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Alter Dorfkrug Pankow aufgetaucht

Nach dem Abriss der alten HO-Kaufhalle in der Breiten Straße lag das Areal viele Jahre lang brach. Der neue Besitzer, die ANH Hausbesitz GmbH und und Co Kommanditgesellchaft, plant hier einen Wohn- und Geschäftskomplex. Anfang 2021 entstand hier ein temporäres Projektcafé. Das einstöckige holzverkleidete Modulbauwerk wird vom Grundstückseigentümer betrieben.

Luftaufnahme der HO-Kaufhallenbrache Breite Straße 2018

Ende März fanden dann Anschlussarbeiten an das Wasserwegenetz statt. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als dabei Kellerreste zutage traten. Viele Pankower kennen noch die HO-Kaufhalle. Die größte Berlins, sie lag schließlich auch an der Protokollstrecke von Schloss Schönhausen.

„Bier Stube“ Alter Dorfkrug Pankow, Breite Straße 34. Postkarte zum Neujahr um 1900.

Die Kaufhalle stand auf den ehemaligen Grundstücken 34A, und 35. Die 34A gehörte damals zur 34. Hier stand das Gasthaus Linder, welches im 2. Weltkrieg zerbombt wurde. Die 34A beherbergte den alten Pankower Krug. In der 35 befand sich Pankows erstes eigenständiges Postamt. Was nach dem Krieg noch auf den Grundstücken 34A bis 35 stehen geblieben war, wurde in den 1980er Jahren für den Neubau der Kaufhalle abgerissen.

„Zum alten Krug“, Breite Straße 34 um 1920.

Spätestens mit dem Abriss der alten Kaufhalle galt das Grundstück als beräumt und historisch uninteressant. Bei meiner üblichen Inaugenscheinnahme der Tiefbauarbeiten fiel mir auf, dass der neue Wasseranschluss in Kellerresten steht, die Spuren von mehreren Bauphasen aufweisen. So reichen die verwendeten Klinker in ihrer Machart von etwa 1800 bis 1940.

Ausschnitt „Plan von Pankow“ von J. C. Selter 1818. Markierung „Der Krug“.

Bei genauer Betrachtung fällt eine Steinschwelle auf, die in Größe, Art und Höhenniveau durchaus die verbliebene Eingangsschwelle des Dorfkruges sein könnte. Für die Recherchen zum Alter des Gebäudes halfen mir Frau Jutta Mach und der Freundeskreis der Chronik Pankow e.V. Frau Mach wies mich auf die Quelle „Jacobi Große Stadt aus kleinen Steinen“ [1] hin. Jacobi gibt als Entstehungsdatum des Krugs 1821 an.

Luftaufnahme 1928, Markierung zeigt den alten Dorfkrug noch als Gebäude

Ich muss Jacobi hier widersprechen. Bereits auf Karten aus dem 18. Jahrhundert ist an der Stelle ein Gebäude ohne Bezeichnung eingetragen. Darüber hinaus zeigt der „Plan von Pankow“ nach J. C. Selter das Gebäude mit dem Namen „Der Krug“ um 1818. Meiner Auffassung nach sollte es den Krug schon Anfang 1700 möglicherweise als Vorgängerbau gegeben haben. Hier war sozusagen die Keimzelle für die späteren Gastwirtschaften, die Pankow zur Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts seinen Ruf als Ausflugsort bescherten.

Berlins größte HO-Kaufhalle Breite Straße in den 1980er Jahren

Zu den Bekanntesten Gastwirten in Pankow gehörte auch Friedrich Mücke. Er begann seine Kariere 1895 im Krug. Seine erste eigene Wirtschaft betrieb er in der Berliner Straße 4, darauf folgte ein Etablissement in der Damerowstraße 23. Eine weitere Einrichtung betrieb Mücke in der Breiten Straße 40. Das Haus Berliner/Ecke Breite Straße ist heute eine Freifläche. Hier steht der Tröpfelbrunnen „Kletternde Kinder“. Der Krug diente damals den Kutschern als Aufenthaltsraum. Hier hatten sie zwischen ihren Fahrten ein Dach über dem Kopf und waren auch vor Wind und Wetter geschützt.

Kellerreste auf dem Grundstück des alten Dorfkrug.

Damals war es durchaus üblich das der Kutscher direkt vom Tresen auf die Kutsche stieg. Die Breite Straße hatte schon so einige Namen. Als Dorfstraße 1871 in Breite Straße benannt, erfolgte zu Ihrem 100. Namensjubiläum die Umbenennung in Johannes-R.-Becher-Straße und nach der Wiedervereinigung wieder in Breite Straße. Auch der Name des Dorfkrug änderte sich mit den Jahren und Betreibern. Bereits 1818 als „Der Krug“ bezeichnet, hieß er zur darauf folgenden Jahrhundertwende „Bierquelle“, dann „Bierkrug“ und zu guter letzt in den 1920er Jahren „Zum alten Krug.“

Anschluss des Areals an das städtische Abwasser April 2021

Mit dem Einverständnis des Grundstückeigentümers schaute ich mir die Kellerreste einmal genauer an. Ich war schon wieder aus der Grube geklettert, als etwas rötliches im Sonnenschein reflektierte und mich blendete.

Vermuteter Eingangsbereich in den Dorfkrug, April 2021

Meine Neugier war geweckt. Behutsam schob ich etwas Erde und Putzstaub beiseite. Ich traute meinen Augen kaum. Als erstes konnte ich eine Rose erkennen und Stück für Stück kam der Rest einer kleinen Keramikkanne zum Vorschein.

Bodenfund im Keller am ehemaligen Standort des alten Dorfkrug April 2021

Für mich stellt dieser kleine Kellerfund, dessen Entstehung ich auf 1860 bis 1940 schätze, das letzte Stück Dorfkrug da und ist ein guter Anlass, den „Alten Krug“ als Geschichte zu thematisieren. Die Kanne ist mit einer merkwürdigen Art Patina überzogen, hat einen winzigen Henkel und eine aufgesetzte Rose. Vermutlich handelte es sich um eine kleine Tischvase für Trocken- und Papierblumen.

Bodenfund Breite Straße, April 2021, geborgener Keramikkrug

Der letzte Nachweis über die Existenz des „Dorfkrug“ ist eine englische Luftaufnahme von 1928. Die Aufnahme zeigt das komplette Gebäude. Auf den Luftbildern der Alliierten von 1953 ragen Baumkronen über das Grundstück. Hier lässt sich nicht mehr seriös feststellen, ob das Gebäude noch in Gänze steht oder ob es sich nur um die Trümmerreste handelt. Bleibt abzuwarten, was bei den geplanten Tiefbauarbeiten auf dem Areal noch zum Vorschein kommt. Vermutlich existieren auch die Keller der Nachbargebäude noch.

Autor: Christian Bormann

Redaktion: Martina Krüger

Bilder: Christian Bormann, Julia Hermann, Guido Kunze, Lars-Holger Thümmler, Tagesspiegel

Quellen:

[1] Gießmann, C., Jacobi, O. (1936). Große Stadt aus kleinen Steinen : Ein Beitrag zur Geschichte des 19. Berliner Verwaltungsbezirks. Berlin, Anzeiger f. d. Berliner Norden.