das Heide-Theater und an seinem Foyer steht noch der mächtige Sockel einer überlebensgroßen Statue. Als Jugendlicher habe ich mich geradezu unter der Schönholzer Heide durchgewühlt. Bis Ende 2016 gelang es mir nicht, die fehlende Plastik zu bestimmen.

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Kleiner Pokalsockel der Schützengilde vom Schloss Schönholz 2017

Anders verhielt es sich bei dem zweiten, weitaus kleineren Sockel. Diesen konnte ich als Überrest des einstig als Schützenhaus genutzten Gutshauses Schönholz identifizieren. Altersbestimmung des Sockels und ein archivierter Zeitungsausschnitt machten es möglich. Auf dem Sockel, der im rückwärtigen Garten stand, befand sich noch bis in die 1940er Jahre ein Schützenpokal aus Steinzeug.

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Carl Maria von Weber-Plastik in der Schönholzer Heide

Im Februar 2017 traf ich mich mit dem Freundeskreis der Chronik Pankow e.V. zu einer Begehung in der Heide. Inhalt des Treffens war ein Gedankenaustausch anlässlich ihrer aktuellen Ausstellung über die Schönholzer Heide.

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Weberdenkmal vermutlich zur Einweihung

Es war Frau Mach vom Freundeskreis der Chronik Pankow die mich darauf hinwies, dass es sich einst um die Statue von Carl Maria von Weber handelte. Frau Mach war es auch, die mir diese historischen Aufnahmen gab. Sie selbst war als junge Frau Gast im einstigen Freilichttheater. Meine Neugier war geweckt.

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Weber-Sockel Christian Badel 25.06.2017

Und tatsächlich wurde ich in den Sammlungen der Deutschen Weber Stiftung fündig. Der am 18. oder 19.11.1786 in Eutin geborene Komponist, Dirigent und Pianist Carl Maria Friedrich Ernst von Weber war in Pankow. Das geht aus den Reise-Briefen Webers hervor.

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Historische Nachillustration Christian Badel 25.06.2017

In tagebuchähnlichen Eintragungen heißt es beispielsweise: „Sonntag 28. Juni 1812 Berlin, Pankow“ – nach Pankow zu Jord. Fried. gefahren, – mit Jettchen angezettelt, Kutscher Trinkgeld

Oder an anderer Stelle: „Mittwoch 22. Juli 1812 Berlin, Pankow“ – Mittag zu Hause, -Nachtische nach Pankow zu Kielemann und Hellwigs morgenden Geburts. gefeiert, gesungen, gespielt der arme Fuchs um 2 Uhr nach Hause fuhre.

Im Zusammenhang mit dem einstiegen Heidetheater stand Weber hier wohl goldrichtig. Frau Mach erzählte weiter, dass sich im Nachlass des Bildhauers eine Miniatur der Weber-Statue befand. Die Deutsche Weber Stiftung lehnte den Ankauf seiner Zeit ab. Der weitere Verbleib der Miniatur ist nicht bekannt.

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Christian Badel beim zeichnen des Weber-Sockels

Vielen Dank Christian für den schönen Nachmittag und die historische Illustration der Geschichte.

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Christian Badel (links), Christian Bormann (rechts) Juni 2017 Schönholz

Link zum Beitrag von Christian Badel

https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1520016371394614&id=100001587964267

 

 

Video 22: Dreharbeiten mit der Drohne zum Dreiteiler Schönholzer Heide im April 2017.

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https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1419531424784145&id=954046311332661

Autor: Christian Bormann, 05.06.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 26.06.2017

Illustrationen: Christian Badel, 25.06.2017

Fotos: Christian Bormann, Christian Badel, Jutta Mach (Freundeskreis der Chronik Pankow e.V.), Museum Pankow

Das vergessene Dorf zwischen Rosenthal und Blankenfelde

Viele Pankower kennen den Botanischen Volkspark Blankenfelde und nutzen ihn genauso gern wie ich. Ich bin hier seit Jahren regelmäßig mit meiner Hündin unterwegs und beobachte die Niederung an den Zingerteichen.

Eingang zum Volkspark und zur Wüsten Dorfstelle

Weniger bekannt ist, dass der Eingang zum Volkspark auch der Eingang zu einer wüsten Dorfstelle ist.

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Blankenfelder- und Rosendahlsche Feldmark um 1707

Jahr für Jahr schreite ich die Äcker ab und schaue, was beispielsweise Frost oder Starkregen an die Oberfläche gebracht haben.

Frühmittelalterliche Wüstung im Botanischen Volkspark

Das Dorf befand sich im Frühmittelalter zwischen Rosenthal und Blankenfelde. Vom Hauptweg in den Park aus sind es wenige hundert Meter, bis sich dem Besucher auf der rechten Seite des Weges eine Niederung erschließt.

Wüstung zwischen Rosenthal und Blankenfelde 2017

Am tiefsten Punkt der Niederung liegen die Zingerteiche. Sie waren ideal für die Ansiedlung von Menschen in einer Dorfgemeinschaft. Heute sind diese Teiche mit viel Aufwand wieder renaturiert worden.

Teil der Zingerteiche an der Wüstung

Der Teil des Volksparks auf dem die wüste Dorfstelle liegt, ist geologisch weitgehend im historischen Urzustand erhalten worden. Das Märkische Museum ist im Besitz von Funden aus dieser Wüstung.

Fundverzeichniskarte Märkisches Museum 1962

Auf der betreffenden Fundverzeichniskarte mit dem Namen: „Mittelalterliche Städte, Dörfer und Wüstungen und ihre Ersterwähnungen.“ ist die Fundstelle mit Nr.3 „Dorfstelle in der Niederung zwischen Blankenfelde und Rosenthal“ verzeichnet.

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Botanischer Volkspark Blankenfelde März 2017

Die Wüstung wurde um 1140 vermutlich zu Gunsten von Rosenthal und Blankenfelde aufgegeben. Die Luftaufnahme zeigt ein Teil der wüsten Dorfstelle im Volkspark Blankenfelde.
Link zum 360° Panorama vom Volkspark Blankenfelde und der wüsten Dorfstelle:

https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1823440664393217&id=954046311332661

Autor: Christian Bormann, 05.03.2017
red.Bearbeitung: Martina Krüger, 05.03.2017

Bilder: Christian Bormann, Märkisches Museum

Luftbild: Guido Kunze

Hundert mal Geschichte an Ort und Stelle

Hundert mal Geschichte an Ort und Stelle. So heißt unser Pilotprojekt für 2017. An 100 öffentlichen Orten werden wir 3000 QR-Spots anbringen. QR steht für Quick Response und heißt übersetzt schnelle Antwort.

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QR-Spot Bürgerpark 2017
Smartphone Besitzer können sich kostenlos den QR-Codeleser ihrer Wahl im AppStore herunterladen. An Ort und Stelle wird der Interessierte dann durch scannen des Code mit der Handykamera mit der entsprechenden Kurzgeschichte auf pankowerchronik.de verbunden.

Frau Krüger setzte den erste Spot 22.02.2017
Während der Pilotphase werden die QR-Spots regelmäsig überprüft und erneuert. Nach sechs Monaten werden wir die Statistiken auswerten und sehen ob es lohnt, die Spots weiter zu pflegen und neue hinzuzufügen. Am 22. Februar haben wir die ersten QR-Codes gesetzt.

Infopost Pilotprojekt 100×Geschichte
Das Foto zeigt Frau Krüger beim Befestigen eines QR-Codes vor dem Bethanienturm auf dem Mirbachplatz. Zwischenziel ist es, bis zum 1. April 100 Orte mit 3000 QR-Spots ausgestattet zu haben. In der Materialschlacht steht uns das Pankower Unternehmen BIP GmbH zur Seite.

Autor: Christian Bormann, 23.02.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 24.02.2017

Bilder: Christian Bormann

Meister Liebe’s Borussia vor Schönholz

Wer kennt sie nicht? Wo die Provinzstraße auf die Straße vor Schönholz trifft, erhebt sich vor dem Haus Nr.15 eine große weiße Dame, in ihren Händen hält sie die Preussischen Reichsinsignien Krone und Zepter.

Meister Liebe’s Borussia

Die überlebensgroße Plastik ist eine Allegorie auf Preussen. Hinter der Plastik im Haus Nr.15 befindet sich die Werkstatt von Stuckateurmeister Jürgen Liebe. Der seit 1978 im Stuckateurhandwerk tätig ist.

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Der Meister in seiner Werkstätte

An den Arbeiten zum Neuaufbau des Berliner Stadtschlosses war auch Meister Liebe mit seinen Jungs beteiligt. Unter anderem fertigten sie zahlreiche Abgüsse. Zu jener Zeit entstand auch die Borussia vor Schönholz.

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Borussia in der Werkstatt Jürgen Liebe

Die Borussia bei ihrer Entstehung in der Werkstatt. Schicht für Schicht entsteht die Form.

Stuckateurmeister Liebe vor seiner Werkstatt

Bei der Borussia vor seiner Werkstatt handelt es sich um einen Abguss der Borussia vom Schlüterhof des zerstörten Stadtschlosses Berlin. Unsere Borussia gibt es heute ganze vier mal. Nachdem ich mit Herrn Liebe sprach, machte ich mich auf die Spur der Geschwisterfiguren.

Borussia im Schlüterhof vor ihrer Zerstörung

Nach der Sprengung des im Krieg beschädigten Stadtschlosses durch die Sowjets, wurden die Reste mit der sogenannten Trümmerbahn abgefahren auf Lastkraftwagen und dann zum Teil mit Schiffen weggefahren. Aus etwa achtzig Prozent der Trümmersteine wurde der Kegel um den Flakbunker Friedrichshain gebaut bevor er begrünt wurde.

Sprengung des Stadtschlosses durch die Sowjets

Teile des Portals wurden 1963 in das Staatsratsgebäude der DDR verbaut. Weniger bekannt ist, dass große Fassadenteile im flachen Seddiner See versenkt wurden, auch im Köpenicker Forst und auf dem Grundstück des Tiefbauamtes Pankow-Heinersdorf wurden Reste der Figuren geborgen.

Originale in der Landeseigenen Bildhauerwerkstatt Spanndau

Einige Plastiken haben die Zeit ganz überlebt. So in einem geheimen Depot in Hohenschönhausen. Mein nächster Halt war das Humboldtforum. Hier wollte ich die nächsten Hinweise sammeln.

Borussia 2 vor dem Humboldt Forum

Und siehe da. Hier empfing mich die Borussia 2 . Diese Plastik wurde mit auf Tournee genommen, um Spenden für das Stadtschloss zu sammeln. Heute kann sie jeder am Eingang des Forums bewundern. Mein nächster Tip war die Landeseigene Bildhauerwerkstatt in Spandau. Hier sollte die fertige Version der Plastik zu finden sein. Es waren sogar zwei, eine weitere Arbeits-Borussia 3 sowie die tatsächlich fertige Figur.

Arbeitsfigur Borussia 3

Am Ziel meiner Recherche angekommen, stand sie vor mir in voller Pracht. Wer genau hinschaut kann sehen, dass nicht nur das Zepter aus Metall ist, auch der rechte Arm wird noch von einer Steinverbindung zur Plastik geschützt. Erst wenn die Borussia auf dem Hauptportal im neuen Schlüterhof steht, wird der Bildhauer die Steinverbindung entfernen.

Borussia 4 für das Hauptportal des neuen Schlüterhof

Ich freue mich jedesmal über den Anblick unserer Borussia und die damit verbundene Privatinitiative wenn ich an der Werkstatt von Meister Liebe vorbei fahre. Auch die Fassade der Werkstatt dahinter soll wieder historisch erscheinen. Auf diesem Wege bitte ich alle Leser, die Bilder haben, auf denen das originale Gebäude Straße vor Schönholz 15 zu sehen ist, meldet euch!

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https://youtu.be/TmgysVOWLWc

Autor: Christian Bormann, 16.02.2017

red.Bearbeitung: Martina Krüger, 16.02.2017

Bilder: Christian Bormann, Jürgen Liebe (1), Staatsarchiv (2)

Der Bethanienturm

Auf dem Mirbachplatz in „Neu Weißensee“ erhebt sich der 65 Meter hohe „Bethanienturm“. An kalten Jahrestagen wirkt die Kirchenruine gespenstig und abweisend.

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Bethanienkirche Mirbachplatz 1910

Das Gegenteil ist der Fall an Sommertagen. Der weisse Kalksandstein reflektiert die Sonnenstrahlen vom Kellergeschoss bis über die Dächer der am Mirbachplatz liegenden Wohnhäuser.

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Weißensee Bethanienkirche 1916

Auf Grund der starken Bevölkerungszunahme reichten die Kirchenplätze in Weißensee nicht mehr. So wurde zwischen 1900 und 1902 die Bethanienkirche im Neugotischen Stil errichtet.

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Pistoriusplatz und Bethanienturm 1953

Turmsockel und Hals sind mit weißem Kalksandstein verblendet, das Glockengeschoss ist rot geklinkert.

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Bethanienturm 2016

Die Architekten waren Geheimrat Ludwig von Tiedemann und Robert Leibnitz. Den Altar und die Kanzel baute die Firma Gustav Kuntzsch aus Wernigerode. Der Berliner Steinmetzmeister Otto Plöger schuf den Kanzelfuß. Das Kaiserpaar Wilhelm II. und Auguste Viktoria war 1902 persönlich zur Taufe der Bethanienkirche gekommen. Eine der Glocken wurde zu Ehren der Kaiserin in „Auguste Viktoria“ benannt.

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Bethanienkirche 2016

Nach einem verheerenden Angriff mit Luftminen am 26. Februar 1945 blieb der „Bethanienturm“ als einziges stehen. Mit ihm überlebte das Geläut und die „Kaiserin Viktoria Glocke“.

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Bethanienturm 2016

Bei meinen Recherchen zum Bethanienturm stieß ich auf einen Absatz zum Altar. Dem Zufall der Geschichte ist es zu verdanken, dass es heute noch den 1902 eingeweihten Originalaltar zu sehen gibt.

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Bethanienturm von innen

Die Retabel des Altar war zu hoch, wodurch das mittlere Chorfenster verdeckt wurde. Schon 1905 gab die Bethanienkirche den Altar nebst Retabel an die Glaubenskirche in Berlin-Lichtenberg ab.

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Seitenaufgang Bethanienturm

Die Spurensuche begann. Wo ist der Altar heute? Existiert er noch? Bekomme ich ein aktuelles Bild? Auf meiner Suche besuchte ich die ehemalige Glaubenskirche in Lichtenberg.

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Eingang Bethanienturm

Nachdem ich vor Ort feststellen musste, dass die Kirche aufwendig saniert wird und nicht zugänglich ist, packte mich der Ehrgeiz. Ich wollte den Altar sehen. Und ich brauchte ein Foto für meine Geschichte. Ich klinkte mich von Tür zu Tür bis ich nach dreißig Minuten einen kleinen Raum mit Menschen fand. Auf meine Fragen auf Deutsch bekam ich nur freundliches Achselzucken zur Antwort.

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In der Ruine

Es war zum Schreien. Es musste doch möglich sein, eine Person zu finden, die mir wenigstens ein Hinweis auf den Verbleib des Altars geben kann. Ich startete einen letzten Versuch auf englisch.

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Turmruine 2016

Und siehe da. Aus einem kleinen Nebenraum trat ein älterer Herr in schwarzem Gewand. Ihm zur Seite stellte sich ein Dolmetscher mit einem Säugling im Arm. Der Mann im Gewand war „Mankaryos Bischof der Eritreisch-Orthodoxen-Tewahedo-Kirche“.

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Bethanienturm von unten

Ich wurde herzlich vom Bischof und anwesenden Gemeindemitgliedern  empfangen. Nachdem ich mein Anliegen dargestellt hatte, erklärte sich der Bischof bereit, mir den Zugang zu gewähren. Nur wenige Meter weiter öffnete er eine kleine, unscheinbare, weiße Tür. Es war ein versteckter Seiteneingang zum Gebetsraum.

Ehemalige „Glaubenskirche Berlin-Lichtenberg“

Ich trat vor den Altar und konnte es kaum glauben. Da war er. Das einzige noch erhaltene Originalinterieur der Bethanienkirche.

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Bischof Mankaryos dem Bethanienaltar

Beides, Altar und Retabel sind heute noch in Lichtenberg zu finden. Seit 1998 baut die Koptische Gemeinde Berlin die Kirche zu ihrem Zentrum aus. Seit mehreren Jahren wird die 1903 bis 1905 gebaute Kirche aufwendig von der Koptischen Gemeinde Berlin restauriert.

„Bethanienaltar“ in Berlin-Lichtenberg 2016

Das im Bethanienturm verbliebene Geläut ist samt Turm und Grundstück Eigentum eines Wohnungsbau-Investors.

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Bethanienturm auf dem Mirbachplatz

Zu besonderen Anlässen darf die Gemeinde Weißensee das Geläut mit „Viktoria Auguste“ erklingen lassen.

Der Mirbach Platz trägt seinen Namen zu Ehren des Oberhofmeister Ernst Freiherr von Mirbach er war maßgeblich für die Finanzierung der Bethanien Kirche verantwortlich.

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https://youtu.be/psoAzIxR908

Bis heute habe ich den Bethanienturm immer mit einer ganz besonderen Freundin verbunden die am Mirbachplatz wohnt. Ivonne diese Geschichte soll deine sein.

Herzlichen Dank an Bischof Mankaryos und die Koptische Gemeinde Berlin für ihre freundliche Unterstützung.

Autor: Christian Bormann, 02.07.2016
red. Bearbeitung: Martina Krüger, 03.07.2016
Bilder: Ansichtskarten, Christian Bormann
Luftbild: Guido Kunze

Pankower ist 1. König von Albanien

Der am 16.10.1871 geborene Pankower Otto Witte war Schausteller und Abenteurer. Am 28.10.1912 erklärte Albanien seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Weder das westliche Europa noch das Osmanische Reich trauten Albanien eine eigene Führung zu. Es begann das Tauziehen um den Einfluss in Albanien zwischen Deutschen und Türken.

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Witte als General Feldmarschall
In diesen Wirren betritt der Pankower Otto Witte die Bühne der Geschichte. Witte ist zu dieser Zeit Soldat in der türkischen Armee. In Konstantinopel traf er seinen Bekannten Ismael Arzim. Witte hatte enorme Ähnlichkeit mit Prinz Hallim Eddina. Der Abenteurer Witte sprach Rumänisch, Serbisch, Bulgarisch, Türkisch und Griechisch. Arzim warb ihn sogleich als Spion an. Zu seinen ersten Aufgaben gehörte die Beschaffung der Angriffspläne der bulgarischen und der serbischen Armee.

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Witte und Tochter Elfriede 1920
Nachdem er diese Aufgaben erfolgreich abgeschlossen hatte, fühlte sich Witte zu Höherem berufen. Fortan war er unter dem Decknamen „Prinz“ als Türkischer Generalfeldmarschall unterwegs. Stehts an seiner Seite war sein Adjutant Ismael Arzim. Sie befanden sich mitten im Balkankrieg und die türkische Armee drohte ihren Einfluss in Albanien zu verlieren. Da ließ Generalfeldmarschall Witte zwei türkische Armeekorps zusammenlegen.

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Otto Witte mit Adjutanten
In einer Vorausdepesche kündigte der Generalfeldmarschall seine Ankunft sowie die sofortige Übernahme des Oberbefehls an. Die Türkische Generalität war beeindruckt vom falschen Prinzen. Er schien geeignet, die türkischen Interessen in Albanien zu vertreten. Auch die albanische Seite versprach sich von der Krönung eines eigenen Königs mehr Unabhängigkeit. So wurde der Pankower Otto Witte am 15.02.1913 eiligst zum 1. König von Albanien gekrönt. Die Nachricht von der Ausrufung Otto I. von Albanien ging um die Welt.

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Personalausweis Witte’s mit Titel
In Deutschland herrschte blankes Entsetzen. Reichskanzler Bethmann Hollweg war außer sich vor Wut. Schließlich hatte man sich doch auf den Prinzen zu Wied als König geeinigt. Die Türken, sich keiner Schuld bewusst, ließen ausrichten, dass der Prinz in Konstantinopel sei und es sich um ein Irrtum auf deutscher Seite handelte. Gefahr drohte Otto I. von nationalistischen Albanern, die keinesfalls bereit waren, den vermeintlich türkischen Prinzen als albanischen König anzuerkennen.

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Reklamekarte des Abenteuers
Als der Angriff erfolgte, stellte sich Witte an die Spitze der Palastgarde und schlug die Angreifer in die Flucht. König Otto I. hielt sich ganze 5 Tage auf dem Thron. Bevor man ihn als Hochstapler verhaften konnte, floh er ins Deutsche Reich zurück. Witte wohnte in der Wollankstraße 41, seiner Berufung als Schausteller blieb König Witte treu.

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Orientalische Bühnenshow Otto 1.
Er vermarktete sich selbst als Otto I., Ex-König von Albanien.  Ehemaliger König von Albanien war auch offiziell in Wittes Personalausweis vermerkt. Am 13.08.1958 starb Otto I., sein Grab befindet sich in Hamburg auf dem Friedhof Ohlsdorf. Der pompöse Grabstein trägt die Inschrift „OTTO WITTE EHEM. KÖNIG V. ALBANIEN“.

Die Familie Witte blieb dem Schaustellergewerbe treu. So machten auch der Enkel Norbert Witte als Ex-Spreepark Chef und der Urenkel Marcel Witte weltweit Schlagzeilen.

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Norbert Witte 2004 vor Gericht
Von 2002 bis 2006 mussten die Spreeparkfreunde mit ansehen wie die Wittes mit Fahrgeschäften ins Ausland flohen. Sie hinterließen Schulden und einen nicht mehr zu rettenden Spreepark. Der ganz große Coup sollte es sein.

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Marcel Witte 2006 vor Gericht
Gemeinsam mit der Mafia wollten Norbert und Marcel mit ihren Fahrgeschäften Kokain schmuggeln. Norbert Witte stand 2004 vor Gericht. Sein Sohn Marcel Witte wurde 2006 wegen bandenmäßigem Drogenhandel verurteilt.

Autor: Christian Bormann, 27.05.2016

Bilder: antike Ansichtskarten (6), Berliner Zeitung 2002-2006 (2)

Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 28.05.2016

Der Hexenturm an der alten Meierei im Bürgerpark

Seit mehr als 100 Jahren ist der Killisch von Horn Park für die Pankower als Bürgerpark öffentlich zugänglich. In der Kreuzstraße 5 neben Schmidt-Hutten aufgewachsen, verbrachte ich fast jeden Tag mit meinen Schulfreunden im Bürgerpark. Als Kinder hatten wir zwei Lieblingsplätze. Da war zum einen die Teufelsbrücke über dem Ziegengehege.

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Teufelsbrücke

Im Sommer konnten wir uns hier mit unseren Fahrrädern austoben und im Winter wurden die Zweiräder gegen Schlitten getauscht. Der zweite Ort war geheimnisvoll und für uns Kinder gruselig. Es war die alte Meierei mit dem Hexenturm.

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Taubenturm an der alten Meierei

Das einstöckige gelbe Backsteingebäude ließ Killisch von Horn 1860 bis 1868 mit Taubenturm errichten. Die Fenster waren zugemalert und es ließ sich kein Blick ins Innere werfen.

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alte Meierei und Sportrestaurant

Das Gebäude und der Hof waren immer sichtgeschützt.  Vom Hof selbst war nur das Bellen eines großen Hundes zu hören. Das ist auch heute noch so. Das geheimnisvolle Gebäude wurde in unserer kindlichen Fantasie zu den Resten eines Alten Schlosses mit Hexenturm. Der Turm zog uns Kinder magisch an.

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Vogelvoliere am Jägerhaus

Die Meierei mit ihren gelben Backsteinen war so völlig anders als alle anderen Gebäude im Park. An der westlichen Seite des Parks befand sich von Anfang an der Wirtschaftsteil. Dieser umfasste die alte Meierei, das zweistöckige Jägerhaus an der Vogelvoliere und eine Orangerie.

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Jägerhaus an der alten Meierei

Das Jägerhaus existiert heute noch, aber ohne zweites Stockwerk. Es steht zwischen Meierei und Vogelvoliere. Auf der großen abgezäunten Freifläche befanden sich die Tennisplätze.

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zubetonierte Tennisplätze

Der Alten Meierei fehlt ebenfalls das Dach. Der Mauerschatten des Daches ist noch an der Rückseite des Hexenturmes zu sehen. Im Hexenturm, der als Taubenturm errichtet wurde, hing ursprünglich eine Vesperglocke die zur Abendandacht geläutet wurde.

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Sportrestaurant in der Meierei 1940

In der alten Meierei befand sich in den 1940er Jahren ein Sportrestaurant. Zwei weitere Gastronomen bewirtschafteten das Jägerhaus und das Restaurant Hillgners im alten Herrenhaus am Rosenpavillon.

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Teller Restaurant Bürgerpark

Der Bürgerpark hat heute drei Steintore. Das pompöse Haupttor im Stiel eines Triumphbogens mit seinen beeindruckenden Putten ist allen bekannt. Daneben gibt es noch das verputzte Backsteintor in der Kreuzstraße und das 1929  mit Zufahrtsstraße errichtete kleine Schmucktor am alten Pumpwerk Wilhelm-Kuhr-Straße.

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Steintor u. Wirtschaftstraße Meierei

Tor und Straße wurden speziell für die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Sportrestaurants  sowie der Tennisplätze und Hillgners Restaurant Bürgerpark gebaut. Die alte Meierei wird vom Bezirksamt Pankow als Lager benutzt.

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Vogelkäfige in der alten Meierei

Im Inneren sind noch Vogelkäfige, Futter und allerhand Gärtnereiutensilien für den Betrieb der Vogelvoliere  zu sehen.

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alte Meierei und Tennisplätze 2017

Die Tennisplätze wurden betoniert und sind heute Stellfläche für den Fahrzeugpark des Grünflächenamtes.

 

Autor: Christian Bormann, 25.05.2016

Redaktionelle Bearbeitung: Martina Krüger, 25.05.2016

Bilder: Bormann, historische Postkarten

Luftbild: Guido Kunze